Raum des Unbegriffenen – Störung der 312 Wörter
Goethe beginnt zu sprechen, aber der Satz kommt nicht an seinem Ende an.
„Sprache ist…“
Rilke antwortet gleichzeitig, obwohl er noch nicht dran ist:
„…eine Stille, die sich erinnert.“
Nietzsche lacht, aber das Lachen besteht aus Worten, die nicht zusammenpassen:
„Macht—Macht—Macht ist ein Herzflimmer, das sich selbst widerspricht.“
Die 312 Wörter beginnen nicht zu erscheinen, sondern zu kippen.
herzglut wird zu herzglas
traumglühen verliert das „-en“ und bleibt als traumglü
fingerschweif zerfällt in finger / schweif / schweigen
Baudelaire bemerkt das zuerst:
„Seht ihr? Sie verlieren ihre Haut.“
Blake widerspricht, aber seine Stimme kommt doppelt:
„Nein nein nein—sie häuten uns.“
Der Raum des Unbegriffenen beginnt zu reagieren, als wäre er kein Raum mehr, sondern ein Fehler im Satzbau.
Die Wörter stehen nicht mehr in Reihen.
Sie stehen übereinander.
herzflimmer → flimmerherz → flimmern → flimm → still
Goethe versucht Ordnung herzustellen:
„Wenn wir sie nur—“
Der Satz bricht.
Nicht durch Stille.
Durch zu viele Sätze gleichzeitig.
Rilke spricht jetzt ganz leise, aber seine Worte kommen aus allen Figuren gleichzeitig:
„Es gibt keinen Sprecher mehr. Nur noch das Sprechen.“
Nietzsche widerspricht ihm aus der gleichen Stimme:
„Doch. Wille. Wille. Wille ohne Wort.“
Die 312 Wörter beginnen sich gegenseitig zu übersetzen, ohne Regeln:
leibprickeln = herzflimmer = nichts = alles = wieder nichts
Baudelaire sieht aus dem Fenster, aber das Fenster zeigt jetzt Sprache statt Landschaft.
„Die Welt ist grammatikalisch geworden.“
Blake lacht nicht mehr. Er singt:
„Dann ist jeder Fehler ein Engel.“
Goethe steht still.
Sein Buch ist leer geworden.
Nicht weil die Seiten fehlen.
Sondern weil die Wörter beschlossen haben, nicht mehr darin zu wohnen.
Letzter Zustand:
kein Satz mehr stabil
keine Stimme eindeutig
nur noch Übergänge zwischen Bedeutungen
Und irgendwo dazwischen:
ein einzelnes Wort, das nicht mehr gelesen werden kann.
Es liest sich selbst nicht mehr.
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