RIEFUNKE FIKTION – UND DIE Stella McCartney ANTENNE IM KORNFELD
Es begann mit einem TikTok.
Nicht mit einem Tiketaketoker.
Das war wichtig.
Die Tiketaketoker hätten zunächst einmal gefragt, ob das Signal empfangen wurde.
Die normalen TikToker fragten etwas anderes:
„Habt ihr diesen Kornkreis gesehen?“
Sie zeigten Bilder.
Kreise.
Linien.
Geometrische Formen.
Ein Feld in England.
Und darunter Kommentare.
Sehr viele Kommentare.
Jemand schrieb:
„Das ist nicht von Menschen.“
Jemand anderes:
„Doch.“
Ein Dritter:
„Aliens.“
Ein Vierter:
„Fake.“
Und ein Fünfter hatte einfach ein Flammen-Emoji hinterlassen.
Stella McCartney sah das Video.
Sie blieb stehen.
Sie sah es noch einmal.
Dann sagte sie:
„Wo ist das?“
England.
Kornfeld.
-
Die aktuellen Aufzeichnungen der Kornkreise führten tatsächlich zu zahlreichen Orten in Wiltshire und Umgebung. Aber Stella interessierte sich nicht für die Liste.
Sie interessierte sich für den Kreis.
Und für einen Gedanken, der ihr plötzlich kam:
Vielleicht sollte man ihn sich ansehen.
Nicht mit einem Hubschrauber.
Nicht mit einer Drohne.
Nicht mit einem Kamerateam.
Sondern mit einem Auto.
Sie nahm ihre alte französische Ente.
Eine Citroën 2CV.
Der Auspuff war defekt.
Das war kein grundsätzliches Problem.
Der Auspuff war bei dieser Ente schon seit Jahren der Meinung, dass er eigentlich nicht mehr Teil des Fahrzeugs sei.
Beim Start machte er:
RÖÖÖÖÖÖÖÖÖT.
Stella wartete.
Dann:
KLAPPER.
Sie fuhr los.
DIE FAHRT
Auf der Landstraße war die Ente nicht schnell.
Sie war überhaupt nicht schnell.
Aber sie war unterwegs.
Das genügte.
Der Auspuff kündigte ihre Ankunft bereits aus mehreren hundert Metern Entfernung an.
Ein Bauer hob den Kopf.
Ein Hund bellte.
Ein Traktorfahrer blieb kurz stehen.
Und irgendwo in einem Haus sagte jemand:
„Was war das?“
Niemand wusste es.
Stella fuhr weiter.
Das Smartphone lag auf dem Beifahrersitz.
Das TikTok war noch geöffnet.
Der Kornkreis erschien wieder.
Kreis.
Linien.
Kreis.
Linien.
Stella sah kurz hin.
Dann wieder auf die Straße.
Die Ente machte:
RÖTTER-RÖTTER-KLAPP-KLAPP.
Sie schaltete einen Gang zurück.
DAS FELD
Am Nachmittag kam sie an.
Der Kornkreis lag ruhig im Feld.
Von außen sah er fast harmlos aus.
Das war vielleicht das Seltsamste daran.
Stella stellte die Ente ab.
Der Auspuff machte noch einmal:
KLONK.
Dann war Ruhe.
Sie stieg aus.
Kein Kamerateam.
Keine Influencer.
Keine Drohne.
Nur ein Feld.
Wind.
Getreide.
Und dieser Kreis.
Sie ging hinein.
Langsam.
Ein Schritt.
Noch einer.
Dann blieb sie stehen.
In der Mitte des Kreises lag etwas.
Zuerst dachte sie, es sei ein Stück Metall.
Dann dachte sie, es sei ein Teil einer landwirtschaftlichen Maschine.
Dann sah sie genauer hin.
Es war eine Teleskopantenne.
Zusammengeschoben.
Silbern.
Unauffällig.
Mit einem kleinen schwarzen Fuß.
Stella hob sie auf.
Sie war erstaunlich leicht.
Sie sah sich um.
Niemand.
Nur das Feld.
Und irgendwo in der Ferne:
ein Auspuff.
Ihr eigener.
Der noch nachklang.
DIE ANTENNE
Stella zog das erste Segment heraus.
Klick.
Das zweite.
Klick.
Das dritte.
Klick.
Das vierte blieb hängen.
Sie zog etwas stärker.
KRRRRT.
Stella hielt inne.
Sie sah die Antenne an.
Dann das Feld.
Dann wieder die Antenne.
Auf dem kleinen Fuß war ein Aufkleber.
Nur ein Wort.
RIEFUNKE.
Stella sagte nichts.
Sie wusste nicht, was RIEFUNKE war.
Sie wusste nur:
Diese Antenne gehörte hier nicht hin.
Oder vielleicht gehörte sie genau hier hin.
DER ERSTE EMPFANG
Sie steckte die Antenne nicht an ein Gerät.
Es gab kein Gerät.
