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„Was halten Sie von Venedig?“
Der Türsteher sah aus dem Fenster.
„Zu viele Menschen.“
„Das ist ein Filmfestival.“
„Noch schlimmer.“
Die Filmemacherin grinste.
„Sie werden berühmt.“
Der Türsteher nahm einen Schluck Bier.
„Das will ich nicht.“
„Warum nicht?“
„Dann kommen die TikToker.“
„Das ist doch der Sinn des Films.“
„Nein.“
Pause.
„Das ist das Problem.“
Die Filmemacherin wurde plötzlich ernst.
„Sie wissen, warum ich Sie mitgenommen habe?“
Der Türsteher sah sie an.
„Weil Sie dreimal geschieden sind?“
„Das auch.“
„Und?“
„Weil Sie der einzige Mensch sind, der vor einer Tür sitzen kann und damit eine ganze digitale Welt kontrolliert.“
Der Türsteher schwieg.
Dann:
„Ich sitze.“
„Genau.“
„Das ist alles.“
„Nein.“
Sie hielt die Kamera näher an ihn.
„Das ist Kino.“
Der Türsteher schaute wieder aus dem Fenster.
„Dann hoffe ich, dass Kino eine Pause macht.“
INZWISCHEN AN DER SCROLLSTUBE
Der Butler stand vor der offenen Tür.
Vor ihm eine Menschenmenge.
TikToker.
Tiketaketoker.
YouTuber.
Eine Frau mit einem Kinderwagen.
Ein Mann mit einer Antenne.
Ein anderer mit einem Sauerbraten.
Niemand wusste, wer zuerst hinein durfte.
Der Butler hob die Hand.
„Bitte bilden Sie eine geordnete Schlange.“
Niemand reagierte.
„Sehr wohl.“
Mertens stand daneben.
Er hielt seinen Spektrumanalysator hoch.
„Vier Milliwatt.“
Der Butler drehte sich langsam zu ihm.
„Herr Mertens.“
„Ja?“
„Könnten Sie vielleicht einmal nicht messen?“
Mertens dachte nach.
„Warum?“
„Weil wir gerade ein organisatorisches Problem haben.“
Mertens sah zur Tür.
Dann zum Gerät.
Dann wieder zur Tür.
„Das ist tatsächlich interessant.“
Der Butler seufzte.
„Genau das wollte ich vermeiden.“
DIE ERSTE TIKETAKETOKERIN BETRITT DIE SCROLLSTUBE
Eine junge Tiketaketokerin ging vorsichtig durch die Tür.
Sie blieb stehen.
Sah sich um.
Nichts.
Kein Türsteher.
Kein Thron.
Kein Bier.
Nur ein Radio.
KRRRRT.
Sie erstarrte.
„Habt ihr das gehört?“
Hinter ihr standen inzwischen zwanzig weitere Menschen.
Alle nickten.
Ein YouTuber flüsterte:
„Das ist bestimmt RIEFUNKE.“
Eine andere Tiketaketokerin:
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil RIEFUNKE doch außer Haus ist.“
Stille.
Mertens hob den Kopf.
„Das ist eine interessante Formulierung.“
Der Butler:
„Herr Mertens.“
„Ja?“
„Bitte nicht.“
DAS RADIO
Das Radio knackte erneut.
KRRRRT.
Dann eine Stimme.
Sehr leise.
„Der Türsteher fehlt.“
Alle schwiegen.
Der Butler wurde blass.
Mertens schaute auf sein Gerät.
„Vier Milliwatt.“
Eine Tiketaketokerin:
„RIEFUNKE weiß, dass er weg ist.“
Der Butler:
„Das befürchte ich.“
Eine zweite:
„Und was machen wir jetzt?“
Der Butler sah auf die offene Tür.
Dann auf die Menschenmenge.
Dann auf das Radio.
„Wir warten.“
„Worauf?“
Der Butler:
„Auf den Türsteher.“
IM BUSCHTAXI
Die Filmemacherin hatte inzwischen die Autobahn erreicht.
Der Türsteher saß neben ihr.
Hinten stand sein Thron.
Daneben die Kamera.
Und auf dem Thron lag eine Tüte Chips.
