DIE KLAUSUR HAT NOCH EINIGE KLEINE ARBEITEN
Am zweiten Morgen im Kloster war die Klausur offiziell beendet.
Zumindest laut Klosterordnung.
Inoffiziell saßen alle Tiketaketoker noch im Innenhof.
Der Butler stand daneben.
Ohne Hosenträger.
Der Türsteher lehnte an einer Mauer und hielt seine irische Bierflasche.
Mertens hatte seit der vergangenen Nacht kein Wort mehr gesprochen.
Der Ober-Bruder kam aus dem Kloster.
Er sah sich um.
„Nun“, sagte er, „ich hoffe, Sie haben sich etwas erholt.“
Die Tiketaketoker nickten.
Einer hatte Traumstille.
Ein anderer noch immer Herzflimmer.
Der Türsteher hatte Bier.
Der Butler hatte nichts.
Außer Würde.
„Sehr wohl“, sagte er.
Der Ober-Bruder setzte sich.
„Dann hätte ich noch einige kleine Anliegen.“
Alle wurden aufmerksam.
Mertens nahm vorsichtshalber seinen Bleistift.
„Kleine Anliegen?“
„Ja.“
Der Ober-Bruder zeigte zum unteren Ende des Klostergartens.
„Der Holzzaun für die Ziegen ist kaputt.“
Stille.
„Wie kaputt?“, fragte Mertens.
„Die Ziegen sind draußen.“
Mertens schrieb es auf.
ZAUN.
Der Ober-Bruder zeigte auf die Tiketaketoker.
„Vielleicht können Sie den reparieren.“
Ein Tiketaketoker hob die Hand.
„Ich kann zwar keinen Zaun bauen, aber ich habe Fingerschimmer.“
Der Ober-Bruder sah ihn an.
„Das wird uns vermutlich nicht helfen.“
„Vielleicht doch.“
„Sehr wohl“, sagte der Butler.
Der Ober-Bruder ging weiter.
„Dann wäre da noch die Madonna.“
Alle blickten zum Kloster.
„Welche Madonna?“
„Die im Seitenschiff.“
„Was ist mit ihr?“
„Staub.“
„Wie viel?“
Der Ober-Bruder überlegte.
„Seit 1987.“
Mertens ließ den Bleistift fallen.
Der Türsteher nahm einen Schluck.
„Das ist ordentlich.“
„Sehr wohl“, sagte der Butler.
Ein Tiketaketoker fragte:
„Soll sie entstaubt werden?“
Der Ober-Bruder nickte.
„Aber vorsichtig.“
„Warum?“
„Sie ist eine Madonna.“
Stille.
Der Butler sah auf die 521 Wörter.
„Dafür brauchen wir vermutlich ein neues Wort.“
Der Ober-Bruder:
„Welches?“
Der Butler dachte nach.
Dann schrieb er:
madonnenglanz
„Das gefällt mir“, sagte der Ober-Bruder.
„Sehr wohl.“
Mertens hob vorsichtig die Hand.
„Wenn ich fragen darf: Warum erzählen Sie uns das alles?“
Der Ober-Bruder sah ihn freundlich an.
„Weil Sie ohnehin schon hier sind.“
Mertens nickte langsam.
Das war schwer zu widerlegen.
Der Ober-Bruder sah auf seinen Bleistift.
„Und Sie, Herr Mertens, könnten mir vielleicht noch bei etwas helfen.“
Mertens wurde misstrauisch.
„Wobei?“
„Die Orgel.“
Mertens erstarrte.
„Welche Orgel?“
„Die im großen Saal.“
„Was ist mit ihr?“
„Sie klingt falsch.“
Mertens sah zum Butler.
Der Butler sah zum Türsteher.
Der Türsteher sah in seine Flasche.
Dann sagte der Butler:
„Sehr wohl.“
„Aber ich kann keine Orgel stimmen!“, sagte Mertens.
Der Ober-Bruder nickte.
„Das dachte ich mir.“
„Warum fragen Sie dann mich?“
„Weil Sie der Einzige sind, der seit gestern ständig versucht, alles zu erklären.“
Mertens schwieg.
