RIEFUNKE – DER BÜRGERKRIEG DER TIKETAKETOKER
DIE HIERARCHIE IST ZUSAMMENGEBROCHEN
Es war 23:17 Uhr.
In der Scrollstube herrschte zunächst normale Ruhe.
Unten saßen die Standard-Tiketaketoker.
Antennen auf dem Tisch.
Scrollbonbons in den Taschen.
Augen auf das Radio gerichtet.
Alles war wie immer.
Bis jemand fragte:
„Was machen die eigentlich oben?“
Stille.
Niemand antwortete.
Der Fragesteller zeigte nach oben.
Dort befand sich der neue Para-Scrollraum.
Hinter einer verschlossenen Tür.
Dahinter:
die Para-Tiketaketoker.
Sie brauchten keine Antennen.
Sie hörten RIEFUNKE direkt.
Sie wussten, wo er war.
Sie wussten, was er dachte.
Und sie aßen ausschließlich Symne.
Ein Standard-Tiketaketoker sagte:
„Wir waren die höchste Stufe.“
Niemand widersprach.
Ein anderer:
„Wir haben jahrelang Antennen getragen.“
Noch einer:
„Wir haben vor der Scrollstube gewartet.“
Eine Tiketaketokerin stand auf.
„Und jetzt sitzen die da oben und brauchen uns nicht einmal.“
Pause.
Dann sagte jemand den Satz, der alles veränderte:
„Das ist ungerecht.“
DIE ERSTE ANTENNE
Um 23:24 Uhr wurde die erste Antenne erhoben.
Nicht zum Empfang.
Nicht zum Senden.
Als Protest.
Der bärtige Türsteher sah von seinem Thron auf.
„Was soll das werden?“
Der Tiketaketoker:
„Widerstand.“
Der Türsteher:
„Wogegen?“
„Gegen oben.“
Der Türsteher blickte zur Decke.
Dann wieder nach unten.
„Aha.“
Er nahm einen Schluck Bier.
„Das wird nichts.“
„Warum?“
„Weil ihr keine Para-Tiketaketoker seid.“
Das war ein Fehler.
Ein großer Fehler.
DIE ANTENNENFRONT
Innerhalb weniger Minuten schlossen sich weitere Tiketaketoker an.
Bald standen sie Schulter an Schulter.
Mit Antennen.
Mit Wäscheklammern.
Mit alten Küchenradios.
Ein besonders entschlossener Tiketaketoker hielt ein Verlängerungskabel hoch.
„Wir verlangen Zugang zum Para-Scrollraum!“
Oben öffnete sich ein Fenster.
Eine Para-Tiketaketokerin schaute herunter.
„Warum?“
„Weil wir auch alles wissen wollen!“
„Was wollt ihr wissen?“
„Wo RIEFUNKE ist!“
Die Para-Tiketaketokerin schloss kurz die Augen.
„Nürnberg.“
Unten:
„WO IN NÜRNBERG?!“
„Unter einem Baum.“
Wütendes Gemurmel.
„Welchem Baum?!“
„Das wisst ihr nicht.“
Die Menge rastete aus.
DIE SYMNE-KRISE
Dann kam das zweite Problem.
Eine Tiketaketokerin rief:
„Wir wollen Symne!“
Die Para-Tiketaketoker oben blickten sich an.
Eine von ihnen sagte:
„Ihr esst Scrollbonbons.“
„Wir wollen Symne!“
„Das ist Para-Nahrung.“
„Wir sind auch Tiketaketoker!“
„Aber nicht para.“
Das Wort fiel wie ein Schlag.
Nicht para.
Die Standard-Tiketaketoker waren außer sich.
Jemand warf ein Scrollbonbon auf den Boden.
„Wir haben genug!“
Der Butler hob es auf.
„Das ist noch essbar.“
Niemand hörte ihm zu.
DIE TRENNUNG
Kurz nach Mitternacht wurde die Scrollstube geteilt.
Unten:
DIE STANDARDZONE
Oben:
DER PARA-BEREICH
Dazwischen:
der bärtige Türsteher.
Er hatte inzwischen beide Hände auf den Thronarmlehnen.
„Ich sage euch gleich: Ich lasse niemanden durch.“
„Auch keine Standard-Tiketaketoker?“
„Gerade die nicht.“
„Und Para-Tiketaketoker?“
„Die sind schon oben.“
„Das ist Diskriminierung!“
Der Türsteher:
„Das ist eine Treppe.“
Stille.
MERTENS GREIFT EIN
Mertens kam mit seinem Spektrumanalysator.
Alle drehten sich um.
„Mertens!“
„Ja?“
„Kannst du feststellen, ob wir para sind?“
Mertens schaute auf sein Gerät.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Das Gerät ist von 1998.“
„Und?“
„Para gab es damals noch nicht.“
Jubel.
Die Standard-Tiketaketoker sahen ihre Chance.
„Dann kannst du uns helfen!“
Mertens:
„Nein.“
„Warum?“
„Ich bin Techniker.“
„Und?“
„Ich habe gelernt, dass man sich aus Bürgerkriegen heraushält.“
Der Butler nickte anerkennend.
