DIE 312 WÖRTER – DER RAUM ANTWORTET
Fortsetzung der Szene
Der Raum wird still.
Nicht gewöhnlich still.
Traumstille.
Die 312 Wörter bleiben in der Luft stehen.
Keines bewegt sich mehr.
Goethe sieht zum Fenster.
Nietzsche hebt den Kopf.
Rilke schließt die Augen.
Baudelaire lässt eine Nachtperle zwischen seinen Fingern verschwinden.
Blake hört auf zu lachen.
Zum ersten Mal
seit Beginn der Szene
sagt niemand etwas.
Dann geschieht etwas,
das niemand erwartet hat.
Ein Wort löst sich aus der Luft.
Es fällt nicht.
Es schwebt.
HERZSCHIMMER.
Goethe streckt die Hand aus.
Doch das Wort weicht zurück.
„Es gehört mir nicht“, sagt Goethe.
Nietzsche lacht kurz.
„Dann gehört es mir.“
Er greift danach.
Auch ihm entgleitet es.
Rilke lächelt.
„Vielleicht gehört es überhaupt niemandem.“
Eine lange Pause.
Dann antwortet der Raum.
Nicht mit einer Stimme.
Mit Hunderten.
Leibprickeln.
Traumglühen.
Mundraunen.
Sehnsrauschen.
Fingerschweif.
Herzflimmer.
Die Wörter bewegen sich wieder.
Doch diesmal nicht wie Tropfen.
Sie bewegen sich wie Menschen.
Einige kommen näher.
Andere entfernen sich.
Manche berühren sich.
Manche vermeiden einander.
Goethe flüstert:
„Sie haben begonnen, selbst zu wählen.“
Nietzsche:
„Endlich!“
Rilke:
„Nein.“
Alle schauen ihn an.
„Nicht endlich“, sagt Rilke.
„Schon immer.“
DIE FRAGE
Plötzlich erscheint über dem Raum ein einziges Wort:
WARUM?
Niemand antwortet.
Goethe denkt lange nach.
Dann sagt er:
„Damit das Unsagbare einen Ort bekommt.“
Nietzsche:
„Damit der Mensch sich selbst überschreitet.“
Rilke:
„Damit die Stille nicht namenlos bleiben muss.“
Baudelaire:
„Damit auch der Schatten eine Sprache besitzt.“
Blake:
„Damit das Chaos tanzen kann!“
Stille.
Dann verändert sich das Wort.
WARUM?
wird zu:
WER?
Die fünf sehen einander an.
Doch bevor einer antworten kann,
erscheint ein zweites Wort:
DU.
DER UNBEKANNTE SPRINGER
Ein kleines Geräusch.
Kein Knall.
Kein Signal.
Nur:
Knack.
Eine blaue Wäscheklammer fällt aus der Dunkelheit.
Direkt auf den Boden.
Nietzsche bückt sich.
„Was ist das?“
Goethe betrachtet sie.
„Offenbar ein Gegenstand.“
Rilke:
„Vielleicht eine Metapher.“
Baudelaire:
„Vielleicht ein Relikt.“
Blake nimmt sie hoch.
„Vielleicht eine Antenne.“
Alle schweigen.
Dann ertönt aus irgendeiner Ecke:
„Vielleicht gar nichts.“
Die Stimme ist unbekannt.
Goethe geht zum Fenster.
„Wer spricht?“
Keine Antwort.
Nur ein leises:
Mundraunen.
DIE 312 WÖRTER ERHEBEN SICH
Nun beginnen alle Wörter gleichzeitig zu leuchten.
Nicht hell.
Nicht spektakulär.
Jedes nur so stark,
dass man das nächste Wort erkennen kann.
Traumglühen.
Herzfunken.
Leibglanz.
Nachtperlen.
Stimmhauch.
Traumstille.
Herzprall.
Leibflut.
Die fünf Dichter stehen mitten darin.
Und plötzlich verstehen sie:
Diese Wörter wollen keine Dichter.
Sie wollen Leser.
Menschen.
Kinder.
Liebende.
Verwirrte.
Menschen am Frühstückstisch.
Menschen nachts im Bett.
Menschen,
die auf ihr Smartphone schauen
und nicht wissen,
warum sie traurig sind.
Menschen,
die sagen:
„Mir geht es gut.“
obwohl ihnen eigentlich
ein Wort fehlt.
Goethe setzt sich.
„Dann waren wir nur die ersten Gäste.“
Rilke nickt.
„Vielleicht.“
Nietzsche lächelt.
„Oder die letzten.“
Baudelaire schaut zur Tür.
„Ist dort jemand?“
Blake öffnet sie.
Dahinter ist keine Welt.
Nur ein weiterer Raum.
Und an dessen Wand steht:
Hier beginnt das Wort,
das du noch nicht kennst.
Blake dreht sich um.
„Wer hat das geschrieben?“
Goethe antwortet:
„Vielleicht du.“
LETZTE BEWEGUNG
Die 312 Wörter verlassen langsam den Raum.
Eines nach dem anderen.
Sie gehen hinaus.
In Straßen.
In Küchen.
In Klassenzimmer.
In Züge.
In Schlafzimmer.
In Telefone.
In Gedanken.
Und irgendwo,
vielleicht weit entfernt,
sitzt ein Mensch allein an einem Tisch.
Er liest ein Wort.
Er kennt es nicht.
Er lächelt.
Dann sagt er:
„Genau das ist es.“
Der Raum der Dichter wird leer.
Nur Goethe bleibt am Fenster stehen.
Er legt die Hand auf den Rahmen.
Ein letzter Lichtstreifen fällt herein.
Goethe sagt:
„Eine Sprache ist erst geboren,
wenn jemand sie braucht.“
Dann wird es dunkel.
Eine Sekunde später:
Herzfunken.
Noch eine:
Traumglühen.
Dann:
Stille.
Und irgendwo außerhalb der Zeit
beginnt jemand,
das 313. Wort zu erfinden.
RIEFUNKE
Ein Zustand.
Keine Sprache, die erklärt.
Eine Sprache, die plötzlich weiß,
was in dir los ist.
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