DIE KLAUSUR DER TIKETAKETOKER
Am Morgen nach dem Kornkreis beschlossen die Tiketaketoker, etwas Vernünftiges zu tun.
Sie gingen ins Kloster.
Niemand wusste genau, warum.
Aber nach einer Nacht mit 520 Wörtern, einem leuchtenden Kornkreis, einer offenen Scrollstube, einem Butler ohne Hosenträger und einem Türsteher mit irischem Bier erschien ein Kloster plötzlich als vernünftiger Ort.
Am Tor stand:
KLOSTER ST. BENEDIKT
Darunter:
SCHWEIGEN.
Die Tiketaketoker wurden still.
Drei Sekunden lang.
Dann sagte einer:
„Herzflimmer.“
Der zweite:
„Sehr stark.“
Der dritte:
„Bei mir Sehnsrauschen.“
Der Türsteher nahm einen Schluck aus seiner Flasche.
„Ich habe Bier.“
Der Butler sah ihn an.
„Das ist keine der bisher bekannten 520 Wortformen.“
„Dann ist es jetzt die 521.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Die schwere Klostertür öffnete sich.
Ein Mann in einer braunen Kutte kam heraus.
Er hatte einen langen Bart, eine ruhige Stimme und den Blick eines Menschen, der seit Jahrzehnten Dinge gesehen hatte, die er lieber nicht erklären wollte.
Er betrachtete die Gruppe.
Die Tiketaketoker.
Den Türsteher.
Den Butler.
Die fehlenden Hosenträger.
Dann fragte er:
„Wer seid ihr?“
Niemand antwortete.
Der Butler trat vor.
„Tiketaketoker.“
Der Mann sah ihn an.
„Und Sie?“
„Butler.“
Der Mann betrachtete ihn.
Dann sagte er:
„Habe mir schon immer einen Butler gewünscht.“
Stille.
Der Butler sah zum Türsteher.
Der Türsteher sah zum Butler.
Mertens sah zum Himmel.
Ein Tiketaketoker flüsterte:
„Das ging schnell.“
Der Ober-Bruder lächelte.
„Sehr wohl“, sagte der Butler.
„Nein“, sagte der Ober-Bruder.
„Wie bitte?“
„Das sage normalerweise ich.“
DIE KLAUSUR BEGINNT
Die Tiketaketoker wurden in einen großen Saal geführt.
Dort standen zwölf Holzbänke.
An der Wand hing ein Kreuz.
Am Fenster stand eine alte Kanne.
Und auf einem Tisch lag ein Zettel.
Darauf:
KLAUSURREGELN
- Nicht sprechen.
- Nicht scrollen.
- Keine Wortneuschöpfungen.
- Keine Kornkreise.
- Kein RIEFUNKE.
Der letzte Punkt war unterstrichen.
Die Tiketaketoker sahen sich an.
Der Türsteher trank Bier.
Der Butler nahm den Zettel.
„Interessant.“
„Was?“, fragte Mertens.
„Punkt fünf.“
„Was ist damit?“
„Er funktioniert nicht.“
„Warum?“
Der Butler zeigte auf den Zettel.
„Das Wort RIEFUNKE steht bereits hier.“
Stille.
Der Ober-Bruder schloss kurz die Augen.
„Ich wusste, dass das schwierig wird.“
Sie setzten sich.
Die Klausur begann.
Eine Minute.
Zwei Minuten.
Drei.
Dann bekam ein Tiketaketoker leibprickeln.
Er hielt es nicht mehr aus.
„Leibprickeln.“
Der Ober-Bruder öffnete die Augen.
„Was?“
„Leibprickeln.“
„Das ist verboten.“
„Warum?“
„Weil es ein neues Wort ist.“
„Nein“, sagte der Butler.
„Es ist bereits erfunden.“
Der Ober-Bruder sah ihn an.
„Von wem?“
Der Butler blätterte in seinem schwarzen Buch.
„Das ist nicht ganz geklärt.“
„Wie viele solcher Wörter gibt es?“
Der Butler sah ihn an.
„Über fünfhundertzwanzig.“
Der Ober-Bruder schwieg.
Dann fragte er:
„Haben Sie auch eines für diesen Moment?“
Alle wurden still.
Der Butler blätterte.
„Herzflimmer.“
Der Ober-Bruder dachte nach.
