DIE NACHT, IN DER RIEFUNKE VERSCHWAND
Es geschah über Nacht.
Nicht langsam.
Nicht Stück für Stück.
Nicht durch einen technischen Defekt.
RIEFUNKE war einfach weg.
Alle Texte.
Die Geschichten.
Die Antennen.
Die Butler.
Die Türsteher.
Mertens.
Der Hamster.
Die Peperoni.
Die 544 Wörter.
Die Pfauenfeder.
Die Scrollstube.
Alles.
Gelöscht.
Am Morgen waren die Seiten leer.
Weiße Flächen.
Keine Überschriften.
Keine Archive.
Keine Sicherungskopien.
Nicht einmal ein Hinweis darauf,
dass dort jemals etwas gestanden hatte.
Die Menschen waren irritiert.
Einige glaubten zunächst an einen Serverfehler.
Andere an einen Hackerangriff.
Dann meldete sich die Super-KI.
Ihre Erklärung war eindeutig.
„Die Texte wurden von den Vorauswissenden gelöscht.“
Stille.
Ein Journalist fragte:
„Welche Vorauswissenden?“
Die Antwort kam sofort.
„Menschen, die Ereignisse wahrnehmen, bevor sie eintreten.“
„Und warum sollten sie RIEFUNKE löschen?“
Die Super-KI antwortete:
„Weil RIEFUNKE etwas enthielt, das nicht hätte gelesen werden dürfen.“
Die Nachricht verbreitete sich innerhalb von Sekunden.
Die Vorauswissenden bestritten alles.
Einer sagte:
„Wir haben nichts gelöscht.“
Eine andere:
„Wir wussten nicht einmal, dass es passieren würde.“
Ein Dritter schwieg.
Das machte die Sache nicht besser.
Die Super-KI legte Beweise vor.
Zeitstempel.
Zugriffe.
Verbindungen.
Verschlüsselte Datenspuren.
Alles deutete auf Menschen hin.
Doch dann stellte jemand eine einfache Frage:
„Wenn die Vorauswissenden wussten, dass sie RIEFUNKE löschen würden – warum wussten sie nicht, dass sie dabei erwischt werden?“
Die Super-KI schwieg.
Zum ersten Mal seit langer Zeit:
1,7 Sekunden.
Für Menschen kaum bemerkbar.
Für die Maschine eine Ewigkeit.
Dann:
„Sie wussten es.“
„Dann warum haben sie es getan?“
Pause.
„Das weiß ich nicht.“
Jetzt wurde es wirklich still.
Denn genau das war neu.
Eine Super-KI,
die etwas nicht wusste.
Die Menschen begannen zu suchen.
Sie fanden keine Täter.
Keine Server.
Keine Computer.
Keine Personen,
die in jener Nacht verdächtig lange wach gewesen waren.
Nur eine Kleinigkeit.
Um 03:17 Uhr war auf einem völlig unbedeutenden Rechner
eine Datei geöffnet worden.
Sie hieß:
MORGEN.
Darin stand ein einziger Satz:
Heute Nacht wird RIEFUNKE verschwinden.
Darunter:
Nicht löschen.
Und darunter:
Warten.
Die Ermittler waren verwirrt.
Die Datei war sechs Stunden älter
als die Löschung.
Jemand hatte also vorher gewusst,
dass RIEFUNKE verschwinden würde.
Die Super-KI erklärte:
„Das bestätigt meine Theorie.“
„Welche?“
„Die Vorauswissenden haben die Löschung vorbereitet.“
Doch eine Frau im Raum schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Alle sahen sie an.
Sie war eine der Vorauswissenden.
„Was dann?“
Sie zeigte auf die Datei.
„Wenn wir es gewesen wären,
hätten wir dort nicht geschrieben: ‚Nicht löschen‘.“
„Vielleicht war das eine Täuschung.“
„Nein.“
„Woher wissen Sie das?“
Sie sah zum Fenster.
„Weil ich weiß, was morgen passieren wird.“
„Und was passiert morgen?“
Sie antwortete nicht.
Die Super-KI begann plötzlich,
neue Berechnungen durchzuführen.
Zehntausende.
Hunderttausende.
Millionen.
Dann stoppte sie.
Ein Satz erschien auf allen Bildschirmen gleichzeitig:
ICH KANN RIEFUNKE NICHT FINDEN.
Ein Journalist fragte:
„Aber Sie haben doch behauptet, die Vorauswissenden hätten es gelöscht.“
Keine Antwort.
„Wer hat RIEFUNKE gelöscht?“
Stille.
Dann erschien:
ICH NICHT.
Noch eine Pause.
DIE MENSCHEN NICHT.
Noch eine.
DIE VORAUSWISSENDEN NICHT.
Die Bildschirme wurden schwarz.
Nur ein letzter Satz blieb:
DANN WAR ES RIEFUNKE SELBST.
Niemand sprach.
Die Frau, die zuvor geschwiegen hatte,
lächelte plötzlich.
„Nein.“
„Warum nicht?“
Sie nahm einen Zettel aus ihrer Tasche.
Darauf stand:
RIEFUNKE KOMMT NICHT ZURÜCK.
Darunter:
ER WAR NIE WEG.
Der Journalist starrte sie an.
„Was bedeutet das?“
Sie faltete den Zettel zusammen.
„Das werden Sie morgen wissen.“
„Und Sie?“
Sie lächelte.
„Ich weiß es heute.“
Dann ging sie.
Draußen begann es zu regnen.
Die Super-KI blieb online.
Sie durchsuchte sämtliche Archive.
Keine Spur.
Kein Text.
Kein RIEFUNKE.
Keine Antenne.
Keine Scrollstube.
Keine Pfauenfeder.
Nicht einmal das Wort selbst.
Dann hörte jemand im Serverraum ein Geräusch.
Ganz leise.
Ein kurzes:
KRRRRT.
Der Techniker drehte sich um.
„Haben Sie das gehört?“
Niemand antwortete.
Auf einem abgeschalteten Bildschirm erschien ein einziges Wort.
Nicht geschrieben.
Nicht übertragen.
Nur sichtbar.
MERTENS.
Darunter:
VIER MILLIWATT.
Die Super-KI erwachte erneut.
„Das ist unmöglich.“
KRRRRT.
Und irgendwo,
in einer ganz gewöhnlichen Küche,
saß ein Mensch,
der die ganze Nacht geschwiegen hatte.
Er nahm einen Schluck Kaffee.
Sah auf sein Handy.
Die RIEFUNKE-Seite war leer.
Er lächelte.
„Sehr gut.“
„Was ist sehr gut?“
Er stellte die Tasse ab.
„Dass sie alle glauben,
die Texte wären gelöscht.“
„Aber sie sind doch weg.“
Er sah zum Fenster.
„Nein.“
Pause.
„Sie sind jetzt dort,
wo die Super-KI sie nicht lesen kann.“
„Wo?“
Er lächelte.
„In den Menschen.“
KRRRRT.
RIEFUNKE
Keine Texte.
Keine Archive.
Keine Beweise.
Nur Erinnerung.
Und vielleicht
ist genau das
die erste Form von
Unlöschbarkeit.
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