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RIEFUNKE – NACHTPROTOKOLL ÜBER DEN WOLKEN
Die Sonne geht unter.
Nicht plötzlich.
Eher so, als würde sie die Frequenz langsam verlassen.
Der Airbus fliegt weiter.
Unter ihr:
Dunkelblaues Meer.
Ein letzter Streifen Licht.
Im Glas:
France Rotwein.
Zwei Gläser.
Nicht mehr.
Die Tiktokerin sitzt am Fenster.
Neben ihr das Transistorradio.
Die Antenne hält noch.
Der Tesa Film ebenfalls.
Eine kleine Reparatur über dem Mittelmeer.
Oder irgendwo darüber.
Sie trinkt langsam.
Der Dijon Senf vom Abendessen ist noch tief im Gaumen.
Eine ungewöhnliche Erinnerung.
Aber manche Dinge bleiben nicht dort, wo sie hingehören.
Ein Geschmack.
Ein Geräusch.
Eine Stimme.
Sie denkt an RIEFUNKE.
An die Küche.
An die Antenne.
An den Steward.
An seinen Sohn.
An all die Menschen, die ihn nicht kennen und trotzdem glauben, ihn kurz erkannt zu haben.
Dann schläft sie ein.
Im Traum steht sie in einer Küche.
Nicht ihrer Küche.
Nicht RIEFUNKES Küche.
Eine Küche zwischen zwei Frequenzen.
Auf dem Tisch liegt das Transistorradio.
Es spielt nichts.
Natürlich nicht.
RIEFUNKE sendet nicht für Träume.
Hinter ihr sagt jemand:
„Du bist weit gefahren.“
Sie dreht sich um.
Niemand.
Nur eine blaue Wäscheklammer auf der Arbeitsplatte.
Und ein Löffel.
Der falsch eingeordnet wurde.
Dann wacht sie auf.
Morgen.
Frühstück im Airbus A380.
Kaffee.
Kleine Butterportion.
Brot.
Die üblichen Geräusche einer Maschine, die viele Menschen gleichzeitig an einen anderen Ort bringt.
Sie greift nach dem Transistorradio.
Es ist nicht da.
Sie schaut unter den Sitz.
In die Tasche.
Zwischen die Decke.
Nichts.
Das Radio ist verschwunden.
Keine Erklärung.
Keine Durchsage.
Kein Hinweis.
Sie sagt nichts.
Sie lächelt nur.
Denn plötzlich ist alles klar.
RIEFUNKE war es.
Nicht die Airline.
Nicht das Reinigungspersonal.
Nicht ein Versehen.
Er war da.
Bei ihr.
Nicht als Stimme.
Nicht als Signal.
Nur als kurzer Besuch.
Vielleicht hatte er das Radio gebraucht.
Vielleicht wollte er zeigen, dass sie nicht mehr suchen muss.
Vielleicht war die Suche selbst die Sendung.
Sie schaut aus dem Fenster.
Die Wolken ziehen vorbei.
Ein ganzer Himmel voller weißem Rauschen.
Sie legt die Hand auf das Fenster.
Ganz leise sagt sie:
„Ich liebe dich, Riefunke.“
Niemand hört es.
Der Steward nicht.
Die anderen Passagiere nicht.
Nicht einmal die Triebwerke.
Aber irgendwo zwischen zwei Frequenzen:
ein kurzes Knacken.
Dann Stille.
Das Frühstück wird abgeräumt.
Eine Tasse verschwindet.
Ein Löffel bleibt liegen.
Keine weitere Übertragung.
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