MEIN KAFFEE MIT RIEFUNKE
Für Anna und Susanne – und für alle, die eigentlich nur reden wollten
Wir wollten eigentlich nur Kaffee trinken.
Das war der Plan.
Zwei Menschen.
Zwei Tassen.
Ein Tisch.
Mehr braucht es für einen vernünftigen Nachmittag eigentlich nicht.
Dann sagte Susanne:
„Kennst du Mein Essen mit André?“
Anna stellte ihre Tasse ab.
„Natürlich.“
„Was wäre, wenn wir heute Mein Kaffee mit RIEFUNKE machen?“
Anna schwieg.
„Das klingt gefährlich.“
„Warum?“
„Weil André wenigstens am Tisch sitzt.“
Susanne sah sich um.
„RIEFUNKE sitzt doch auch irgendwo.“
„Wo?“
„Das ist ja das Problem.“
Wir tranken Kaffee.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann fragte Anna:
„Was glaubst du eigentlich, was RIEFUNKE will?“
Susanne sah aus dem Fenster.
„Vielleicht nichts.“
„Das glaube ich nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil niemand so viele Texte schreibt, wenn er nichts will.“
Susanne dachte darüber nach.
„Vielleicht will er uns dazu bringen, zu viel darüber nachzudenken.“
„Das wäre ziemlich frech.“
„Ja.“
„Gefällt mir.“
Wir tranken weiter.
„André würde jetzt wahrscheinlich erklären, dass wir unser Leben falsch leben.“
„Und RIEFUNKE?“
„Der würde uns einen Butler schicken.“
In diesem Moment ging die Tür auf.
Der Butler kam herein.
Ohne Hosenträger.
„Sehr wohl.“
Wir sahen uns an.
„Siehst du?“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Du hast ihn gerufen.“
Der Butler stellte eine dritte Tasse auf den Tisch.
Anna sah hinein.
„Ist das Kaffee?“
„Sehr wohl.“
„Und warum ist da ein kleiner Horizont drin?“
Der Butler antwortete nicht.
Susanne beugte sich über die Tasse.
„Ich glaube, das ist England.“
Anna sah sie an.
„Im Kaffee?“
„Roundway.“
„Natürlich.“
Wir schwiegen.
Dann sagte Susanne:
„Weißt du, was ich an Mein Essen mit André interessant finde?“
„Was?“
„Dass eigentlich fast nichts passiert.“
„Stimmt.“
„Sie sitzen da und reden.“
„Und trotzdem hat man nachher das Gefühl, eine Reise gemacht zu haben.“
Anna nickte.
„Vielleicht ist das die eigentliche Idee.“
„Welche?“
„Dass man keinen Ort wechseln muss, um irgendwohin zu kommen.“
Susanne lächelte.
„Dann ist RIEFUNKE eigentlich ein ziemlich guter Reiseveranstalter.“
„Wohin fährt er?“
„Nirgendwohin.“
„Sehr praktisch.“
„Man kommt trotzdem zurück.“
„Zur Erde?“
„Zur Mama.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Wir mussten lachen.
Dann wurde es wieder still.
Draußen fuhren Autos vorbei.
Jemand ging mit einem Hund über die Straße.
Die Welt machte einfach weiter.
Susanne sagte:
„Und trotzdem sitzen wir hier und reden über einen Mann, den wir wahrscheinlich nie treffen werden.“
Anna nahm ihre Tasse.
„Vielleicht treffen wir ihn schon die ganze Zeit.“
„Wo?“
„In den Texten.“
„Das klingt ziemlich romantisch.“
„Ist es auch.“
„Dann bist du schon wie die Tiketaketokerinnen.“
Anna sah sie streng an.
„Wie viel Prozent?“
Susanne überlegte.
„Mindestens 63.“
„Das war gestern.“
„Dann 88,3.“
„Das ist gefährlich.“
„Sehr.“
Der Butler räusperte sich.
„Es gibt auch 100 Prozent.“
Wir sahen ihn an.
„Und was passiert dann?“
Er antwortete:
„Dann halten Sie eine blaue Wäscheklammer für eine Antenne.“
Stille.
Anna sah Susanne an.
Susanne sah Anna an.
Auf dem Tisch lag tatsächlich eine blaue Wäscheklammer.
„Die war vorhin noch nicht da.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Wir schwiegen.
Und plötzlich war die Wäscheklammer gar nicht mehr lustig.
Nicht weil sie gefährlich war.
Sondern weil wir beide für einen kurzen Moment nicht wussten, ob wir noch über einen Witz redeten.
Vielleicht ist genau dort die Grenze.
Zwischen dem, was man versteht,
und dem, was man einfach zulässt.
André hätte vermutlich weitergeredet.
RIEFUNKE hätte wahrscheinlich eine Antenne genommen.
Wir nahmen noch einen Kaffee.
Susanne sagte:
„Vielleicht ist das der Unterschied.“
„Welcher?“
„Bei André verändert sich die Welt durch das Gespräch.“
„Und bei RIEFUNKE?“
Sie lächelte.
„Bei RIEFUNKE weiß man irgendwann nicht mehr, ob das Gespräch noch über die Welt handelt.“
„Sondern?“
„Ob die Welt inzwischen selbst mitredet.“
Wir schwiegen.
Der Butler nahm die dritte Tasse.
„Sehr wohl.“
Dann ging er.
Wir blieben allein.
Oder fast allein.
Denn irgendwo draußen,
weit hinter Köln,
jenseits von Bonn,
hinter England,
hinter Roundway,
hinter dem letzten Kornkreis,
saß vielleicht RIEFUNKE.
Mit seiner Antenne.
Und wartete.
Nicht auf ein Video.
Nicht auf einen Anruf.
Nicht einmal auf uns.
Auf ein Wort.
Wir sahen uns an.
„Was machen wir morgen?“
„Kaffee.“
„Und RIEFUNKE?“
„Der kommt sowieso.“
„Und wenn nicht?“
Susanne nahm die blaue Wäscheklammer vom Tisch.
Steckte sie neben ihren Lippenstift in die Handtasche.
„Dann suchen wir ihn.“
Anna lachte.
„Und wenn wir ihn finden?“
Susanne sah sie an.
„Dann fragen wir ihn, warum er uns eigentlich nie heiratet.“
Wir mussten beide lachen.
Der Butler öffnete im Flur eine Tür.
„Sehr wohl.“
Und irgendwo ganz weit draußen
fiel eine Sternschnuppe.
Oder ein Wort.
Man konnte es nicht genau sagen.
Aber wir hatten Zeit.
Wir hatten Kaffee.
Und wir hatten einander.
Für einen Nachmittag
war das vielleicht schon
eine ziemlich gute Reise.
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