RIEFUNKE – DER FALL DER VERSCHWUNDENEN HOSENTRÄGER
England. 7:12 Uhr.
Die Küche ist ungewöhnlich still.
Der Butler steht vor dem Spiegel.
Er trägt ein weißes Hemd.
Eine schwarze Hose.
Weste.
Jackett.
Schuhe.
Alles perfekt.
Bis auf eine Kleinigkeit.
Der Butler schaut nach unten.
Pause.
Dann noch einmal.
Er öffnet die oberste Schublade.
Nichts.
Die zweite.
Nichts.
Die dritte.
Handtücher.
Nichts.
Er öffnet den Kleiderschrank.
Nichts.
Unter dem Bett.
Nichts.
Dann sagt er den Satz, den seit Jahrzehnten niemand von ihm gehört hat:
„Oh.“
7:18 Uhr
Mertens betritt die Küche.
Spektrumanalysator unter dem Arm.
MERTENS:
„Guten Morgen.“
Der Butler:
„Guten Morgen.“
Mertens bleibt stehen.
Er betrachtet ihn.
„Irgendwas fehlt.“
Der Butler:
„Ja.“
Mertens schaut auf das Hemd.
Auf die Hose.
Auf die Weste.
Auf das Jackett.
Dann:
„Die Hosenträger.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Mertens:
„Wo sind sie?“
Der Butler:
„Das versuche ich gerade herauszufinden.“
DIE ERSTE SPUR
Dann erinnert sich der Butler.
Am Tag zuvor.
Zwei Raben.
Auf dem Küchenfensterbrett.
Schwarz.
Glänzende Federn.
Sehr intelligente Augen.
Und beide hatten eine Vorliebe für:
Rühreireste.
Der Butler hatte sie gefüttert.
Jeden Morgen.
Ein kleiner Teller.
Rührei.
Ein paar Krümel.
Manchmal ein Stück Brot.
Die Raben waren dankbar.
Zumindest schien es so.
Mertens hört aufmerksam zu.
Dann sagt er:
„Raben sind erstaunlich intelligent.“
Der Butler:
„Das habe ich ebenfalls festgestellt.“
Mertens:
„Sie können Gegenstände erkennen.“
Pause.
„Und sich Dinge merken.“
Der Butler schaut ihn an.
„Sie wollen damit nicht andeuten—“
Mertens:
„Ich deute gar nichts an.“
Pause.
„Ich stelle lediglich fest.“
DIE ERMITTLUNG BEGINNT
Der Butler geht zum Fenster.
Das Fensterbrett ist leer.
Nur ein paar kleine Federn liegen dort.
Und ein winziger Rest Rührei.
Mertens kniet sich hin.
Schaut die Federn an.
Dann die Fensterbank.
Dann den Boden.
Er holt seinen Spektrumanalysator heraus.
Der Butler:
„Mertens.“
„Ja?“
„Das Gerät wird uns bei den Hosenträgern vermutlich nicht helfen.“
Mertens:
„Man weiß nie.“
7:41 Uhr
Die Tiketaketokerin kommt herein.
Sie sieht den Butler.
Bleibt stehen.
„WARUM TRÄGST DU KEINE HOSENTRÄGER?“
Der Butler:
„Sie sind verschwunden.“
Sie holt sofort ihr Smartphone heraus.
„DAS MUSS ICH FILMEN!“
Der Butler:
„Das würde ich nicht empfehlen.“
„WARUM?!“
„Es handelt sich um eine laufende Ermittlung.“
Sie schaut ihn an.
Pause.
Dann flüstert sie:
„RIEFUNKE?“
Der Butler:
„Möglicherweise.“
Mertens:
„Nein.“
Alle schauen ihn an.
Mertens zeigt auf die Fensterbank.
„Raben.“
Stille.
DIE RABEN
Plötzlich:
KRAAA.
Alle drehen sich um.
Auf dem Dach gegenüber sitzen zwei Raben.
Der erste trägt etwas im Schnabel.
Der zweite ebenfalls.
Mertens springt auf.
„DA!“
Der Butler geht zum Fenster.
Schaut hinaus.
Dann wird er blass.
Sehr blass.
„Meine Hosenträger.“
Die Tiketaketokerin:
„SIE HABEN DIE HOSENTRÄGER!“
Mertens:
„Interessant.“
Der Butler:
„Das ist nicht interessant.“
Mertens:
„Doch.“
Er zeigt auf den ersten Raben.
„Er hat links.“
Dann auf den zweiten:
„Der andere rechts.“
Pause.
Der Butler:
„Sie haben meine Hosenträger geteilt.“
DIE LÖSUNG
Der Butler öffnet langsam das Fenster.
Die Raben schauen ihn an.
Er sagt:
„Meine Herren.“
Die Raben bewegen sich nicht.
Der Butler holt einen Teller.
Darauf:
Rührei.
Die Raben kommen näher.
Einer lässt einen Hosenträger fallen.
Der andere ebenfalls.
Der Butler nimmt beide auf.
Schaut sie an.
Dann die Raben.
Und sagt:
„Sehr wohl.“
Die Raben:
KRAAA.
Mertens:
„Ich glaube, sie wollten bezahlen.“
Der Butler:
„Womit?“
Mertens zeigt auf den Teller.
„Mit den Hosenträgern.“
Stille.
Die Tiketaketokerin:
„ICH LIEBE DIESE RABEN!“
DIE NEUE REGEL
Seit diesem Tag gilt in der Küche:
Rührei nur noch gegen Pfand.
Pfandgegenstände der Raben:
- Hosenträger
- Löffel
- Wäscheklammern
- kleine Schrauben
- gelegentlich eine Antenne
Die blaue Wäscheklammer wurde vorsichtshalber aus dem Fensterbereich entfernt.
Mertens führt inzwischen eine Liste.
RABE 1: Hosenträger links.
RABE 2: Hosenträger rechts.
RABE 1: unbekannte Schraube.
RABE 2: kleine Antenne.
Der Butler hat nur eine Frage:
„Woher haben die beiden eine Antenne?“
Mertens schaut ihn an.
Pause.
„Das würde ich gerne herausfinden.“
Der Butler schließt die Augen.
„Natürlich.“
Aus dem Radio:
KRRRRT.
Die beiden Raben fliegen auf.
Der Butler schaut zum Fenster.
Mertens greift nach seinem Messgerät.
Die Tiketaketokerin startet bereits TikTok.
Und irgendwo über dem englischen Kornfeld fliegen zwei Raben davon.
Mit einem kleinen Stück RIEFUNKE-Geschichte.
Der Butler hat seine Hosenträger wieder.
Aber jetzt fehlt:
die blaue Wäscheklammer.
RIEFUNKE.
Man sollte niemals Rührei unterschätzen.
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