RIEFUNKE – GOETHE HÄTTE BLEIBEN SOLLEN
Es war ein ruhiger Abend.
Drei Gläser Rotwein.
Mein Gerichtsvollzieher saß neben mir.
Die Küche war ungewöhnlich still.
Kein Mertens.
Kein KRRRRT.
Keine Tiketaketokerin.
Nicht einmal der Hund hatte etwas zu sagen.
Wir tranken Rotwein und redeten über die Welt.
Irgendwann sagte mein Freund:
„Die sind finanziell fertig. Die brauchen einen Krieg, um sich zu sanieren.“
Ich sah ihn an.
Dann sah ich auf mein Glas.
Und dachte:
Goethe wäre jetzt vermutlich gerne hier.
Nicht unbedingt wegen des Krieges.
Wegen des Rotweins.
Goethe hätte wahrscheinlich zugehört.
Er hätte drei Gläser getrunken.
Dann hätte er sehr lange aus dem Fenster geschaut.
Und irgendwann gesagt:
„Das ist kompliziert.“
Damit wäre Mertens vermutlich zufrieden gewesen.
Ich wollte anschließend meinen Butler anrufen.
Er ging nicht ran.
Ein zweiter Versuch.
Nichts.
Dritter Versuch.
Stille.
Ich befürchte inzwischen, dass er sich bei seiner neuen TikTok-Madame befindet.
Das wäre typisch Butler.
Wenn die Welt auseinanderfällt, serviert er Tee.
Wenn RIEFUNKE Insolvenz anmeldet, bleibt er höflich.
Wenn Mertens mit einem Spektrumanalysator auftaucht, schweigt er.
Und wenn ich ihn brauche:
ist er nicht erreichbar.
Vielleicht sitzt er gerade irgendwo mit seiner TikTok-Partnerin.
Vielleicht trinken sie Tee.
Vielleicht mit Zucker.
Vielleicht reden sie über RIEFUNKE.
Vielleicht über England.
Vielleicht über die Antenne.
Vielleicht sagt sie:
„Du bist viel zu ruhig.“
Und der Butler antwortet:
„Das höre ich gelegentlich.“
Währenddessen sitze ich hier.
Mit meinem Gerichtsvollzieher.
Drei Gläser Rotwein.
Und einer Welt, die offenbar ihre eigenen Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.
Mertens würde jetzt wahrscheinlich messen.
Der Butler würde schweigen.
Goethe würde schreiben.
Der Gerichtsvollzieher würde vermutlich die Rechnung prüfen.
Und ich?
Ich schreibe diesen Text.
Vielleicht ist das die eigentliche Funktion von RIEFUNKE:
Wenn niemand mehr weiß, was gerade passiert, wird wenigstens darüber gesprochen.
Nicht unbedingt klug.
Nicht unbedingt richtig.
Aber immerhin gemeinsam.
KRRRRT.
Das Küchenradio knackt.
Mein Freund schaut mich an.
Ich schaue ihn an.
Dann sage ich:
„Goethe hätte jetzt angerufen.“
Pause.
Das Telefon bleibt still.
Der Butler auch.
RIEFUNKE
Drei Gläser Rotwein.
Ein Gerichtsvollzieher.
Ein nicht erreichbarer Butler.
Eine TikTok-Madame.
Und irgendwo wartet Goethe.
Der Sender bleibt außer Haus.