DIE 19 BRÜDER UND DIE GRÜNE WASSERTONNE
Am dritten Morgen im Kloster regnete es.
Nicht stark.
Aber lange.
Der Ober-Bruder stand vor dem Klostertor und sah in den Hof.
Dort standen die Tiketaketoker.
Der Butler.
Der Türsteher.
Mertens.
Eine Ziege.
Und eine grüne Wassertonne.
Die Wassertonne hatte ein Loch.
Sie tropfte.
Plopp.
Der Ober-Bruder seufzte.
„Wir haben ein Problem.“
Der Butler trat neben ihn.
Ohne Hosenträger.
„Sehr wohl.“
„Die Tonne ist undicht.“
Plopp.
„Sehr wohl.“
„Der Ziegenzaun ist noch nicht fertig.“
„Sehr wohl.“
„Die Madonna braucht noch eine zweite Reinigung.“
„Sehr wohl.“
„Die Orgel verstimmt sich wieder.“
„Sehr wohl.“
„Und die Grabsteine...“
Der Ober-Bruder schwieg.
Diesmal sagte der Butler nichts.
Auch die Tiketaketoker wurden still.
Der Ober-Bruder ging langsam über den Hof.
Am Ende des Gartens lag der kleine Klosterfriedhof.
Neunzehn Grabsteine standen dort.
Einige waren schief.
Einige waren von Moos bedeckt.
Einige konnte man kaum noch lesen.
Der Ober-Bruder blieb stehen.
„Neunzehn“, sagte er.
Mertens fragte:
„Neunzehn was?“
„Brüder.“
Stille.
„Wir waren neunzehn.“
Der Ober-Bruder sah über die Grabsteine.
„Jetzt bin ich noch einer.“
Niemand sagte etwas.
Der Türsteher nahm seine Flasche.
Dann stellte er sie wieder hin.
Zum ersten Mal freiwillig.
Der Butler zog seinen Mantel gerade.
„Wir machen die Grabsteine.“
Der Ober-Bruder sah ihn an.
„Sie?“
„Sehr wohl.“
Die Tiketaketoker kamen näher.
Einer nahm eine Bürste.
Ein anderer einen Eimer.
Mertens holte seinen Bleistift.
„Was soll ich tun?“
Der Ober-Bruder zeigte auf einen schiefen Grabstein.
„Den richten.“
Mertens nickte.
„Das kann ich.“
„Gut.“
Eine Stunde lang arbeitete niemand mit Worten.
Sie arbeiteten mit Händen.
Moos wurde entfernt.
Steine wurden gereinigt.
Namen kamen zum Vorschein.
Jahreszahlen.
Kreuze.
Einige Buchstaben waren fast verschwunden.
Ein Tiketaketoker kniete vor einem besonders alten Stein.
Er strich mit den Fingern darüber.
„Hier fehlt ein Name.“
Der Ober-Bruder kam näher.
Er sah hin.
„Nein.“
„Doch.“
„Der Name ist noch da.“
„Wo?“
Der Ober-Bruder zeigte auf den Stein.
„Hier.“
Der Tiketaketoker sah genauer hin.
Unter dem Moos war ein einziger Buchstabe sichtbar.
Dann noch einer.
Dann noch einer.
Der Name kam zurück.
Ganz langsam.
Ein Tiketaketoker flüsterte:
„Nachtschimmer.“
Der Butler sah auf.
„Nein.“
„Was dann?“
Der Butler dachte nach.
„Erinnerungsglanz.“
Der Ober-Bruder nickte.
„Das ist gut.“
Der Butler schrieb es auf.
523 Wörter.
Mertens sah ihn an.
„Sie zählen tatsächlich noch?“
„Sehr wohl.“
Am Nachmittag war der Friedhof sauber.
Nicht neu.
Nicht perfekt.
Aber sichtbar.
Die neunzehn Steine standen wieder aufrecht.
Der Ober-Bruder ging an ihnen vorbei.
Er berührte jeden einzelnen.
Bei manchen blieb er länger stehen.
Dann sagte er:
„Danke.“
Niemand wusste, ob er mit den Tiketaketokern sprach.
Oder mit den Toten.
Vielleicht mit beiden.
Dann kam ein Geräusch aus dem Garten.
Plopp.
Alle drehten sich um.
Die grüne Wassertonne tropfte.
