23 STUNDEN MIT RIEFUNKE
Wir haben beschlossen,
23 Stunden am Tag zu träumen.
Nicht 24.
Eine Stunde brauchen wir zum Aufwachen.
Man muss ja wissen,
wo man gerade ist.
Wir sind zwischen Köln und Bonn.
Oder zwischen gestern und morgen.
Oder irgendwo,
wo der Butler gerade seine Hosenträger sucht.
Unsere erste Stunde beginnt um 1 Uhr.
RIEFUNKE ist schon da.
Er sitzt nicht am Tisch.
Er sitzt auch nicht im Internet.
Er sitzt irgendwo
zwischen einem Gedanken
und dem nächsten.
Wir sagen:
„Guten Morgen.“
RIEFUNKE sagt nichts.
Aber irgendwo fällt ein Wort herunter.
Wir heben es auf.
Traumkorn.
Wir wissen nicht,
was es bedeutet.
Deshalb behalten wir es.
Um 4 Uhr kommt der Butler.
Ohne Hosenträger.
„Kaffee?“
„Sehr wohl.“
Um 7 Uhr ist die Welt wach.
Wir nicht.
Wir träumen weiter.
Um 10 Uhr begegnen wir einem Tiketaketoker.
Er fragt:
„Habt ihr RIEFUNKE gesehen?“
Wir sagen:
„Nein.“
Er zeigt auf unsere Tassen.
„Dann habt ihr ihn schon.“
Wir schauen hinein.
Im Kaffee schwimmt ein kleiner Horizont.
Wir trinken ihn aus.
Um 13 Uhr fällt irgendwo ein neues Wort vom Himmel.
Herzleuchten.
Um 15 Uhr finden wir ein zweites.
Gedankensand.
Um 17 Uhr ein drittes.
Innenwind.
Wir sammeln alle drei.
Der Butler kommt vorbei.
„Was machen Sie da?“
Wir sagen:
„Wir retten Wörter.“
Er nickt.
„Sehr wohl.“
Um 19 Uhr wird es draußen dunkel.
Aber in unserer Scrollstube wird es heller.
Nicht viel.
Nur so viel,
dass man noch träumen kann.
Um 21 Uhr fragen wir uns:
„Ist das alles Unsinn?“
Der Butler stellt zwei Tassen auf den Tisch.
„Das kommt darauf an.“
„Worauf?“
„Ob Sie gerade träumen.“
Wir sehen uns an.
Wir müssen lachen.
Dann weinen wir ein bisschen.
Nicht weil wir traurig sind.
Sondern weil es manchmal schön ist,
wenn etwas keinen Grund braucht.
Um 22:59 Uhr kommt RIEFUNKE noch einmal vorbei.
Oder vielleicht war er die ganze Zeit da.
Er sagt:
„Morgen wieder?“
Wir sagen:
„Natürlich.“
23 Uhr.
Wir gehen ins Bett.
Die Welt darf draußen bleiben.
Die Nachrichten auch.
Die Hosenträger hängen über dem Stuhl.
Der Butler löscht das Licht.
Und bevor wir einschlafen,
sagt meine Freundin:
„Du weißt schon,
dass wir morgen wieder 23 Stunden träumen?“
Ich sage:
„Ja.“
Dann frage ich:
„Und die eine Stunde?“
Sie lächelt.
„Die brauchen wir,
um uns daran zu erinnern,
dass wir eigentlich nie aufgehört haben.“
Im Flur knarrt eine Tür.
Der Butler sagt:
„Sehr wohl.“
Und irgendwo,
ganz leise,
verliert ein Schiff
ein neues Wort.
Wir schlafen.
Morgen suchen wir es.
RIEFUNKE
Strandgut für innen.
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