Unser Abend in Serbien
Vor vierzehn Jahren waren meine Freundin und ich in Serbien.
Am Abend gingen wir in ein Restaurant.
Wir konnten die Sprache nicht wirklich und hatten deshalb ein Lexikon dabei. Mit seiner Hilfe bestellten wir etwas, das uns völlig eindeutig erschien:
zwei große Doraden,
in Zitronen-Senf-Sauce,
dazu eine Flasche Rotwein.
Der Rotwein kam nach ungefähr zwei Minuten.
Das Essen sollte noch zwanzig Minuten dauern.
Also tranken wir.
Wir warteten.
Wir tranken weiter.
Irgendwann war die ganze Flasche Rotwein leer.
Dann kam das Essen.
Wir schauten auf unsere Teller.
Darauf lag jeweils:
eine rohe Zwiebel.
Ungefähr fünfzehn Zentimeter Durchmesser.
Etwas Petersilie.
Sonst nichts.
Keine Dorade.
Keine Zitronen-Senf-Sauce.
Nur die Zwiebel.
Wir sahen uns an.
Und wahrscheinlich waren wir schon zu betrunken, um noch wirklich empört zu sein.
Vielleicht hatten wir auch einfach das Gefühl, dass die Welt an diesem Abend beschlossen hatte, uns eine Geschichte zu schenken.
Über uns im Hotel wartete bereits die nächste Überraschung.
Wir gingen schlafen.
Ohne Zähne zu putzen.
Denn meine Freundin sagte noch:
„Unser Freund Goethe mochte auch Rotwein.“
Damit war die Sache für uns eigentlich geklärt.
Goethe mochte Rotwein.
Wir mochten Rotwein.
Wir waren in Serbien.
Wir hatten zwar keine Doraden gegessen, aber immerhin etwas getrunken.
Also schliefen wir ein.
Währenddessen hörten wir aus dem Hotel lautes Geschrei.
Andere Gäste beschwerten sich beim Chef.
Wir wussten nicht genau, worüber.
Heute vermute ich:
Vielleicht hatten sie ebenfalls zwei große rohe Zwiebeln bekommen.
Vielleicht war der ganze Speisesaal an diesem Abend mit Zwiebeln statt mit Fisch versorgt worden.
Vielleicht hatte der Koch einfach eine sehr eigene Vorstellung davon, was eine Bestellung bedeutete.
Wir haben es nie erfahren.
Und wir bemerkten in dieser Nacht auch nicht, dass sich in unserem Hotelzimmer hunderte Wanzen befanden.
Wir wurden gestochen.
Wir merkten es nur nicht.
Der Rotwein hatte offenbar einen gewissen Abstand zwischen uns und die Wirklichkeit gelegt.
Am nächsten Morgen sah die Welt vermutlich anders aus.
Aber die Geschichte war geboren.
Nicht durch einen außergewöhnlichen Urlaubsmoment.
Sondern durch ein Lexikon, zwei Doraden, eine Zitronen-Senf-Sauce, eine Flasche Rotwein und zwei vollkommen unerwartete Zwiebeln.
Dazu ein Hotel voller Wanzen.
Und irgendwo über uns Gäste, die sich beim Chef beschwerten.
Vielleicht über dasselbe.
Vielleicht über etwas ganz anderes.
Wir werden es nie wissen.
Aber eines weiß ich noch:
Meine Freundin sagte:
„Unser Freund Goethe mochte auch Rotwein.“
Und dann gingen wir, ohne Zähne zu putzen, schlafen.
Vielleicht war das damals schon eine kleine Lektion über das Leben:
Man bestellt eine Dorade.
Man bekommt eine Zwiebel.
Man hört andere Menschen schreien.
Man wird von Wanzen gestochen.
Und trotzdem erinnert man sich vierzehn Jahre später nicht zuerst an das Unglück.
Sondern an den Abend.
An Serbien.
An uns beide.
Und an Goethe.
Der Rotwein hatte jedenfalls geschmeckt.
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