Der Türsteher zeigte darauf.
„Die.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
„Die braucht einen Namen.“
Der Ober-Bruder sah die Tonne an.
„Sie braucht kein Wort.“
Plopp.
„Doch“, sagte ein Tiketaketoker.
„Warum?“
„Weil sie uns die ganze Zeit etwas sagt.“
Der Butler öffnete sein schwarzes Buch.
„Wassertonnenweh.“
Der Ober-Bruder lächelte.
„Zu dramatisch.“
„Tropfsehnsucht.“
„Nein.“
„Grünprickeln.“
Der Türsteher hob die Hand.
„Das gefällt mir.“
Der Ober-Bruder schüttelte den Kopf.
„Die Tonne heißt einfach Tonne.“
Plopp.
Alle sahen ihn an.
Der Butler sagte:
„Sehr wohl.“
Am Abend saßen alle im Innenhof.
Die Orgel war gestimmt.
Die Madonna war sauber.
Der Ziegenzaun hielt.
Die Grabsteine standen gerade.
Die grüne Wassertonne war repariert.
Der Hund lag neben dem Brunnen.
Der Butler hatte seine Hosenträger immer noch nicht gefunden.
Der Türsteher hatte seine irische Bierflasche wieder in der Hand.
Der Ober-Bruder trat vor die Gruppe.
„Ihr seid gekommen, um Klausur zu halten.“
Die Tiketaketoker nickten.
„Dann habt ihr Zäune gebaut.“
Nicken.
„Ihr habt eine Madonna gereinigt.“
Nicken.
„Ihr habt eine Orgel gestimmt.“
Mertens hob vorsichtig die Hand.
„Mehr oder weniger.“
Der Ober-Bruder lächelte.
„Ihr habt neunzehn Grabsteine aufgerichtet.“
Stille.
„Und ihr habt eine grüne Wassertonne gerettet.“
Der Türsteher sagte:
„Sehr wichtig.“
Der Ober-Bruder sah ihn an.
„Sehr.“
Dann blickte er in die Runde.
„Ihr habt etwas gelernt.“
Mertens fragte:
„Was?“
Der Ober-Bruder antwortete:
„Dass man manchmal an einen Ort kommt, um Antworten zu suchen, und stattdessen Arbeit findet.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
„Und manchmal“, fuhr der Ober-Bruder fort, „ist die Arbeit die Antwort.“
Niemand sagte etwas.
Der Wind ging durch die Bäume.
Vom Friedhof her kam ein leises Rascheln.
Die Tiketaketoker sahen hin.
Der Ober-Bruder hob die Hand.
„Ich segne Euch alle.“
Stille.
Der Türsteher trat einen Schritt nach vorne.
Er sah plötzlich sehr ernst aus.
„Ich brauch auch einen Segen“, flehte er.
Der Ober-Bruder sah ihn lange an.
Dann auf die Flasche.
Dann wieder auf ihn.
„Sauf weniger.“
Der Türsteher senkte den Kopf.
Der Ober-Bruder sprach leise:
„Fünf Brüder aus meinem Kloster hatten Leberzirrhose.“
Die Flasche in der Hand des Türstehers bewegte sich nicht mehr.
Niemand lachte.
Der Ober-Bruder trat zu ihm.
„Der Segen ist nicht, dass dir nichts passiert.“
Er legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Der Segen ist, dass du rechtzeitig aufhörst.“
Der Türsteher nickte.
Dann stellte er die Flasche auf den Boden.
„Sehr wohl.“
Der Butler sah ihn an.
„Das ist neu.“
Der Türsteher antwortete:
„Ja.“
Ein Tiketaketoker flüsterte:
„Wie heißt das?“
Der Butler schlug das schwarze Buch auf.
Er dachte lange nach.
Dann schrieb er:
UMKEHRGLANZ
Der Ober-Bruder sah das Wort.
Er nickte.
„Das bleibt.“
Und irgendwo im Kloster begann die Orgel zu spielen.
Nur einen einzigen Ton.
Einen langen.
Hellen.
Ruhigen Ton.
Der Ober-Bruder schloss die Augen.
Die Tiketaketoker schwiegen.
Der Butler stand ohne Hosenträger neben ihm.
Mertens blickte zum Friedhof.
Die grüne Wassertonne stand still.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit
war im Kloster niemand mehr allein.
Sehr wohl.
|