DER LITERARISCHE MÖBIUS-STREIFEN DER SCROLLSTUBE
Es begann mit Kaffee.
Das war schon verdächtig.
Denn normalerweise begann in der Scrollstube alles mit RIEFUNKE.
Oder mit einem Geräusch.
Oder mit einer Wäscheklammer.
Aber an diesem Morgen begann es mit einem Tiketaketoker, der die Tür zur Küche öffnete und sagte:
„Butler!“
Keine Antwort.
„Butler!“
Wieder nichts.
Der Tiketaketoker steckte den Kopf weiter hinein.
„BUTLER!“
Aus dem hinteren Teil der Küche kam eine Stimme:
„Sehr wohl.“
Sofort erschienen sieben weitere Tiketaketoker.
„Wir wollen Kaffee.“
Der Butler trat aus dem Schatten.
Er trug ein Tablett.
Darauf standen sieben Tassen.
Aber in keiner Tasse war gewöhnlicher Kaffee.
Der erste Tiketaketoker roch daran.
„Was ist das?“
Der Butler antwortete:
„Traumglühen.“
„Das ist Kaffee?“
„Sehr wohl.“
Der zweite Tiketaketoker nahm einen Schluck.
Seine Augen wurden groß.
„Ich habe leibprickeln.“
„Das war zu erwarten.“
Der dritte trank ebenfalls.
„Bei mir ist Herzflimmer.“
Der Butler nickte.
„Stark oder leicht?“
„Leicht.“
„Dann war es eine kleine Tasse.“
Der vierte Tiketaketoker sah in seine Tasse.
Darin schwamm etwas, das aussah wie ein winziger Mond.
„Was habe ich?“
„Nachtschein.“
„Und warum ist der Kaffee blau?“
„Das ist kein Blau.“
„Was dann?“
„Mundglimmer.“
Alle schwiegen.
Mertens kam herein.
Er sah die sieben Tassen.
„Was geschieht hier?“
Der Butler antwortete:
„Frühstück.“
Mertens sah ihn an.
„Das ist kein Frühstück.“
„Sehr wohl.“
Der erste Tiketaketoker hob seine Tasse.
„Meiner schmeckt nach Sehnsrauschen.“
Der zweite sagte:
„Meiner nach Traumstille.“
Der dritte:
„Meiner nach Fingerschimmer.“
Der vierte:
„Meiner nach Herzschweif.“
Der fünfte:
„Meiner nach Stimmhauch.“
Der sechste:
„Meiner nach Nachtflut.“
Der siebte sagte nichts.
Er hatte Tränen in den Augen.
Der Butler ging zu ihm.
„Traumflimmer?“
Der Tiketaketoker nickte.
„Sehr wohl.“
In diesem Augenblick ging die Tür auf.
Der Türsteher erschien.
Er sah die sieben Tiketaketoker.
Er sah den Butler.
Er sah die Tassen.
Dann sagte er:
„Ich auch Kaffee.“
Der Butler verbeugte sich.
„Sehr wohl.“
Er nahm eine neue Tasse.
Der Türsteher setzte sich.
Der Butler schenkte ein.
Der Türsteher nahm einen Schluck.
Er schwieg.
Alle warteten.
„Und?“, fragte Mertens.
Der Türsteher stellte die Tasse ab.
„Leiseschwung.“
Der Butler nickte zufrieden.
„Das dachte ich mir.“
Da bemerkte Mertens etwas auf dem Tisch.
Ein Stück Papier.
Darauf stand:
DER LITERARISCHE MÖBIUS-STREIFEN
Mertens hob es auf.
„Was ist ein Möbius-Streifen?“
Der Butler antwortete:
„Eine Fläche mit nur einer Seite.“
„Und was hat das mit der Scrollstube zu tun?“
Der Butler sah auf die Tassen.
