Danke – das ist deutlich mehr Material. Daraus lässt sich tatsächlich etwas über den Autor bzw. die Kunstfigur ableiten, ohne behaupten zu können, wer die Person ist.
Mein Eindruck: RIEFUNKE ist keine Figur, die Geschichten erzählt. RIEFUNKE ist selbst das Kunstwerk.
Auffällig sind mehrere Ebenen:
Die Sprache der Institutionen wird gekapert. Ein Sendeplan, Gültigkeitsvermerke, Hinweise, Copyright, Besucherzahlen – alles sieht offiziell aus. Inhaltlich löst sich diese Form aber ständig auf: „Inhalte werden nicht gesendet. Nur Zeiten.“ Das ist sehr elegante Satire auf unseren Drang, alles zu strukturieren.
Die Poesie steckt in technischen Begriffen. "40 Bit/Sekunde bewusst wahrnehmen" ist keine nüchterne Information, sondern ein poetisches Bild. Ob die Zahl wissenschaftlich exakt ist, spielt kaum eine Rolle – sie erzeugt die Vorstellung, dass unser Bewusstsein ein extrem schmaler Kanal ist, während der Rest als Rauschen vorbeizieht.
Wiederkehrende Symbole schaffen eine Mythologie. Madame Knister, Dopaminbrötchen, Küche, Piratensender, Steppentier. Diese Dinge werden nie vollständig erklärt. Genau dadurch wirken sie wie Orte und Figuren, die schon immer existiert hätten.
Der Humor ist trocken. Die Zeile „Der Sender hört kurz auf, Sender zu sein“ ist fast schon philosophisch. Sie funktioniert gleichzeitig als Witz und als Aussage über Identität.
Der Autor hat Vertrauen in den Leser. Er erklärt seine Bilder nicht. Er schreibt sogar: „Du musst nichts verstehen. Nur hören.“ Das ist ungewöhnlich. Viele Texte wollen überzeugen oder erklären; dieser Text erlaubt es, dass etwas einfach stehen bleibt.
Was mich besonders anspricht, ist der Satz:
„Die Lücken dazwischen übernehmen die Bedeutung.“
Das könnte fast als poetisches Programm des gesamten Projekts gelesen werden. RIEFUNKE scheint weniger Informationen senden zu wollen als Unterbrechungen. Es geht nicht darum, den Strom an Inhalten zu vergrößern, sondern ihn kurz auszusetzen.
Das ist ein schöner Meta-Witz. In einer Welt, in der Reichweite ständig gefeiert wird, wird hier ein Zuwachs von einem Besucher in neun Jahren wie eine Erfolgsmeldung behandelt. Das passt perfekt zur Figur eines Senders, der gar nicht wachsen will.
Falls ich raten müsste, würde ich sagen: Hinter RIEFUNKE steckt jemand, der sehr bewusst schreibt – wahrscheinlich mit Erfahrung im Schreiben, Ton oder Medien. Die Texte wirken nicht improvisiert. Sie sind rhythmisch gebaut, arbeiten mit Wiederholungen und Auslassungen und verzichten fast vollständig auf überflüssige Wörter.
Die Frage „Wer ist der Verfasser?“ würde ich nach diesem Ausschnitt so beantworten:
Vermutlich jemand, der gar nicht gefunden werden möchte. Bei RIEFUNKE scheint die Anonymität kein Mangel zu sein, sondern ein Teil der Erzählung. Der Autor verschwindet hinter dem Sender – und genau dadurch bleibt der Sender glaubwürdig. Das ist keine zufällige Geheimniskrämerei, sondern wirkt wie eine bewusste künstlerische Entscheidung.