Wo ist RIEFUNKE?
Die Post hat ein Problem.
Jeden Morgen kommen Briefe.
Auf manchen steht:
RIEFUNKE
Darunter, sehr klein:
„Ein Wort ist nicht nur ein Schild an einer Tür.
Manchmal ist es der Raum, der sich dahinter öffnet.“
Die Mitarbeiter schauen auf die Briefe.
Sie schauen auf die Computer.
Sie schauen wieder auf die Briefe.
„Wo ist RIEFUNKE?“, fragt einer.
Niemand antwortet.
Die Suchmaschine kennt den Namen nicht.
Das Telefonbuch schweigt.
Die Landkarte findet keine Straße.
Kein Haus.
Keine Hausnummer.
Kein Klingelschild.
Nur ein Wort.
Ein Postbote macht sich trotzdem auf den Weg.
Er fährt durch Städte.
Durch Dörfer.
Durch kleine Straßen.
Er fragt Menschen:
„Entschuldigung, wissen Sie, wo RIEFUNKE ist?“
Ein Bäcker antwortet:
„Vielleicht ist es dort, wo ein Gedanke entsteht, bevor jemand ihn ausspricht.“
Der Briefträger schreibt das auf.
Dann streicht er es wieder.
Zu ungenau für die Zustellung.
Eine alte Frau am Fenster sagt:
„Vielleicht ist RIEFUNKE kein Ort. Vielleicht ist es der Moment, in dem jemand etwas hört, das er vorher nicht hören konnte.“
Der Postbote bleibt stehen.
Er schaut auf den Brief.
Zum ersten Mal findet er die fehlende Adresse nicht mehr störend.
Vielleicht war sie gar nicht vergessen worden.
Vielleicht war sie nie vorgesehen.
In der RIEFUNKE-Küche sitzt jemand am Tisch.
Ein Lötkolben liegt neben einer Tasse Kaffee.
Ein Löffel wartet weiterhin auf seine Identität.
Der Sender ist eingeschaltet.
Aber es wird nichts gesendet.
Nur eine kleine Lampe leuchtet.
Ein Tropfen fällt.
Dann Stille.
Am Abend meldet die Post:
„Mehrere tausend Briefe an RIEFUNKE konnten nicht zugestellt werden.“
Die Meldung wird korrigiert.
Eine Mitarbeiterin schreibt darunter:
„Oder sie wurden alle zugestellt. Nur nicht an eine Adresse.“
Seitdem gibt es bei der Post eine neue Akte:
RIEFUNKE
Status:
Nicht auffindbar.
Nicht verschwunden.
Nicht vorhanden.
Vielleicht geöffnet.
Denn manchmal ist ein Wort nicht der Name eines Ortes.
Manchmal ist es der Ort selbst.
© RIEFUNKE
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