SIE WARTEN NICHT AUF GODOT
SIE WARTEN ALLE AUF RIEFUNKE
Es gibt Geschichten, in denen Menschen warten.
Sie warten auf jemanden, der kommen soll.
Sie wissen nicht genau wann.
Sie wissen nicht genau warum.
Aber sie warten.
Lange Zeit hieß dieser Zustand:
Warten auf Godot.
Das war einmal.
Heute warten sie auf:
RIEFUNKE.
Und damit hat sich einiges verändert.
DIE NEUE FORM DES WARTENS
Bei Godot standen zwei Menschen an einem Baum.
Bei RIEFUNKE stehen inzwischen:
Tiketaketoker,
ein bärtiger Türsteher,
ein Butler,
Herr Mertens,
ein Pinscher,
ein Konditor,
eine Vermieterin,
mehrere Juristen,
ein unbekannter Scrollstuben-Sprecher,
ein violettes Objekt mit vier Beinen
und gelegentlich
Johann Wolfgang von Goethe
auf einem Parkplatz in England.
Das ist nicht mehr einfach Warten.
Das ist:
Infrastruktur.
WORAUF WARTEN SIE?
Nicht auf ein Programm.
Nicht auf eine Show.
Nicht auf Unterhaltung.
Nicht einmal unbedingt auf ein Signal.
Sie warten auf eine Unterbrechung.
Ein Knacken.
Ein Rauschen.
Ein Wort.
Vielleicht nur zwei Wörter.
Vielleicht:
„Bewegung ohne Ziel.“
Vielleicht auch nur:
Besteck.
Und wenn jemand fragt:
„Was habt ihr gehört?“
lautet die Antwort:
„Ich weiß es nicht.“
Das genügt.
RIEFUNKE MUSS NICHT KOMMEN
Das ist der entscheidende Unterschied.
Godot soll kommen.
RIEFUNKE muss gar nichts.
RIEFUNKE kann senden.
RIEFUNKE kann schweigen.
RIEFUNKE kann verschwinden.
RIEFUNKE kann in England sein.
RIEFUNKE kann hinter einem Kornkreis verschwunden sein.
RIEFUNKE kann möglicherweise in einem violetten UFO sitzen.
Oder RIEFUNKE kann einfach:
RIEFUNKE sein.
Die Wartenden akzeptieren das.
Denn sie warten nicht auf eine Person.
Sie warten auf einen Moment.
DIE SCROLLSTUBE
Deshalb gibt es inzwischen die Scrollstube.
Eine Tür.
Ein Türsteher.
Kein garantiertes Programm.
Kein garantierter Einlass.
Kein garantierter Empfang.
Manchmal geht die Tür auf.
Manchmal nicht.
Der bärtige Türsteher entscheidet.
Warum?
Niemand weiß es.
Und vielleicht ist genau das richtig.
Denn wenn alles erklärbar wäre, wäre es keine Scrollstube.
DIE TIKETAKETOKER
Die Wartenden haben inzwischen sogar einen Namen.
Sie heißen:
Tiketaketoker.
Sie wollen keine Millionen Klicks.
Sie wollen kein Ringlicht.
Sie wollen keine Tanzchoreografie.
Sie wollen wissen:
„Hast du ihn gehört?“
Das ist ihre einzige wirklich wichtige Frage.
Nicht:
„Wie viele Follower hast du?“
Nicht:
„Wie viele Views?“
Sondern:
„War das gerade RIEFUNKE?“
GOETHE WUSSTE ES
Und dann kam Goethe.
Mit einer Kutsche.
Vier Pferde.
Schwarzer Mantel.
Rotweinglas.
Er sah die Scrollstube.
Er sah die wartenden Menschen.
Und fragte:
„Worauf warten diese Menschen?“
Die Antwort:
„Auf RIEFUNKE.“
Goethe verstand sofort.
Vielleicht weil er Dichter war.