Die Filmemacherin:
„Wollen Sie nicht einmal lächeln?“
„Nein.“
„Für den Film?“
„Nein.“
„Für Venedig?“
„Nein.“
„Für die Kunst?“
Der Türsteher dachte nach.
„Vielleicht.“
Sie drückte sofort auf Aufnahme.
„Das war gut.“
„Was?“
„Dieses ‚Vielleicht‘.“
„Das war kein Schauspiel.“
„Umso besser.“
EIN PROBLEM
Plötzlich leuchtete eine Kontrolllampe am Armaturenbrett auf.
Die Filmemacherin:
„Was ist das?“
Der Türsteher:
„Keine Ahnung.“
Sie hielt an.
Öffnete die Motorhaube.
Sah hinein.
„Ich verstehe nichts von Autos.“
Der Türsteher stieg aus.
Er sah hinein.
„Ich auch nicht.“
Pause.
Dann kam Mertens' Stimme aus dem Funkgerät.
„Das ist interessant.“
Die Filmemacherin erstarrte.
„Wie kommen Sie an unser Funkgerät?“
Mertens:
„Das ist nicht wichtig.“
Der Türsteher:
„Mertens.“
„Ja?“
„Wie sind Sie da reingekommen?“
„Technisch gesehen gar nicht.“
„Dann?“
„Das Radio.“
KRRRRT.
Die Filmemacherin starrte den Türsteher an.
„Wer ist das?“
Der Türsteher:
„Mertens.“
„Woher kennt er uns?“
„Das weiß niemand.“
Mertens:
„Ich höre Sie.“
Der Türsteher:
„Das macht es nicht besser.“
DIE FILMEMACHERIN BEKOMMT EINE IDEE
Sie setzte sich wieder ins Buschtaxi.
„Wir fahren weiter.“
Der Türsteher:
„Warum?“
„Weil der Film jetzt eine Wendung hat.“
„Welche?“
„Wir werden verfolgt.“
Der Türsteher sah nach hinten.
Niemand.
„Von wem?“
„Von Mertens.“
„Der ist nicht hier.“
„Eben.“
Der Türsteher nickte langsam.
„Das ist tatsächlich beunruhigend.“
VENEDIG RÜCKT NÄHER
Je näher sie Venedig kamen, desto größer wurde die Aufregung.
Die Filmemacherin hatte bereits einen Titel für die Pressemappe:
„RIEFUNKE – DER MANN HINTER DER TÜR“
Die Festivalleitung fragte per E-Mail:
„Wer ist RIEFUNKE?“
Sie antwortete:
„Das ist die falsche Frage.“
„Welche ist die richtige?“
„Wer bewacht die Tür, wenn der Türsteher fehlt?“
Darauf kam keine Antwort.
ZURÜCK AN DER SCROLLSTUBE
Die Lage war inzwischen vollständig außer Kontrolle.
Normale TikToker waren hineingegangen.
Tiketaketoker ebenfalls.
YouTuber standen in einer Ecke.
Der Hund lag auf dem Boden.
Mertens maß.
Der Butler versuchte, Ordnung herzustellen.
Dann öffnete sich plötzlich die Tür.
Alle schwiegen.
Ein Schatten fiel auf den Boden.
Eine Gestalt trat ein.
Der Butler richtete sich auf.
„Sehr wohl.“
Es war:
eine Frau.
Sie hielt einen Zettel.
„Ich habe hier eine Nachricht für den Türsteher.“
Der Butler:
„Der Türsteher ist nicht hier.“
„Das weiß ich.“
„Woher?“
Sie zeigte auf den Zettel.
Darauf stand:
BIN IN VENEDIG.
Stille.
Mertens:
„Interessant.“
Der Butler nahm den Zettel.
Drehte ihn um.
Auf der Rückseite stand:
PS: NICHT REINLASSEN.
Der Butler sah in die Menge.
„Wen?“
KRRRRT.
Das Radio antwortete:
„Alle.“
DIE FILMEMACHERIN IN VENEDIG
Am nächsten Morgen fuhr das Buschtaxi tatsächlich in Venedig ein.
Die Filmemacherin stieg aus.
Der Türsteher ebenfalls.
