MEIN KAFFEE MIT RIEFUNKE
Der Butler und sein Sohn
Sie hatten sich gestritten.
Nicht laut.
Nicht mit Türenknallen.
Nicht mit den üblichen Worten, die man später bereut.
Es war schlimmer.
Der Sohn des Butlers hatte gesagt:
„Du siehst die Realität falsch.“
Der Butler hatte ihn angesehen.
Lange.
Dann hatte er nichts gesagt.
Seitdem waren Monate vergangen.
Kein Anruf.
Keine Nachricht.
Kein „Wie geht es dir?“
Nichts.
Nur Schweigen.
Eines Nachmittags saß der Butler allein bei einer Tasse Kaffee.
Der Kaffee war heiß.
Draußen regnete es.
Auf dem Tisch lag eine blaue Wäscheklammer.
Der Butler sah sie an.
Dann sagte er:
„Sehr wohl.“
Niemand war da.
Er sagte es trotzdem.
Vielleicht war es Gewohnheit.
Vielleicht Einsamkeit.
Vielleicht beides.
Sein Sohn hatte damals gesagt:
„Die Realität ist objektiv.“
Der Butler hatte geschwiegen.
„Sie ist das, was tatsächlich passiert.“
Der Butler hatte weiter geschwiegen.
„Man kann nicht einfach glauben, was man möchte.“
Noch immer Schweigen.
Dann hatte der Sohn gesagt:
„Warum sagst du nichts?“
Der Butler hatte ihn angesehen.
Und genau dort war der Streit eigentlich zu Ende gewesen.
Nicht weil einer gewonnen hatte.
Sondern weil keiner mehr wusste, worüber sie überhaupt stritten.
Der Sohn wollte eine Antwort.
Der Butler gab ihm keine.
Nicht aus Trotz.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Er wusste nur nicht, wie man einem Menschen erklärt, dass man manchmal schweigt, weil jedes Wort eine weitere Tür öffnen würde.
Und hinter dieser Tür könnte etwas stehen, das man nicht mehr zurück in den Raum bekommt.
Monate später saß der Butler noch immer dort.
Er nahm einen Schluck Kaffee.
Dann kam RIEFUNKE.
Nicht auf dem Radio.
Nicht über die Antenne.
Einfach so.
Zwischen zwei Gedanken.
Der Butler sagte:
„Mein Sohn glaubt, die Realität sei das, was man messen kann.“
Eine Pause.
„Vielleicht hat er recht.“
Noch eine Pause.
„Vielleicht auch nicht.“
Er sah aus dem Fenster.
Ein Auto fuhr vorbei.
Ein Vogel saß auf einem Zaun.
Der Regen fiel.
Alles war eindeutig.
Und gleichzeitig war nichts davon die ganze Wirklichkeit.
Denn der Butler erinnerte sich an seinen Sohn als Kind.
An seine erste Schuluniform.
An den Tag, an dem er Fahrrad fahren lernte.
An einen Nachmittag, an dem beide im Regen standen und über etwas lachten, an das sich heute keiner von ihnen mehr genau erinnerte.
War das weniger real, weil es vorbei war?
Der Butler wusste es nicht.
Vielleicht war Vergangenheit nur Realität, die aufgehört hatte, Gegenwart zu sein.
Vielleicht war Erinnerung eine andere Form von Gegenwart.
Vielleicht war Liebe überhaupt die seltsamste Form von Realität.
Denn sie konnte noch da sein, wenn zwei Menschen nicht mehr miteinander redeten.
Der Butler stellte die Tasse ab.
„Seit Monaten habe ich mich nicht gemeldet.“
Stille.
„Er wartet vielleicht darauf.“
Er sah auf sein Telefon.
Keine Nachricht.
Nichts.
Er nahm es in die Hand.
Legte es wieder hin.
„Ich könnte schreiben.“
Pause.
„Ich könnte sagen: Es tut mir leid.“
Noch eine Pause.