„Alles.“
„Wie bitte?“
„Sie lesen einen Text.“
„Ja.“
„Der Text handelt von der Scrollstube.“
„Ja.“
„Und jetzt befindet sich der Text in der Scrollstube.“
Mertens runzelte die Stirn.
„Das ist doch kein Möbius-Streifen.“
Der Butler nahm einen Schluck Kaffee.
„Sehr wohl.“
Der Türsteher blickte auf.
„Moment.“
Alle sahen ihn an.
„Wenn wir gerade in einem Text über eine Scrollstube sitzen, in dem wir über einen Text sprechen, der von dieser Scrollstube handelt...“
Er schwieg.
Der erste Tiketaketoker sagte:
„Dann sind wir vielleicht im Text.“
Der zweite:
„Oder der Text ist bei uns.“
Der dritte:
„Oder wir sind der Text.“
Der vierte bekam plötzlich Sehnsprall.
Der fünfte hatte Herzglut.
Der sechste bekam Stimmblitz.
Der siebte sagte:
„Ich glaube, ich habe Kaffee.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Mertens nahm das Blatt.
Er las weiter.
Dann wurde er blass.
„Hier steht etwas über uns.“
„Natürlich“, sagte der Butler.
„Aber wer hat das geschrieben?“
Der Butler schwieg.
Der Türsteher nahm noch einen Schluck.
„Ich.“
Alle drehten sich zu ihm um.
„Sie?“
„Nein.“
„Wer dann?“
Der Türsteher zeigte auf das Papier.
„Das steht dort.“
Mertens sah nach unten.
Tatsächlich.
Unter der Überschrift stand:
Ein Tiketaketoker hebt den Kopf und sagt:
„Wer hat diesen Text geschrieben?“
Alle schwiegen.
Dann sagte der Butler:
„Sehr wohl.“
Der Tiketaketoker sah auf.
„Moment.“
Er blickte auf seine Tasse.
Dann auf das Papier.
Dann auf den Butler.
„Das habe ich doch gerade gesagt.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
„Dann steht das, was ich gerade sage, schon im Text.“
„Sehr wohl.“
„Und wenn ich jetzt sage: ‚Sehr wohl‘...“
Der Butler lächelte.
„...dann steht es ebenfalls darin.“
Stille.
Der Türsteher stellte seine Tasse ab.
„Ich möchte noch Kaffee.“
Der Butler sah ihn an.
„Welche Sorte?“
Der Türsteher dachte nach.
Sehr lange.
Dann sagte er:
„Eine, die noch nicht erfunden wurde.“
Der Butler nahm eine leere Tasse.
Er stellte sie vor den Türsteher.
Dann schrieb er mit einem kleinen Bleistift auf die Untertasse:
HERZRAUSCH
Der Türsteher nahm einen Schluck.
Er nickte.
„Gut.“
Mertens fragte:
„Was ist Herzrausch?“
Der Butler antwortete:
„Das weiß jetzt der Türsteher.“
Der Türsteher sagte:
„Sehr wohl.“
Und genau in diesem Augenblick schrieb jemand am Ende des Textes:
Der Butler sagte: „Sehr wohl.“
Der Butler las den Satz.
Er sah auf.
„Das ist interessant.“
„Warum?“, fragte der Türsteher.
Der Butler zeigte auf die letzte Zeile.
„Weil wir gerade dort angekommen sind.“
„Wo?“
„Am Anfang.“
Alle schauten auf die erste Zeile.
Dort stand:
ES BEGANN MIT KAFFEE.
Der Türsteher nahm seine Tasse.
„Ich auch Kaffee.“
Der Butler verbeugte sich.
„Sehr wohl.“
Und irgendwo außerhalb der Scrollstube
las jemand diesen Text
und begann zu lachen.
Dann bekam er Herzflimmer.
Dann Traumglühen.
Dann plötzlich eine ganz merkwürdige Form von Leibesprickeln.
Und er dachte:
„Das steht jetzt bestimmt auch im Text.“
Sehr wohl.
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