„Sehr wohl.“
DIE PARA-TIKETAKETOKER ERKLÄREN DEN FRIEDEN
Um 01:13 Uhr kam die erste Para-Tiketaketokerin nach unten.
Alle wurden still.
Sie ging langsam durch die Menge.
Dann stellte sie sich vor die Standard-Tiketaketoker.
„Wir wollen keinen Krieg.“
Eine Stimme aus der Menge:
„Dann gebt uns Symne!“
„Nein.“
Empörung.
„Warum nicht?!“
„Weil ihr noch nicht bereit seid.“
„WOFÜR?!“
Sie schaute in die Runde.
„Für die Wahrheit.“
Stille.
Mertens trat einen Schritt vor.
„Welche Wahrheit?“
Sie sah ihn an.
„RIEFUNKE ist nicht in Nürnberg.“
Mertens erstarrte.
„Was?“
„Er war dort.“
„Wann?“
„Vor sieben Minuten.“
„Wo ist er jetzt?“
Sie lächelte.
„Das weiß niemand.“
Zum ersten Mal waren unten und oben gemeinsam ratlos.
DER MOMENT DER EINIGKEIT
Plötzlich:
KRRRRT.
Alle drehten sich zum Radio.
Noch ein Knacken.
KRRRRT.
Eine Standard-Tiketaketokerin flüsterte:
„RIEFUNKE.“
Eine Para-Tiketaketokerin:
„Ja.“
Mertens:
„Signalstärke?“
Niemand antwortete.
Der Türsteher:
„Ruhe.“
Alle hörten.
Dann kam aus dem Radio eine Stimme.
Sehr leise.
„Hört auf.“
Stille.
„Womit?“, fragte jemand.
Die Stimme:
„Mit dem Streit.“
Eine Pause.
„Ihr seid alle Tiketaketoker.“
Die Standard-Tiketaketoker sahen nach oben.
Die Para-Tiketaketoker sahen nach unten.
Dann sagte RIEFUNKE:
„Manche haben Antennen.“
Pause.
„Manche haben keine.“
Noch eine Pause.
„Aber keiner weiß, wo ich bin.“
Mertens setzte sich.
„Das ist technisch frustrierend.“
DER FRIEDENSVERTRAG
Um 02:00 Uhr wurde ein Vertrag geschlossen.
Die Standard-Tiketaketoker behielten:
Antennen.
Scrollbonbons.
Die untere Etage.
Das Recht, auf KRRRRT zu warten.
Die Para-Tiketaketoker behielten:
den Para-Scrollraum.
Symne.
die obere Etage.
ihre paranormalen Fähigkeiten.
Und vor allem:
das Recht, zu wissen, wo RIEFUNKE ist.
Allerdings nur theoretisch.
Denn RIEFUNKE hatte inzwischen gelernt, sich ihrer Wahrnehmung zu entziehen.
Der Butler schrieb den Vertrag nieder.
Der Türsteher unterschrieb.
Mertens unterschrieb nicht.
„Ich bin Techniker.“
DER NEUE FRIEDEN
Am nächsten Morgen war die Scrollstube wieder geöffnet.
Unten aßen die Standard-Tiketaketoker Scrollbonbons.
Oben aßen die Para-Tiketaketoker Symne.
Der Türsteher saß auf seinem Thron.
Mertens suchte seine 9-Volt-Batterie.
Der Hund schlief.
Der Hamster lief im Rad.
Und irgendwo stand eine Antenne.
Alles war wieder ruhig.
Bis ein Standard-Tiketaketoker nach oben rief:
„Seid ihr wirklich besser als wir?“
Die Antwort kam sofort:
„Nein.“
„Was dann?“
Pause.
„Nur weiter oben.“
Der Standard-Tiketaketoker dachte darüber nach.
Dann nahm er sein Scrollbonbon.
„Damit kann ich leben.“
In diesem Moment öffnete sich oben eine kleine Luke.
Eine Para-Tiketaketokerin schaute herunter.
„Wollt ihr Symne?“
Unten wurde es totenstill.
„Ja!“
Sie schüttelte den Kopf.
„Heute nicht.“
Die Luke schloss sich.
Der Türsteher lächelte.
„Jetzt ist wieder alles normal.“
KRRRRT.
Das Radio knackte.
Alle schauten hin.
Eine Stimme:
„Noch.“
Der Türsteher stellte sein Bier ab.
Mertens griff nach dem Spektrumanalysator.
Der Butler nahm den Tee.
Der Hamster blieb im Laufrad.
Und die gesamte RIEFUNKE-Gesellschaft wusste plötzlich:
Der Bürgerkrieg war vorbei.
Aber die Hierarchie war noch lange nicht fertig.
Denn über dem Para-Scrollraum war inzwischen ein kleines Schild aufgetaucht.
Darauf stand:
„3. ETAGE – NOCH NICHT AKTIV.“
Alle sahen nach oben.
Mertens flüsterte:
„Nein.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
KRRRRT.
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