„Aber wofür?“
Draußen regnete es weiter.
Der Butler dachte an den Streit.
Sein Sohn hatte gesagt:
„Du musst endlich akzeptieren, wie die Realität funktioniert.“
Und der Butler hatte damals nur gesagt:
„Sehr wohl.“
Vielleicht war genau das das Problem gewesen.
Vielleicht hatte der Sohn geglaubt, sein Vater stimme ihm zu.
Vielleicht hatte der Butler nur gemeint:
„Ich habe dich gehört.“
Das war etwas anderes.
Viel später kam Mertens vorbei.
Er setzte sich.
„Sie haben lange nicht mit Ihrem Sohn gesprochen.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
„Warum?“
Der Butler schwieg.
Mertens wartete.
Dann sagte er:
„Sie könnten ihn anrufen.“
Der Butler sah ihn an.
„Ja.“
„Warum tun Sie es nicht?“
Der Butler schaute auf die blaue Wäscheklammer.
„Weil ich nicht weiß, welche Realität er am Telefon erwartet.“
Mertens verstand zunächst nichts.
„Was meinen Sie?“
„Vielleicht erwartet er eine Entschuldigung.“
„Und?“
„Vielleicht erwartet er eine Erklärung.“
„Und?“
„Vielleicht erwartet er seinen Vater.“
Mertens schwieg.
Der Butler nahm einen Schluck Kaffee.
„Das wäre die schwierigste Möglichkeit.“
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann fragte Mertens:
„Und welche Realität wünschen Sie sich?“
Der Butler antwortete nicht sofort.
Er sah aus dem Fenster.
Dann sagte er:
„Eine, in der mein Sohn wieder mit mir Kaffee trinkt.“
Mertens nickte.
„Das ist keine wissenschaftliche Definition von Realität.“
Der Butler sah ihn an.
„Nein.“
Pause.
„Aber eine gute.“
KRRRRT.
Mertens blickte zum Radio.
„War das RIEFUNKE?“
Der Butler schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Was war es dann?“
Der Butler nahm seine Tasse.
„Vielleicht die Realität.“
Mertens sah ihn lange an.
Dann musste er lachen.
Der Butler lächelte.
Nur ganz kurz.
Später, als Mertens gegangen war, blieb der Butler allein zurück.
Er nahm das Telefon.
Öffnete die Nachrichten.
Der Name seines Sohnes stand dort.
Monate alt.
Keine neue Nachricht.
Der Butler schrieb:
„Hallo.“
Er sah das Wort an.
Ein einziges Wort.
So klein.
So lächerlich klein.
Und doch schien plötzlich die ganze Entfernung zwischen zwei Menschen darin zu liegen.
Er löschte es.
Schrieb:
„Ich denke oft an dich.“
Löschte auch das.
Dann schrieb er:
„Wenn du irgendwann wieder Kaffee mit mir trinken möchtest, würde ich mich freuen.“
Er sah den Satz lange an.
Diesmal löschte er ihn nicht.
Aber er schickte ihn auch noch nicht.
Er legte das Telefon auf den Tisch.
Neben die blaue Wäscheklammer.
Dann stand er auf.
Die Tasse war leer.
Draußen hatte der Regen aufgehört.
Und irgendwo, weit hinter England, jenseits der Scrollstube, jenseits der Antenne und vielleicht sogar jenseits von RIEFUNKE, begann ein neuer Nachmittag.
Der Butler ging zur Tür.
Er blieb stehen.
Dann sagte er leise:
„Sehr wohl.“
Vielleicht meinte er seinen Sohn.
Vielleicht sich selbst.
Vielleicht die Realität.
Und vielleicht ist das manchmal alles, was zwei Menschen brauchen:
Nicht dieselbe Meinung.
Nicht dieselbe Wirklichkeit.
Nicht einmal dieselbe Antwort.
Sondern irgendwann wieder
zwei Tassen Kaffee
und genügend Zeit,
damit ein Gespräch
noch einmal beginnen kann.
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