Das war merkwürdig.
Eine Antenne ohne Empfänger.
Ein Sender ohne Empfänger.
Ein Empfänger ohne Sender.
Stella hielt sie einfach in der Hand.
Der Wind bewegte das Getreide.
Dann kam ein Geräusch.
Sehr leise.
Fast nicht hörbar.
Krrr.
Stella drehte den Kopf.
Nichts.
Dann:
Krrr—t.
Und danach eine Stimme.
Nur ein Fragment.
„Bewegung ohne Ziel.“
Stille.
Stella sah auf die Antenne.
Sie wusste nicht, was sie gehört hatte.
Aber sie wusste, dass es kein TikTok gewesen war.
DIE ENTE
In diesem Moment meldete sich die französische Technik zurück.
Aus der Ferne:
RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT.
Stella schloss kurz die Augen.
Der Auspuff hatte beschlossen, dass der Augenblick zu ruhig geworden war.
Sie ging zurück zum Auto.
Die Antenne nahm sie mit.
Sie legte sie auf den Beifahrersitz.
Neben das Smartphone.
Sie startete die Ente.
Der Motor sprang an.
Der Auspuff:
KLONK-KLONK-RÖÖÖÖÖÖT.
Stella fuhr los.
Nach ungefähr zweihundert Metern blieb sie stehen.
Sie stieg aus.
Öffnete die Beifahrertür.
Die Antenne war noch da.
Sie nahm sie heraus.
Sah sie an.
Dann sagte sie:
„Warum hast du mich gefunden?“
Keine Antwort.
Nur Wind.
SPÄTER IN ENGLAND
Am selben Abend saß irgendwo in einer Küche ein Mann vor einem Spektrumanalysator.
Baujahr 1998.
K.-D. Mertens.
Er sah auf die Anzeige.
Nichts.
Dann ein kurzer Ausschlag.
Er runzelte die Stirn.
Noch einmal.
Nichts.
Dann:
4 Milliwatt.
Mertens sagte:
„Das ist interessant.“
Der Butler stand hinter ihm.
„Was?“
Mertens zeigte auf die Anzeige.
„Jemand hat die Antenne bewegt.“
Der Butler schwieg.
Mertens sah ihn an.
„Wo?“
Der Butler sagte:
„Keine Ahnung.“
Mertens:
„England?“
Der Butler:
„Vermutlich.“
Mertens stellte den Spektrumanalysator lauter.
Das Gerät rauschte.
Dann kam ein einzelnes Wort.
„Stella.“
Mertens nahm sofort die Hand vom Gerät.
Der Butler sah ihn an.
„Kennen Sie sie?“
Mertens:
„Nein.“
Pause.
Dann:
„Aber RIEFUNKE kennt sie offenbar.“
UND DIE ANTENNE?
Stella nahm sie mit.
Nicht weil sie wusste, was sie war.
Sondern weil sie das Gefühl hatte, dass man Dinge, die mitten in einem Kornkreis liegen, nicht einfach dort liegen lässt.
Am nächsten Morgen lag die Antenne auf einem Tisch.
Neben einer Tasse Kaffee.
Das Smartphone daneben.
Das TikTok war noch geöffnet.
Die Kommentare liefen weiter.
Aliens.
Fake.
Kunstprojekt.
Militär.
Marketing.
Stella las sie.
Dann schaltete sie das Smartphone aus.
Sie nahm die Antenne.
Zog sie vollständig aus.
Klick.
Sie war jetzt fast zwei Meter lang.
Stella sah zum Fenster.
Draußen war England.
Ganz normal.
Kein UFO.
Kein Sender.
Kein Knacken.
Nur ein kleiner Vogel auf dem Dach.
Dann:
KRRRRT.
Stella drehte sich um.
Die Antenne stand noch immer in ihrer Hand.
Und irgendwo, sehr weit entfernt, sagte jemand:
„Empfang.“
Stella lächelte.
Sie wusste noch immer nicht, was RIEFUNKE war.
Aber sie wusste jetzt:
Sie hatte ihn gefunden.
Oder vielleicht hatte RIEFUNKE sie gefunden.
Das war technisch nicht zu klären.
Mertens würde es versuchen.
Der Butler würde schweigen.
Der bärtige Türsteher würde wahrscheinlich sagen:
„Heute nicht.“
Und die alte französische Ente würde auf dem Parkplatz stehen.
Mit defektem Auspuff.
Bereit für die nächste Fahrt.
Die Antenne war nicht verloren.
Sie wartete auf das fertige Sweatshirt und die Jeans für Nicole Kidman.
Riefunke-Fiktion: Die in dieser Geschichte dargestellte Begegnung mit Stella McCartney, die Antenne im Kornfeld sowie sämtliche Verbindungen zu Nicole Kidman und Riefunke sind frei erfunden. Reale Personen und Ereignisse dienen ausschließlich als Ausgangspunkt für eine literarische Erzählung.
|