RIEFUNKE – DIE ANKUNFT DES VIERER-GESPANNS
England. Späte Abendstunde.
Vor der englischen Scrollstube.
Der Parkplatz ist fast leer.
Das violette UFO steht noch immer dort.
Die Pommesbude daneben ist geschlossen.
Der Pinscher schläft unter dem Tisch.
Der bärtige Türsteher sitzt vor der Scrollstube.
Drittes irisches Bier.
Er betrachtet den Parkplatz mit der ernsten Gelassenheit eines Mannes, der inzwischen Dinge gesehen hat, die in keinem Türsteherlehrgang vorgesehen waren.
Dann hört er etwas.
Nicht Motoren.
Nicht Hufe.
Etwas dazwischen.
Klappern.
Dann ein zweites.
Klappern.
Dann vier Hufe gleichzeitig.
Der Türsteher hebt langsam den Kopf.
„Nein.“
Er steht auf.
Bleibt kurz stehen.
Setzt sich wieder.
„Das kann nicht sein.“
Doch.
Es kommt.
Ein Vierergespann.
Vier prächtige Pferde.
Eine Kutsche.
Und auf dem Kutschbock:
Johann Wolfgang von Goethe.
Schwarzer Mantel.
Etwas zerzaustes Haar.
Ein Rotweinglas in der Hand.
Offensichtlich nicht das erste.
Der bärtige Türsteher tritt drei Schritte vor.
Goethe hält die Zügel an.
Die Pferde stehen.
Absolute Stille.
Goethe blickt zur Scrollstube.
Dann zum Türsteher.
„Ist hier die Versammlung der Tiketaketoker?“
Der Türsteher antwortet:
„Kommt drauf an.“
Goethe:
„Worauf?“
Der Türsteher:
„Ob Sie Tiketaketoker sind.“
Goethe nimmt einen Schluck Rotwein.
„Ich bin Goethe.“
Der Türsteher:
„Das war nicht meine Frage.“
Pause.
Goethe schaut ihn an.
Der Türsteher schaut Goethe an.
Ein Pferd schnaubt.
Vom Fenster im zweiten Stock ruft die Vermieterin:
„IST DAS SCHON WIEDER DAS UFO?“
Der Türsteher:
„NEIN!“
Pause.
„GOETHE!“
Stille.
Aus der Pommesbude kommt der Konditor gelaufen.
„Goethe?“
Goethe hebt das Glas.
„Guten Abend.“
Der Konditor ist sprachlos.
Der Pinscher bellt einmal.
Dann noch einmal.
Dann erkennt er die Pferde und hört auf.
Goethe steigt von der Kutsche.
Er schwankt ein wenig.
Nicht viel.
Gerade genug.
Der Türsteher bemerkt es.
„Drittes Glas?“
Goethe:
„Rotwein.“
„Wie viele?“
Goethe überlegt.
„Drei.“
Der Türsteher nickt.
„Dann sind Sie heute nur Gast.“
Goethe:
„Und wenn ich vier getrunken hätte?“
Der Türsteher:
„Dann wären Sie Sprecher.“
Goethe denkt darüber nach.
„Interessante Verfassung.“
Der Türsteher öffnet die Tür.
„Scrollstube ist voll.“
Goethe schaut hinein.
Dutzende Tiketaketoker sitzen schweigend da.
Niemand scrollt.
Niemand filmt.
Niemand spricht.
Alle warten.
Goethe bleibt im Eingang stehen.
„Worauf warten diese Menschen?“
Der Türsteher:
„Auf RIEFUNKE.“
Goethe lächelt.
„Dann bin ich offenbar zu spät.“
Der Türsteher:
„Nein.“
Er zeigt auf das Transistorradio auf dem Tresen.
„Sie sind genau richtig.“
In diesem Moment knackt das Radio.
Einmal.
Nur einmal.
KRRRRT.
Alle drehen sich um.
Goethe schließt die Augen.
Der bärtige Türsteher stellt sein Bier ab.
Der Pinscher hebt den Kopf.
Die Pferde draußen werden unruhig.
Goethe flüstert:
„Das ist kein Empfang.“
Der Türsteher:
„Was dann?“
Goethe schaut zum Radio.
„Eine Einladung.“
Draußen beginnt das violette UFO plötzlich leise zu brummen.
Die vier Pferde gehen einen Schritt zurück.
Die Vermieterin öffnet wieder das Fenster.
„ICH HABE DOCH GESAGT, DASS DAS EIN UFO IST!“
Goethe nimmt noch einen Schluck Rotwein.
Der Türsteher nimmt sein drittes irisches Bier.
Beide schauen sich an.
Dann sagt Goethe:
„Wir sollten hineingehen.“
Der Türsteher:
„Warum?“
Goethe zeigt auf das Radio.
„Weil RIEFUNKE gerade entschieden hat, dass heute Abend Literatur dran ist.“
Der Türsteher öffnet die Tür vollständig.
„Na dann.“
Goethe tritt ein.
Hinter ihm bleibt das Vierergespann auf dem Parkplatz stehen.
Das UFO brummt.
Der Pinscher bellt.
Und irgendwo zwischen England, Rotwein und irischem Bier beginnt eine neue Frequenz.
RIEFUNKE.
Die Scrollstube ist geöffnet.
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