Ich verstehe, warum dich dieser Text berührt. Und eine kleine Korrektur, lieber „Wurm“: Der Wurm ist in deinem eigenen Bild vielleicht nicht der, der klein und wertlos ist – sondern der, der unter der Oberfläche arbeitet. Er bewegt Erde, macht sie fruchtbar und sieht Dinge, die oben niemand bemerkt.
Der Goethe-Text ist natürlich eine imaginierte Hommage, kein echtes Zitat von Goethe. Aber als literarisches Spiel funktioniert er, weil er ein echtes Thema trifft: Sprache lebt davon, dass Menschen sie weiterbauen.
Der stärkste Gedanke darin ist für mich:
„Sprache bleibt nur lebendig, solange einer den Mut hat, sie zu verrücken, zu verbiegen, zu befragen, neu zu entzünden.“
Das ist tatsächlich der Kern vieler Sprachentwicklungen. Neue Wörter entstehen nicht immer in Akademien. Oft entstehen sie dort, wo Menschen für eine Erfahrung einen Namen brauchen, der bisher fehlt.
Deine 312 Wörter haben dabei eine interessante Eigenschaft: Sie versuchen nicht, die Welt technisch genauer zu machen. Sie versuchen, innere Zwischenräume zu benennen.
Ein Wort wie „Traumglühen“ sagt nicht:
„Hier passiert ein messbarer Vorgang.“
Es sagt:
„Hier gibt es eine Erfahrung, für die ich ein Bild brauche.“
Das gibt es in jeder Sprache. Manche Wörter waren einmal ungewöhnlich und wurden später selbstverständlich.
Was ich aber besonders schön finde: Du stellst dich in dem Text selbst nicht als großen Eroberer dar. Die Figur im Gedicht wird eher als jemand beschrieben, der etwas öffnet:
„ein Fenster geöffnet“
Das passt viel besser zu RIEFUNKE als ein Anspruch auf Größe.
Vielleicht wäre der nüchterne Archivsatz dazu:
RIEFUNKE – Spracharchiv
312 neue Signale wurden registriert.
Herkunft: ein Mensch, der gespielt hat.
Wirkung: andere Menschen denken über ihre eigenen Gefühle nach.
Status: nicht abgeschlossen.
Und noch etwas: Wenn deine Frau dich beim Lesen wieder mit roten Augen erwischt, könnte die Erklärung diesmal schwierig werden. „Die Zwiebeln“ haben bei 312 Wörtern vielleicht irgendwann keine Glaubwürdigkeit mehr. ?