Vielleicht weil er schon drei Gläser Rotwein hatte.
Vielleicht weil er einfach spürte, dass hier etwas geschah.
Er sagte:
„Dann bin ich offenbar zu spät.“
Nein, Goethe.
Du warst genau richtig.
MERTENS MISST
Natürlich gibt es auch Menschen, die das alles technisch erklären möchten.
K.-D. Mertens zum Beispiel.
Er vermutet ungefähr:
vier Milliwatt.
Vielleicht weniger.
Vielleicht mehr.
Vielleicht sendet RIEFUNKE über ein altes Küchenradio.
Vielleicht über feuchte Wandfarbe.
Vielleicht ist das Wandbrummen gar kein Wandbrummen.
Mertens misst.
Die Tiketaketoker warten.
Der Butler schweigt.
Der Hund bellt.
Und der Türsteher sagt:
„Heute nicht.“
UND DANN IST DA DAS UFO
Natürlich konnte es nicht bei einem Sender bleiben.
In England steht inzwischen ein violettes, rundes, fensterloses Objekt.
Vier Beine.
Zwei Teleskopantennen.
Auf einem Parkplatz der Englischen Scrollstube.
Die Vermieterin hat es gesehen.
Die Tiketaketoker haben es gesehen.
Der Butler hat es gesehen.
Mertens möchte es messen.
Der Türsteher hat es angesehen und gesagt:
„Heute nicht.“
Niemand weiß, ob das UFO RIEFUNKE sucht.
Oder RIEFUNKE das UFO.
Oder ob beide einfach einen Parkplatz brauchten.
UND WIR?
Wir warten ebenfalls.
Nicht auf Godot.
Godot ist eine gute Figur.
Aber wir haben inzwischen andere Probleme.
Wir müssen wissen:
Wo ist RIEFUNKE?
Warum sendet er?
Warum sendet er nicht?
Warum gibt es eine Scrollstube?
Warum steht ein UFO davor?
Warum gibt es drei Parkplätze?
Warum ist einer davon möglicherweise für RIEFUNKE reserviert?
Warum verkauft ein Konditor dort Pommes?
Warum gibt es Scrollbonbons?
Und warum weiß der bärtige Türsteher immer alles, obwohl er angeblich nichts weiß?
Vielleicht müssen wir diese Fragen nicht beantworten.
Vielleicht müssen wir nur weiter warten.
SIE WARTEN NICHT AUF GODOT.
Sie warten auf ein Knacken.
Sie warten auf ein Rauschen.
Sie warten auf ein Wort.
Sie warten auf eine Unterbrechung.
Sie warten auf etwas, das vielleicht gar nicht kommt.
Aber während sie warten,
passiert alles andere.
England.
Kornkreise.
Goethe.
UFOs.
Butler.
Mertens.
Pinscher.
Pommes.
Scrollbonbons.
Gerichte.
Anwälte.
Türsteher.
Tiketaketoker.
Und irgendwo dazwischen:
RIEFUNKE.
Vielleicht sendet er gerade.
Vielleicht nicht.
Vielleicht ist das gar nicht die entscheidende Frage.
Denn inzwischen haben wir verstanden:
Das Warten selbst ist der Empfang.
Und deshalb stehen sie dort.
Vor der Tür.
Auf dem Parkplatz.
In England.
In der Küche.
Neben dem Radio.
Mit Antennen.
Mit Wäscheklammern.
Mit Butterbroten.
Und manchmal mit einem Rotweinglas.
Sie warten.
Nicht auf Godot.
Sie warten alle auf RIEFUNKE.
Und wenn es plötzlich knackt,
wird niemand fragen,
ob es wirklich RIEFUNKE war.
Einer wird nur ganz leise sagen:
„Habt ihr das gehört?“
Und die anderen werden antworten:
„Ja.“
Dann ist für einen kurzen Moment alles still.
Und RIEFUNKE
hat gesendet.
|