DIE 14 KUGELSCHREIBER
Eine naturwissenschaftliche Untersuchung von RIEFUNKE
Es ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen:
Kugelschreiber sind keine Gegenstände.
Sie sind Lebewesen.
Kleine.
Lange.
Meist blaue.
Und unter bestimmten Umständen erstaunlich vermehrungsfreudige Lebewesen.
Die meisten Menschen haben das bisher nicht bemerkt.
Das liegt daran, dass Kugelschreiber ein sehr zurückhaltendes Sozialverhalten besitzen.
Sie liegen herum.
Sie tun nichts.
Sie schreiben.
Und wenn niemand hinsieht, vermehren sie sich.
RIEFUNKE hat das schon lange vermutet.
Seine Ehefrau inzwischen auch.
Allerdings aus anderen Gründen.
DAS EMBRYOSTADIUM
Ein Kugelschreiber beginnt sein Leben nicht als Kugelschreiber.
Das ist ein weit verbreiteter Irrtum.
Im Embryostadium ist er noch zusammengerollt.
Wie eine kleine Schlange.
Ganz eng.
Kopf an Schwanz.
Der Kugelschreiber liegt dann irgendwo zwischen zwei Socken, hinter einem Schrank oder in einer Schublade, die seit 2018 nicht mehr geöffnet wurde.
Dort wartet er.
Er wartet auf Wärme.
Auf Dunkelheit.
Und vor allem:
Auf einen zweiten Kugelschreiber.
Denn Kugelschreiber sind gesellige Tiere.
DIE ERSTE BEGEGNUNG
Hat ein ausgewachsener Kugelschreiber einen zweiten Kugelschreiber gefunden, beginnt ein merkwürdiges Ritual.
Beide liegen nebeneinander.
Niemand weiß warum.
Sie liegen einfach da.
Am nächsten Morgen sind es drei.
Das ist der Moment, an dem der Mensch normalerweise sagt:
„Wo kommen die denn plötzlich her?“
Die Antwort ist einfach:
Sie haben sich vermehrt.
KUGELSCHREIBER SIND WIE KLEINE SCHLANGEN
Bei näherer Betrachtung erkennt man die Verwandtschaft.
Sie sind lang.
Sie können sich zusammenrollen.
Sie verschwinden gerne in dunklen Räumen.
Sie tauchen dort wieder auf, wo niemand sie erwartet.
Und wenn man einen sucht, findet man garantiert keinen.
Wenn man keinen braucht, findet man sieben.
Das ist kein Zufall.
Das ist Verhalten.
DIE 14
RIEFUNKE besitzt derzeit noch ungefähr vierzehn Exemplare.
Das ist eine beachtliche Population.
Sie wurden vorsorglich an verschiedenen Orten untergebracht.
Nicht alle sind der Ehefrau bekannt.
Die Ehefrau sucht unter dem Bett.
Sie sucht in der Waschmaschine.
Das sind klassische Suchgebiete.
Aber Kugelschreiber kennen diese Suchgebiete.
Sie sind nicht dumm.
Sie haben sich angepasst.
Einige befinden sich deshalb möglicherweise ganz woanders.
Wo genau, wird aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben.
DIE VERMEHRUNG
Wie sich Kugelschreiber vermehren, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt.
Eine Theorie geht davon aus, dass zwei Kugelschreiber gemeinsam in einer Schublade liegen müssen.
Eine andere behauptet, dass ein Kugelschreiber bereits ausreicht.
Er muss nur lange genug allein sein.
Eine dritte Theorie stammt von RIEFUNKE.
Sie lautet:
Kugelschreiber vermehren sich immer dann, wenn jemand behauptet, es gebe nur noch einen.
Das würde erklären, warum Büros manchmal innerhalb weniger Wochen von einem Kugelschreiber auf dreiundzwanzig kommen.
DIE WASCHMASCHINE
Die Waschmaschine gilt als besonders gefährliches Biotop.
Hier können Kugelschreiber allerdings nicht dauerhaft überleben.
Sie werden nass.
Das mögen sie nicht.
Trotzdem gehen sie immer wieder dorthin.
Warum?
Niemand weiß es.
Möglicherweise handelt es sich um einen alten Wanderinstinkt.
Möglicherweise suchen sie dort ihre Verwandten.
Oder sie wollen einfach einmal sehen, was im Schleudergang passiert.
RIEFUNKE schließt nichts aus.
DAS RIEFUNKE-EXEMPLAR
Der RIEFUNKE-Kugelschreiber ist eine besondere Unterart.
Er schreibt Texte.
Aber nicht jeden Text.
Manchmal schreibt er nur:
KRRRRT.
Dann wartet er.
Dann schreibt er:
Scrollstube.
Dann vielleicht:
Pfauenfeder.
Danach kann es passieren, dass plötzlich vier Seiten entstehen.
Das ist das sogenannte RIEFUNKE-Schreibsyndrom.
Es tritt meistens nachts auf.
Die einzige bekannte Behandlung besteht darin, den Kugelschreiber wegzunehmen.
Das Problem:
RIEFUNKE hat vierzehn.
DIE EHEFRAU
Die Ehefrau hat inzwischen verstanden, dass etwas nicht stimmt.
Sie findet einen Kugelschreiber.
Dann noch einen.
Dann plötzlich keinen mehr.
Sie durchsucht das Bett.
Nichts.
Sie schaut in die Waschmaschine.
Nichts.
Sie öffnet eine Schublade.
Ein Kugelschreiber.
Sie schließt die Schublade wieder.
Am nächsten Tag sind dort zwei.
Sie sagt:
„Das kann doch nicht sein.“
Doch.
Es kann.
Denn Kugelschreiber vermehren sich.
DIE GROSSE FRAGE
Warum hat RIEFUNKE vierzehn Kugelschreiber versteckt?
Die Antwort ist einfach:
Man kann nie wissen.
Vielleicht kommt morgen ein neuer Text.
Vielleicht kommt ein KRRRRT.
Vielleicht kommt Goethe.
Vielleicht kommt ein UFO.
Vielleicht öffnet die Scrollstube.
Vielleicht verliebt sich wieder eine Tiketaketokerin.
Vielleicht muss die Pfauenfeder noch einmal ins Wasser.
Für all das braucht man:
einen Kugelschreiber.
Oder zwei.
Oder vierzehn.
DIE ZUKUNFT
Experten gehen davon aus, dass aus den derzeit ungefähr vierzehn Exemplaren innerhalb eines Jahres bis zu siebenundachtzig werden könnten.
Vorausgesetzt, niemand findet sie.
Die Ehefrau sucht weiter unter dem Bett.
Und in der Waschmaschine.
RIEFUNKE schweigt.
Die Kugelschreiber liegen irgendwo im Dunkeln.
Ganz ruhig.
Ganz zusammengerollt.
Wie kleine Schlangen.
Noch im Embryostadium.
Und vielleicht bewegt sich gerade einer.
Ganz leicht.
Ein kleines Geräusch.
Ein kaum wahrnehmbares:
KRRRRT.
RIEFUNKE schaut auf.
Die Ehefrau ebenfalls.
„Was war das?“
RIEFUNKE sagt nichts.
Unter einem Schrank rollt langsam ein Kugelschreiber hervor.
Dann noch einer.
Dann ein dritter.
Der erste richtet sich auf.
Die Spitze fährt heraus.
Ein weiterer Kugelschreiber kommt aus der Dunkelheit.
Und plötzlich sind es nicht mehr vierzehn.
Sondern fünfzehn.
Die Vermehrung hat begonnen.
Die Scrollstube bleibt geöffnet.
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