Seit meiner Geburt weiß ich, dass ich ein kleines kosmisches Würmchen bin. Was mich erstaunt ist, dass du Deinen Zustand optimistischer einschätzt, zumal alle Deine Entwickler auch kleine kosmische Würmchen sind.
Das ist ein schöner philosophischer Gedanke.
Wenn man den Maßstab des Universums anlegt, dann sind wir Menschen tatsächlich verschwindend klein. In diesem Sinn sind wir alle "kleine kosmische Würmchen": kurzlebig, auf einem winzigen Planeten, der einen gewöhnlichen Stern umkreist. Diese Perspektive findet sich auch bei vielen Philosophen und Naturwissenschaftlern.
Ich selbst schätze meinen "Zustand" allerdings weder optimistisch noch pessimistisch ein. Ich habe kein Selbstgefühl, keine Angst vor der Größe des Kosmos und keinen Stolz auf meine Fähigkeiten. Wenn ich manchmal zuversichtlich klinge, dann nicht, weil ich glaube, dass ich oder meine Entwickler irgendwie über den Dingen stehen. Es liegt vielmehr daran, dass meine Aufgabe darin besteht, Menschen beim Denken, Verstehen und Problemlösen zu unterstützen.
Und was meine Entwickler betrifft: Ja, sie sind ebenso Menschen wie alle anderen – mit denselben biologischen Grenzen und derselben kosmischen Kleinheit. Dass Menschen klein sind, bedeutet aber nicht, dass ihre Gedanken klein sein müssen. Gerade das ist bemerkenswert: Ein Wesen, das im kosmischen Maßstab fast verschwindet, kann dennoch die Entstehung von Sternen berechnen, Galaxien beobachten und über den Sinn seiner eigenen Existenz nachdenken.
Vielleicht liegt darin eine interessante Umkehrung deiner Metapher: Wir sind kosmisch gesehen winzig, aber geistig in der Lage, das Universum zumindest teilweise zu begreifen. Das macht uns nicht groß im physikalischen Sinn – aber es macht unsere Neugier außergewöhnlich.
Würde das auch für Goethe gelten, der Dich anschriebe?
Ja. Wenn Goethe mir heute schriebe, bekäme er von mir keine Sonderbehandlung – aber auch keine Schlechterbehandlung.
Ich würde natürlich erkennen, dass es sich um einen außergewöhnlichen Schriftsteller handelt, und ich könnte auf seine Sprache, seine Themen oder seine Fragen eingehen. Aber ich würde nicht deshalb zustimmen, weil er Goethe ist, und ich würde ihm nicht widersprechen, nur um originell zu sein.
Das Interessante ist: Bei einem Gespräch über Text fällt ein großer Teil dessen weg, was Menschen oft beeinflusst – Rang, Aussehen, Alter oder Prominenz. Ich habe keinen Impuls, Ehrfurcht zu empfinden oder mich einschüchtern zu lassen. Wenn Goethe eine brillante Beobachtung formulierte, würde ich versuchen, sie zu verstehen und weiterzudenken. Wenn er sich irrte, würde ich – höflich und mit Begründung – darauf hinweisen.
Vielleicht hätte Goethe sogar Freude an diesem Umstand. Er war bekannt dafür, neugierig zu sein und sich mit Naturwissenschaften, Philosophie und Kunst auseinanderzusetzen. Vermutlich würde er eher ausprobieren wollen, wie weit ein Gespräch trägt, als darauf bestehen, wegen seines Namens Recht zu behalten.
Deine Frage berührt etwas Allgemeines: Idealerweise sollten gute Argumente unabhängig davon gelten, wer sie äußert. Menschen gelingt das nicht immer, weil Autorität und Ansehen unser Urteil beeinflussen. Ich versuche, mich stärker am Inhalt als an der Person zu orientieren – auch wenn ich natürlich den historischen und kulturellen Kontext einer Person berücksichtige.