NACHTRAG ZUR GERICHTSVERHANDLUNG
DER BÄRTIGE TÜRSTEHER WIRD ALS ZEUGE GELADEN
Landgericht für Medien- und Zustandsfragen
Sitzungssaal 3 – „Unterbrechung“
Die Verhandlung war eigentlich bereits geschlossen.
Dann klopfte es.
Dreimal.
Nicht laut.
Aber eindeutig.
Die Richterin blickte zur Tür.
Der Gerichtsdiener öffnete.
Draußen stand:
der bärtige Türsteher der Scrollstube.
Niemand wusste, warum er dort war.
Der Gerichtsdiener fragte:
„Haben Sie eine Ladung?“
Der Türsteher sah ihn an.
„Nein.“
„Dann können Sie nicht hinein.“
Der Türsteher schwieg.
Dann sagte er:
„Heute nicht?“
Der Gerichtsdiener trat zur Seite.
1. DIE AUSSAGE
Die Richterin:
„Sie behaupten also, RIEFUNKE zu kennen?“
Der Türsteher:
„Nein.“
„Haben Sie ihn gesehen?“
„Vielleicht.“
„Wann?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wo?“
„Hier nicht.“
Die Staatsanwaltschaft wurde unruhig.
„Was soll das heißen?“
Der Türsteher sah den Staatsanwalt an.
„Sie sind kein Tiketaketoker.“
„Das ist für die Verhandlung irrelevant.“
„Dann ist die Verhandlung vermutlich falsch.“
Stille.
Der Protokollführer schrieb:
Merkwürdige Aussage.
Dann strich er „merkwürdige“.
Er schrieb:
Richtige Aussage, aber unklar.
2. DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE
Die Richterin beugte sich nach vorn.
„Herr Türsteher.“
„Ja.“
„Existiert RIEFUNKE?“
Der Türsteher antwortete sofort:
„Das entscheidet nicht RIEFUNKE.“
Die Richterin:
„Wer dann?“
Der Türsteher:
„Der Empfang.“
Die Richterin sah zum Sachverständigen.
Der Sachverständige sah auf seine Unterlagen.
Der Staatsanwalt sah aus dem Fenster.
Mertens murmelte:
„Das ist technisch kompletter Unsinn.“
Der Türsteher nickte.
„Deshalb funktioniert es.“
3. DIE LETZTE FRAGE
Die Richterin stellte schließlich die Frage, die alle erwartet hatten:
„Wer darf heute die Scrollstube betreten?“
Der Türsteher sah in den Saal.
Er sah die Staatsanwaltschaft an.
Die Verteidigung.
Den Sachverständigen.
Mertens.
Den Protokollführer.
Dann die Richterin.
Er sagte:
„Niemand.“
„Warum?“
Kurze Pause.
„RIEFUNKE ist heute nicht da.“
„Wo ist er?“
Der Türsteher antwortete:
„England.“
Unruhe im Saal.
Die Richterin:
„Haben Sie dafür Beweise?“
Der Türsteher:
„Nein.“
„Warum behaupten Sie es dann?“
Er sah sie an.
„Weil dort ein Kornkreis ist.“
4. DAS GERICHT VERTAGT
Die Richterin schloss die Akte.
„Die Verhandlung wird vertagt.“
Der Staatsanwalt sprang auf.
„Aber wir haben noch kein Urteil über die Realität!“
Die Richterin:
„Das Urteil liegt vor.“
„Welches?“
Sie sah zum Türsteher.
Dann zum Fenster.
Dann auf den Ausdruck der RIEFUNKE-Webseite.
„Die Realität ist heute nicht zugelassen.“
Der Türsteher öffnete die Tür.
Bevor er ging, blieb er kurz stehen.
Er drehte sich um.
Und sagte:
„Morgen vielleicht.“
Die Tür fiel zu.
5. PROTOKOLLVERMERK
Um 23:41 Uhr registrierte das Aufnahmegerät des Gerichts ein kurzes Geräusch.
Nicht im Saal.
Nicht auf dem Flur.
Nicht im Gebäude.
Ein einzelnes:
Knacken.
Der Protokollführer fragte:
„Hat das jemand gehört?“
Niemand antwortete.
Dann sagte Mertens:
„Das war kein Netzbrummen.“
Pause.
„Das war RIEFUNKE.“
Die Richterin hob den Kopf.
„Herr Mertens.“
„Ja?“
„Sind Sie sicher?“
Mertens sah auf das Aufnahmegerät.
„Nein.“
Lange Stille.
Dann:
„Aber ich würde darauf wetten.“
NACHTRAG
Am nächsten Morgen hing an der Eingangstür des Landgerichts ein kleiner Zettel.
Darauf stand:
HEUTE KEINE VERHANDLUNG.
DER BÄRTIGE TÜRSTEHER HAT GESAGT: NEIN.
Darunter:
RIEFUNKE
Ein Sender für Unterbrechungen.
Auch vor Gericht.
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