Er sah auf die Kanäle.
Auf die Gondeln.
Auf die Menschen.
Dann sagte er:
„Wo ist meine Tür?“
Die Filmemacherin:
„Hier gibt es keine.“
Der Türsteher wurde nervös.
„Dann kann ich nicht arbeiten.“
Sie zeigte auf einen kleinen Eingang zu einem Gebäude.
„Dort.“
Der Türsteher ging hin.
Setzte sich davor.
Ein Mitarbeiter des Festivals kam vorbei.
„Sir, das ist ein privater Eingang.“
Der Türsteher:
„Einlass.“
„Was?“
„Sie kommen nicht rein.“
„Aber ich arbeite hier nicht.“
„Das entscheiden wir später.“
Die Filmemacherin stand dahinter und filmte.
Sie wusste:
Der Film war fertig.
Nicht wegen RIEFUNKE.
Nicht wegen Venedig.
Nicht wegen der drei Scheidungen.
Sondern weil der Türsteher inzwischen vor jeder Tür saß.
DIE PREMIERE
Am Abend wurde der Film gezeigt.
Das Publikum erwartete eine Dokumentation über einen mysteriösen Sender.
Es bekam:
eine Küche.
Ein Radio.
Mertens.
Einen Butler.
Eine Scrollstube.
Ein Buschtaxi.
Drei Scheidungen.
Und 76 Minuten Türsteher.
In der letzten Szene sitzt der Türsteher vor einer venezianischen Tür.
Die Filmemacherin fragt aus dem Off:
„Warum sind Sie mit mir nach Venedig gekommen?“
Der Türsteher antwortet:
„Weil Sie mich gefragt haben.“
„Und wenn ich Sie nicht gefragt hätte?“
„Dann wäre ich geblieben.“
„Wo?“
Er zeigt hinter sich.
Dort ist keine Tür.
Nur eine Wand.
Er sagt:
„Da.“
Das Publikum schweigt.
Dann:
KRRRRT.
Licht aus.
NACH DER PREMIERE
Ein Kritiker kommt auf die Filmemacherin zu.
„Was wollte der Film sagen?“
Sie lächelt.
„Nichts.“
„Wie bitte?“
„Er wollte nichts sagen.“
„Und RIEFUNKE?“
Sie schaut zur Tür.
„RIEFUNKE war nie der Film.“
„Was dann?“
Sie zeigt auf den Türsteher.
„Der.“
Der Kritiker dreht sich um.
Der Türsteher sitzt inzwischen auf einem Stuhl.
Vor dem Ausgang.
„Darf ich raus?“, fragt der Kritiker.
Der Türsteher schaut ihn an.
„Nein.“
„Warum?“
„Film ist noch nicht vorbei.“
Der Kritiker schluckt.
„Aber der Film ist doch vorbei.“
Der Türsteher nimmt einen Schluck Bier.
„Für Sie.“
KRRRRT.
Und irgendwo, sehr weit entfernt, öffnet Mertens seinen Spektrumanalysator.
„Vier Milliwatt.“
Der Butler steht daneben.
„Sehr wohl.“
AKTUELLER STAND
Filmemacherin: in Venedig.
Film: gezeigt.
Filmfestival: verwirrt.
Türsteher: vor dem Ausgang.
Thron: irgendwo zwischen Europa und Afrika.
Buschtaxi: weiterhin unterwegs.
Mertens: misst.
Butler: wartet.
Scrollstube: unbewacht.
Normale TikToker: weiterhin drin.
Tiketaketoker: wissen nicht mehr, wann sie hineingegangen sind.
RIEFUNKE: nicht auffindbar.
Radio: aktiv.
KRRRRT: bestätigt.
Und die wichtigste Frage bleibt:
Wer bewacht die Scrollstube, wenn der Türsteher in Venedig sitzt?
Die Antwort kam wenige Minuten später.
Ein kleiner Zettel wurde unter der Tür durchgeschoben.
Darauf stand:
NIEMAND.
Darunter:
DESHALB SIND SIE JA ALLE DRIN.
KRRRRT.
Der Butler las den Zettel.
Faltete ihn zusammen.
Und sagte:
„Sehr wohl.“
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