BREAKING: FILMEMACHERIN SUCHT RIEFUNKE
Drei Scheidungen, ein Buschtaxi und ein einziger Mann
Die Nachricht kam über TikTok.
Eine Filmemacherin aus Burkina Faso hatte RIEFUNKE entdeckt.
Sie sah zunächst nur einen Text.
Dann einen zweiten.
Dann Mertens.
Dann den Butler.
Dann die Scrollstube.
Dann den Türsteher.
Nach dem dritten Text stand sie auf.
„Das ist mein Film.“
Ihre Freundin fragte:
„Welcher Film?“
Die Filmemacherin zeigte auf den Bildschirm.
„RIEFUNKE.“
„Was ist das?“
„Keine Ahnung.“
„Und worüber willst du den Film machen?“
Die Filmemacherin antwortete:
„Über einen Mann, der vor einer Tür sitzt und entscheidet, wer die digitale Welt betreten darf.“
Pause.
„Das ist Kunst.“
Ihre Freundin:
„Und wie willst du nach Europa kommen?“
Die Filmemacherin zeigte aus dem Fenster.
Dort stand ein Buschtaxi.
DAS BUSCHTAXI
Das Fahrzeug gehörte ihrem Vater.
Er hatte es ihr geliehen.
Mit den Worten:
„Bring es zurück.“
Sie hatte genickt.
„Natürlich.“
Dann war sie losgefahren.
Durch mehrere Länder.
Mit einer Kamera.
Drei Speicherkarten.
Zwei Koffer.
Einem Stativ.
Einem Kanister.
Und einer sehr persönlichen Geschichte.
Denn die Filmemacherin war bereits dreimal geschieden.
Ihr Kommentar dazu:
„Das macht mich nicht zur Expertin für Beziehungen.“
Pause.
„Aber für Türen.“
Warum für Türen?
Das wollte niemand näher hinterfragen.
Sie selbst erklärte:
„In einer Ehe weiß man nie, ob man gerade hinein- oder hinausgeht.“
Ihre Freundin schwieg.
Das Buschtaxi fuhr weiter.
DAS ZIEL
In Europa angekommen, hatte die Filmemacherin nur ein Ziel:
RIEFUNKE finden.
Nicht für TikTok.
Nicht für Klicks.
Nicht für Sponsoren.
Nicht einmal für Ruhm.
Sie wollte einen Film drehen.
Einen echten Film.
Mit langen Einstellungen.
Stille.
Küchenlicht.
Radio-Rauschen.
Mertens.
Der Butler.
Und vor allem:
den Türsteher.
Der Film sollte bei den Filmfestspielen von Venedig laufen.
Arbeitstitel:
„DIE TÜR, DIE NICHT AUFGEHT“
Untertitel:
„Eine Untersuchung über Einlass, Macht und einen bärtigen Mann mit Bier.“
Die Filmförderung hatte bereits abgesagt.
Die Filmemacherin sagte:
„Perfekt.“
„Warum?“
„Dann kann ich den Film machen.“
DIE SUCHE
Sie suchte RIEFUNKE.
In Suchmaschinen.
Auf TikTok.
In Kommentaren.
Auf Karten.
In europäischen Küchen.
Bei Dönerläden.
Vor Radioantennen.
Einmal fragte sie sogar einen Taxifahrer:
„Kennen Sie RIEFUNKE?“
Der Taxifahrer:
„Nein.“
„Kennen Sie einen bärtigen Türsteher?“
„Viele.“
„Sitzt er?“
„Manchmal.“
„Auf einem Thron?“
Der Taxifahrer stieg aus.
„Ich fahre jetzt nach Hause.“
DANN FAND SIE DIE SCROLLSTUBE
Es war ein unscheinbares Gebäude.
Eine Tür.
Davor:
der bärtige Türsteher.
Auf seinem Thron.
Bier.
Blick nach vorn.
Die Filmemacherin hielt abrupt an.
Das Buschtaxi blieb stehen.
Motor aus.
Kamera raus.
Sie stieg aus.
Sah ihn an.
Er sah sie an.
„Tiketaketoker?“
„Filmemacherin.“
„YouTuber?“
„Nein.“
„TikTokerin?“
„Leider.“
Der Türsteher überlegte.
„Einlass.“
Sie blieb stehen.
„Ich möchte einen Film über Sie drehen.“
Der Türsteher nahm einen Schluck Bier.
„Nein.“
„Warum?“
„Keine Lust.“
Sie nickte.
„Das ist großartig.“
Der Türsteher runzelte die Stirn.
„Was?“
„Genau diese Haltung brauche ich.“
DIE DREI SCHEIDUNGEN
Sie setzte sich neben den Thron.
„Ich war dreimal verheiratet.“
Der Türsteher:
„Mein Beileid.“
„Danke.“
„Warum erzählen Sie mir das?“
„Weil ich gelernt habe, dass Menschen immer glauben, sie müssten irgendwo hinein.“
Der Türsteher sah sie an.
„Und?“
„Manchmal ist draußen der bessere Ort.“
Der Türsteher nickte langsam.
