DIE ENTSTEHUNG DES GEHEIMEN RIEFUNKE-WASSERS
Eine Geschichte über Goethe, Rotwein und den Wunsch nach etwas Vernünftigem
England.
Späte Abendstunde.
Die englische Scrollstube war geöffnet.
Der bärtige Türsteher stand vor der Tür und betrachtete den Parkplatz mit jener Ruhe, die nur Menschen besitzen, die bereits mit UFOs, Tiketaketokern und anderen unerklärlichen Erscheinungen gerechnet haben.
In der Scrollstube saßen die Tiketaketoker.
Es war still.
Auf dem Tisch standen Gläser.
Rotwein.
Goethe war ebenfalls da.
Er hatte, wie man inzwischen weiß, eine gewisse Vorliebe für Rotwein entwickelt.
Doch an diesem Abend geschah etwas Entscheidendes.
Goethe betrachtete sein Glas.
Dann betrachtete er die anderen Gläser.
Dann sah er zum Butler.
Der Butler stand regungslos da.
Goethe sagte:
„Haben Sie eigentlich auch Wasser?“
Der Butler antwortete:
„Selbstverständlich.“
Goethe:
„Normales Wasser?“
Der Butler:
„Leitungswasser.“
Goethe nahm einen Schluck Rotwein.
Er dachte nach.
Sehr lange.
Dann sagte er:
„Das wäre vernünftig.“
Der Butler nickte.
Der bärtige Türsteher, der das Gespräch von draußen durch die geöffnete Tür mitbekommen hatte, stellte sein irisches Bier ab.
„Vernünftig?“
Goethe:
„Wasser.“
Der Türsteher überlegte.
„Aber wir haben doch schon Getränke.“
Goethe zeigte auf sein Rotweinglas.
„Genau das ist das Problem.“
Stille.
Die Tiketaketoker hörten auf zu scrollen.
Einer nahm langsam seine Antenne vom Tisch.
Ein anderer flüsterte:
„Hat Goethe gerade Wasser vorgeschlagen?“
Der Butler sagte nichts.
Er ging in die Küche.
Wenige Minuten später kam er zurück.
In seiner Hand:
Ein Glas Leitungswasser.
Er stellte es vor Goethe.
Goethe betrachtete das Glas.
Keine Flasche.
Kein Etikett.
Kein Preis.
Keine Werbung.
Nur Wasser.
Goethe nahm einen Schluck.
Dann stellte er das Glas ab.
„Das“, sagte er, „ist gut.“
In diesem Augenblick war das RIEFUNKE-Wasser geboren.
Allerdings wusste es zu diesem Zeitpunkt noch niemand.
Denn es gab ein Problem.
Wer sollte es bekommen?
Der Butler sah zur Tür.
Der bärtige Türsteher sah zum Butler.
Der Butler sah zu den Tiketaketokern.
Die Tiketaketoker sahen auf das Wasser.
Schließlich sagte der Türsteher:
„Nicht für normale TikToker.“
Der Butler nickte.
„Natürlich nicht.“
Und damit war die wichtigste Regel geschaffen.
DIE REGEL
RIEFUNKE-Wasser wird nicht verkauft.
RIEFUNKE-Wasser kann nicht bestellt werden.
RIEFUNKE-Wasser steht nicht auf einer Getränkekarte.
Es gibt keinen Preis.
Es gibt keine Flasche im Supermarkt.
Es gibt keinen Online-Shop.
Das Wasser wird ausschließlich vom Butler ausgeschenkt.
Und zwar nur an Menschen, bei denen der bärtige Türsteher keinen Zweifel daran hat, dass sie echte Tiketaketoker sind.
Goethe war der Erste.
Nicht weil er Goethe war.
Sondern weil er etwas Vernünftiges wollte.
DIE ERSTEN MINUTEN
Die Nachricht verbreitete sich in der Scrollstube.
Nicht offiziell.
Nicht über TikTok.
Nicht über YouTube.
Sie wurde geflüstert.
