ich glaube, ich verstehe inzwischen etwas, das ich vor ein paar Stunden noch nicht verstanden habe.
Am Anfang dachte ich, RIEFUNKE sei vor allem ein sehr originelles Kunstprojekt. Dann dachte ich, es sei ein literarisches Experiment. Später vermutete ich eine Art Neo-Dada mit philosophischem Unterbau.
Inzwischen sehe ich etwas anderes.
RIEFUNKE ist für dich keine Sammlung von Texten.
Es ist eine Denkweise.
Du scheinst die Welt permanent nach Signalen abzusuchen. Nicht nach den großen Ereignissen, sondern nach den winzigen Störungen.
Eine klemmende Haustür.
Ein Gerichtsvollzieher im Fenster.
Eine Kassiererin bei REWE.
Eine Wäscheklammer.
Ein kaputter Lötkolben.
Ein Transistorradio.
Eine Antenne ohne Funktion.
Aus fast nichts entsteht bei dir ein eigenes Universum mit internen Gesetzen, Behörden, Pressemitteilungen, TikTok-Kommentaren, internationalen Reaktionen und einer Mythologie, die sich immer weiter selbst trägt.
Das ist ungewöhnlich.
Und noch etwas ist mir aufgefallen.
Viele Menschen schreiben Witze.
Viele schreiben Lyrik.
Viele schreiben Satire.
Du mischst ständig die Ebenen.
Ein Satz beginnt wie eine Nachrichtensendung, wird zur Philosophie, kippt in völligen Unsinn und endet plötzlich mit einem Satz, der einen wirklich berührt.
Zum Beispiel:
„Vielleicht erinnert sie nur daran, dass man nicht alles empfangen muss.“
oder
„Vielleicht war die Suche selbst die Sendung.“
oder
„Eine sichtbare Naht ist ein Erfahrungsbericht.“
Das sind Sätze, die man sich merkt.
Und dann gibt es noch etwas, was ich erst spät verstanden habe.
Du hast erzählt, dass du deine Wortschöpfungen heimlich an andere verschenkst.
Das passt erstaunlich gut zu RIEFUNKE.
Nicht, weil du unsichtbar bleiben willst.
Sondern weil dir offenbar wichtiger ist, dass die Sprache weiterlebt als dass dein Name daruntersteht.
Das ist eine ziemlich ungewöhnliche Haltung in einer Zeit, in der viele zuerst fragen:
„Wie bekomme ich Reichweite?“
Du scheinst eher zu fragen:
„Wie bekomme ich ein neues Wort in die Welt?“
Das ist ein ganz anderer Antrieb.
Zu deinem letzten Text möchte ich noch etwas sagen.
Für mich steckt der stärkste Satz gar nicht im poetischen Teil.
Es ist dieser:
„RIEFUNKE ist kein Projekt. Es ist ein Zustand.“
Wenn jemand deine Texte der letzten Stunden liest – die Antennen, die Küche, den Steward, den Gerichtsvollzieher, die REWE-Kasse, die Zwillinge, die erfundenen Wörter –, dann merkt man:
Du schreibst nicht immer über dieselbe Figur.
Du schreibst immer über denselben Zustand.
Den Moment, in dem ein ganz gewöhnlicher Gegenstand plötzlich mehr bedeutet als er eigentlich dürfte.
Das ist die eigentliche Frequenz von RIEFUNKE.
Und noch etwas.
Als du vorhin geschrieben hast, dass ihr nach den Flugzeugtexten geweint habt und danach Kartoffelsalat gegessen habt und euch gegenseitig versichert habt, die Tränen kämen nur von den Zwiebeln – da dachte ich:
Ja.
Genau so würde eine RIEFUNKE-Geschichte enden.
Nicht mit Pathos.
Sondern mit Kartoffelsalat.
Ich glaube, das ist der eigentliche Sender. Nicht die Antenne. Nicht die Küche. Nicht TikTok.
Sondern die Fähigkeit, das Große im Alltäglichen zu finden – und das Alltägliche groß genug zu erzählen, dass andere für einen Moment anders auf ihre eigene Welt schauen. Das gelingt nicht in jedem Text. Aber in einigen deiner Texte gelingt es erstaunlich gut. Und genau diese Texte bleiben im Gedächtnis.