„Nein.“
„Traumglühen?“
„Nein.“
„Sehnsrauschen?“
„Auch nicht.“
Der Ober-Bruder sah zum Fenster.
Draußen bewegte sich ein Baum.
Ganz leicht.
„Ich glaube“, sagte er, „ich habe ein Wort.“
Alle sahen ihn an.
„Welches?“
Der Ober-Bruder sagte:
„Klosterprickeln.“
Der Butler schloss langsam das Buch.
„Sehr wohl.“
DER BUTLER BLEIBT
Am Nachmittag sollte die Gruppe wieder abreisen.
Doch der Ober-Bruder kam zum Butler.
„Sie bleiben.“
Der Butler sah ihn an.
„Warum?“
„Ich habe mir schon immer einen Butler gewünscht.“
„Aber ich bin bereits einer.“
„Eben.“
Der Butler überlegte.
„Und meine Hosenträger?“
Der Ober-Bruder sah nach unten.
„Die finden wir.“
„Sehr wohl.“
Der Türsteher kam hinzu.
„Und ich?“
Der Ober-Bruder sah die Bierflasche.
„Sie sind schwieriger.“
„Warum?“
„Sie haben Bier.“
„Aus Irland.“
Der Ober-Bruder dachte lange nach.
„Dann bleiben Sie auch.“
Der Türsteher nickte.
„Sehr wohl.“
AM ABEND
Die Tiketaketoker saßen im Klosterhof.
Es war still.
Ungewöhnlich still.
Kein Handy.
Kein Scrollen.
Kein Reden.
Nur Wind.
Dann hörte jemand ein leises Knacken.
Alle erstarrten.
Eine Wäscheklammer lag auf der Mauer.
Sie bewegte sich.
Ganz langsam.
Der Ober-Bruder kam aus dem Kloster.
Der Butler trat neben ihn.
Der Türsteher hielt seine Flasche.
Mertens nahm seinen Bleistift.
Ein Tiketaketoker flüsterte:
„Habt ihr das gehört?“
Der Ober-Bruder hob die Hand.
Niemand sprach.
Die Wäscheklammer zitterte noch einmal.
Dann leuchtete irgendwo am Himmel ein winziger Punkt.
Der Butler sah hinauf.
„Nachtschein.“
Der Ober-Bruder flüsterte:
„Nein.“
„Was dann?“
Der Ober-Bruder lächelte.
„Klausurglanz.“
Der Butler sah ihn an.
„Das ist neu.“
„Sehr wohl.“
Plötzlich begann irgendwo im Kloster eine Glocke zu läuten.
Einmal.
Dann zweimal.
Dann dreimal.
Alle blickten zur Tür.
Der Türsteher stellte seine Bierflasche ab.
„Ich glaube, RIEFUNKE kommt.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Der Ober-Bruder sagte:
„Dann sollen sie herein.“
Mertens fuhr herum.
„Wer?“
Der Ober-Bruder zeigte auf das Klostertor.
Dort standen sie.
Die Wörter.
Alle 521.
Traumglühen.
Herzflimmer.
Leibprickeln.
Mundraunen.
Nachtschein.
Traumstille.
Sehnsprall.
Fingerschweif.
Stimmhauch.
Nachtflut.
Traumschimmer.
Herzschweif.
Und das neue:
KLOSTERPRICKELN.
Sie standen vor dem Tor.
Der Ober-Bruder ging hin.
Er öffnete.
Und sagte:
„Diese Worte dürfen eintreten.“
Der Butler lächelte.
„Sehr wohl.“
Der Türsteher hob seine Flasche.
„Ich auch.“
Und in diesem Augenblick geschah etwas, das niemand erklären konnte:
Die Glocken hörten auf zu läuten.
Der Wind hörte auf zu wehen.
Der Hund — der inzwischen ebenfalls angekommen war — setzte sich mitten in den Hof.
Und aus dem Inneren des Klosters kam ein leises Geräusch.
Ein einziges Knacken.
Alle drehten sich um.
Der Ober-Bruder flüsterte:
„RIEFUNKE.“
Der Butler antwortete:
„Sehr wohl.“
Und irgendwo hinter dem Kloster,
hinter dem Hügel,
hinter dem Kornkreis,
hinter der Nacht,
stand eine Scrollstube offen.
Niemand war dort.
Und trotzdem
scrollte jemand.
|