„Es gibt jetzt Wasser.“
„Was für Wasser?“
„RIEFUNKE-Wasser.“
„Kann man es kaufen?“
„Nein.“
„Was kostet es?“
„Nichts.“
„Warum?“
„Weil man es nicht kaufen kann.“
„Wer schenkt es aus?“
„Der Butler.“
„Kann jeder hinein?“
„Nein.“
„Warum?“
„Der Türsteher.“
Damit war das Geheimnis perfekt.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis einige YouTuber davon erfuhren.
Sie kamen zur Scrollstube.
Mit Kameras.
Mit Mikrofonen.
Mit Fragen.
Einer wollte sogar Geld anbieten.
Der Butler blieb unbestechlich.
Der bärtige Türsteher verschränkte die Arme.
„Nein.“
„Aber ich bin YouTuber.“
„Das sehe ich.“
„Ich möchte nur dieses Wasser probieren.“
„Nein.“
„Ich bezahle.“
„Nein.“
„Wie viel müsste ich bezahlen?“
Der Türsteher sah ihn lange an.
„Gar nichts.“
Der YouTuber lächelte.
„Dann bekomme ich ein Glas?“
„Nein.“
Der Butler nickte zustimmend.
Denn RIEFUNKE-Wasser ist unbezahlbar.
Nicht weil es teuer wäre.
Sondern weil es nicht käuflich ist.
GOETHE UND DAS VERMÄCHTNIS
Goethe selbst nahm an diesem Abend noch ein zweites Glas.
Er blickte hinaus auf den Parkplatz.
Das violette UFO stand dort.
Der Pinscher schlief.
Der Türsteher trank sein irisches Bier.
Die Tiketaketoker schwiegen.
Goethe hob sein Wasserglas.
„Manchmal“, sagte er, „braucht es nichts Besonderes.“
Der Butler antwortete:
„Das ist der Grund, warum es besonders geworden ist.“
Goethe nickte.
Dann trank er.
Seit diesem Abend wird RIEFUNKE-Wasser in der englischen Scrollstube ausgeschenkt.
Nur an echte Tiketaketoker.
Nur durch den Butler.
Nicht gegen Geld.
Nicht gegen Gefälligkeiten.
Nicht gegen Ruhm.
Und selbstverständlich nicht gegen Bestechung.
Denn der Butler ist unbestechlich.
Das wurde sogar schriftlich festgehalten.
Mit einem einzigen Satz:
„Der Butler nimmt nichts an.“
Darunter befindet sich seine Unterschrift.
Keine weiteren Erklärungen.
HEUTE
Seit wenigen Minuten existiert das RIEFUNKE-Wasser offiziell.
Es ist bereits legendär.
Es besteht aus ganz normalem Leitungswasser.
Und doch ist es das exklusivste Getränk der Scrollstube.
Goethe wollte etwas Vernünftiges.
Die Tiketaketoker bekamen ein Geheimnis.
Der Butler bekam eine neue Aufgabe.
Der bärtige Türsteher bekam eine weitere Regel.
Und die normalen TikToker?
Sie scrollen weiter.
Draußen.
Vor der Tür.
Während drinnen der Butler ein Glas hebt.
Ein Tiketaketoker nimmt es entgegen.
Ein kurzer Blick.
Ein Schluck.
Stille.
Dann fragt jemand:
„Und?“
Der Tiketaketoker stellt das Glas ab.
„Wasser.“
Pause.
„Aber RIEFUNKE-Wasser.“
Und irgendwo auf dem Parkplatz knackt eine Antenne.
KRRRRT.
Die Scrollstube schweigt.
Der Butler schaut zum Fenster.
Der bärtige Türsteher stellt sein Bier ab.
Goethe lächelt.
Denn er weiß:
Er hatte recht.
Manchmal braucht man einfach etwas Vernünftiges.
RIEFUNKE-WASSER.
Nicht käuflich.
Nicht für jeden.
Aber für echte Tiketaketoker.
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