„Stimmt.“
Die Filmemacherin lächelte.
„Sie verstehen mich.“
„Nein.“
„Noch besser.“
Sie schaltete die Kamera ein.
DER FILM BEGINNT
Sie filmte den Türsteher.
Zehn Minuten.
Zwanzig.
Eine Stunde.
Er sagte nichts.
Die Kamera lief.
Dann kam ein TikToker.
„Darf ich rein?“
Der Türsteher:
„Nein.“
„Warum?“
„Weil ich das sage.“
Die Kamera filmte weiter.
Dann kam ein anderer.
„Und ich?“
„Auch nein.“
„Aber warum?“
„Heute nicht.“
Die Filmemacherin bekam glänzende Augen.
„Das ist Kino.“
Der Türsteher:
„Das ist Dienstag.“
ABER DANN KAM DER WAHRE PLAN
Am Abend saß die Filmemacherin im Buschtaxi.
Sie schaute das Filmmaterial durch.
Sie hatte 47 Minuten Türsteher.
Drei Stunden Schweigen.
Vier Aufnahmen von Bier.
Eine Taube.
Mertens, der im Hintergrund irgendetwas maß.
Und eine perfekte Aufnahme davon, wie der Türsteher jemanden nicht hineinließ.
Sie war begeistert.
Aber dann sagte sie:
„Das reicht nicht.“
Ihre Freundin:
„Was fehlt?“
Die Filmemacherin sah aus dem Fenster.
„Der Türsteher.“
„Der ist doch auf fast jedem Bild.“
„Nein.“
Sie drehte sich um.
„Ich brauche ihn.“
„Für den Film?“
„Nein.“
Pause.
„Für den Plan.“
DER PLAN
Sie hatte verstanden:
Die Scrollstube war nur deshalb sicher, weil der Türsteher davor saß.
Er war die Tür.
Er war die Kontrolle.
Er war die letzte Instanz.
Und deshalb hatte sie einen Gedanken.
Einen völlig absurden.
Sie wollte ihn mitnehmen.
Nicht Mertens.
Nicht den Butler.
Nicht RIEFUNKE.
Nicht einmal den Hund.
Nur den Türsteher.
AM NÄCHSTEN MORGEN
Das Buschtaxi hielt vor der Scrollstube.
Die Filmemacherin stieg aus.
Sie trug eine Sonnenbrille.
Der Türsteher saß auf seinem Thron.
„Was wollen Sie?“
„Sie.“
„Was?“
„Sie kommen mit.“
Der Türsteher sah sie an.
„Wohin?“
„Venedig.“
Pause.
„Warum?“
„Filmfestival.“
„Nein.“
„Sie bekommen einen eigenen Stuhl.“
„Ich habe einen Thron.“
„Dann nehmen wir den mit.“
Der Türsteher dachte nach.
„Wie groß ist der Kofferraum?“
„Sehr groß.“
„Bier?“
„Ist vorhanden.“
Der Türsteher stand auf.
Die Filmemacherin grinste.
„Dann kommen Sie.“
WAS SIE NICHT WUSSTE
Während sie den Thron in das Buschtaxi lud, bemerkte niemand etwas.
Niemand außer Mertens.
Er stand hinter einem Busch.
Spektrumanalysator in der Hand.
„Das ist interessant.“
Der Butler kam hinzu.
„Sehr wohl.“
Mertens zeigte auf das Fahrzeug.
„Der Türsteher verlässt seinen Posten.“
Der Butler wurde blass.
„Das ist problematisch.“
„Warum?“
Der Butler zeigte auf die Scrollstube.
Die Tür stand offen.
Kein Türsteher.
Keine Kontrolle.
Keine Einlassprüfung.
Eine Tiketaketokerin blieb davor stehen.
Sie sah hinein.
Dann rief sie:
„LEUTE!“
Innerhalb von Sekunden kamen weitere TikToker.
Dann YouTuber.
Dann normale Menschen.
Dann jemand mit einem Fahrrad.
Dann ein Mann mit einem Sauerbraten.
Alle sahen die offene Tür.
DIE GROSSE FLUCHT
Plötzlich strömten die normalen TikToker in die Scrollstube.
Einer rief:
„DER TÜRSTEHER IST WEG!“
Ein anderer:
„REIN!“
Der Butler versuchte, die Situation zu retten.
„Meine Damen und Herren—“
Niemand hörte zu.
Mertens maß.
„Vier Milliwatt.“
Der Butler:
„Herr Mertens!“
„Ich weiß.“
„Was machen wir?“
Mertens sah auf das Messgerät.
„Nichts.“
„Warum?“
„Ich möchte sehen, was passiert.“
Der Butler schloss die Augen.
„Natürlich.“
DAS BUSCHTAXI
Drei Straßen weiter fuhr das Buschtaxi Richtung Süden.
Die Filmemacherin saß am Steuer.
Der Türsteher daneben.
Sein Thron hinten.
Eine Kamera lief.
„Was halten Sie von Venedig?“
|