Der Türsteher lachte.
Der Butler lächelte.
Ein Tiketaketoker bekam Herzprall.
„Also gut“, sagte Mertens.
„Sehr schön.“
„Aber wenn ich die Orgel stimme, brauche ich Ruhe.“
Der Ober-Bruder nickte.
„Selbstverständlich.“
Er wandte sich an die Tiketaketoker.
„Sie gehen solange zum Zaun.“
„Und die Madonna?“
„Die kommt danach.“
„Und die Wörter?“
Der Ober-Bruder überlegte.
„Die können bleiben.“
Alle wurden still.
Der Butler hob den Kopf.
„Sehr wohl.“
Eine Stunde später geschah etwas Merkwürdiges.
Aus dem Garten hörte man Hämmern.
Aus dem Seitenschiff hörte man Staubwedel.
Aus dem großen Saal erklang eine einzelne Orgelpfeife.
Pfffffff.
Dann:
Pffff.
Dann ein sehr tiefer Ton.
Der Türsteher öffnete seine Bierflasche.
„Das ist keine Orgel.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
„Was dann?“
„Das weiß nur Herr Mertens.“
Im Garten standen inzwischen acht Tiketaketoker vor dem Ziegenzaun.
Eine Ziege sah ihnen zu.
Einer sagte:
„Die Ziege hat Sehnsrauschen.“
Ein anderer:
„Nein. Ziegenprall.“
Der Butler kam vorbei.
„Ziegenprall ist neu.“
Er schlug das schwarze Buch auf.
„Damit sind es 522.“
Die Ziege machte:
„Määäh.“
Der Butler schrieb:
ziegenraunen
Die Ziege sah ihn an.
„Sehr wohl.“
Im Seitenschiff putzten zwei Tiketaketoker vorsichtig die Madonna.
Staub wirbelte durch das Licht.
Plötzlich erschien unter dem Staub ein kleiner goldener Rand.
Eine Tiketaketokerin blieb stehen.
„Traumglanz.“
Der Butler, der inzwischen überall gleichzeitig zu sein schien:
„Sehr wohl.“
Dann ertönte die Orgel.
Ein einziger klarer Akkord.
Alle hielten inne.
Die Ziegen schwiegen.
Die Tiketaketoker schwiegen.
Der Türsteher setzte die Flasche ab.
Der Butler nahm die Hand vom schwarzen Buch.
Mertens kam langsam aus dem großen Saal.
„Jetzt stimmt sie.“
Der Ober-Bruder lächelte.
„Ich wusste, dass Sie das können.“
„Aber ich kann es doch gar nicht.“
„Jetzt schon.“
Mertens sah ihn an.
Dann zum Butler.
Dann zur Orgel.
Dann zum Kornkreis, der am Horizont noch schwach zu erkennen war.
„Ich glaube“, sagte er, „ich habe gerade ein neues Wort.“
Alle sahen ihn an.
Mertens zögerte.
Dann sagte er:
„Klangheimweh.“
Stille.
Der Butler schloss das Buch.
Der Ober-Bruder nickte.
Der Türsteher hob seine Flasche.
„Das ist gut.“
Der Butler sagte:
„Sehr wohl.“
Und in diesem Augenblick kam eine Ziege durch den neuen Zaun.
Sie lief mitten in den Klosterhof.
Alle sahen ihr nach.
Der Ober-Bruder stand auf.
Er sah zum Butler.
„Könnten Sie...“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Er ging der Ziege hinterher.
Ohne Hosenträger.
Der Türsteher nahm einen Schluck.
Mertens setzte sich auf die Klostermauer.
Die Tiketaketoker begannen zu lachen.
Und irgendwo im großen Saal spielte die Orgel noch einmal denselben Akkord.
Diesmal klang er anders.
Nicht falsch.
Nur neu.
Der Ober-Bruder sah zum Himmel.
„Klausur“, sagte er leise.
Dann blickte er auf die offene Klostertür.
„Sehr wohl.“
Und schloss sie nicht.
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