Kapitel: Der Türsteher wartet
Als wir in England aus dem Flughafen kamen, stand er da.
Der Türsteher.
Nicht hinter einer Tür.
Nicht vor einer Scrollstube.
Sondern mitten in der Ankunftshalle, mit einem kleinen Pappschild in der Hand:
MAMA & KIND
Mama blieb stehen.
„Das ist er“, sagte sie.
„Woher weißt du das?“
„Er hat eine Türsteherhaltung.“
Der Türsteher kam auf uns zu.
„Sie müssen Mama sein.“
Mama lächelte.
„Das kommt darauf an, wer fragt.“
Der Türsteher lächelte zurück.
Ich wusste sofort:
Das wird kompliziert.
Er nahm Mama den Koffer ab.
„Ich habe die ganze Nacht auf Sie gewartet.“
Mama sah ihn an.
„Auf uns beide?“
Der Türsteher zögerte.
„Natürlich.“
Dann sah er Mama noch einmal an.
„Also... hauptsächlich auf Sie.“
Ich schloss die Augen.
Oh nein.
Die Fahrt zur Scrollstube verlief zunächst schweigend.
Mama saß vorne.
Der Türsteher fuhr.
Ich saß hinten und dachte darüber nach, ob ich gerade unfreiwillig zur Nebenfigur meiner eigenen Reise geworden war.
Nach einer Stunde kamen wir an.
Die Scrollstube stand da.
Leer.
Unbewacht.
Die Tür stand offen.
„Komisch“, sagte Mama.
„Sehr komisch“, sagte der Türsteher.
Ich ging hinein.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Nur ein Geräusch aus dem Kühlschrank.
Mampf.
Dann noch eins.
Mampf. Mampf.
Wir öffneten die Kühlschranktür.
Darin saßen zwei YouTuber.
Sie hatten offenbar beschlossen, den gesamten Scrollstuben-Kühlschrank zu essen.
Einer hielt eine halbe Gurke.
Der andere hatte bereits drei Joghurts auf dem Kopf.
„Was macht ihr da?“, fragte ich.
„Content“, sagte der eine.
„Das ist kein Content“, sagte Mama.
„Doch.“
„Das ist mein Kühlschrank.“
Stille.
Der Türsteher trat einen Schritt nach vorne.
Die beiden YouTuber erstarrten.
„Oh“, sagte einer.
„Der Türsteher.“
Der andere flüsterte:
„Wir sind verloren.“
Der Türsteher sah sie an.
Dann sah er Mama an.
Dann wieder die YouTuber.
„Ihr habt den Kühlschrank leer gegessen.“
„Fast.“
„FAST?“
Der Türsteher zeigte auf einen einzelnen Käse.
„Der ist noch da.“
Die YouTuber sahen sich an.
Einer hob langsam die Hand.
„Dürfen wir den auch?“
„NEIN.“
Mama begann zu lachen.
Der Türsteher ebenfalls.
Und plötzlich standen wir alle mitten in der verlassenen Scrollstube und lachten über zwei völlig überforderte YouTuber, einen leeren Kühlschrank und einen Türsteher, der eigentlich hätte aufpassen sollen.
Später saßen Mama und der Türsteher draußen vor der Scrollstube.
Sie redeten leise.
Ich hörte nur einen Satz.
„Sie könnten ruhig länger bleiben“, sagte der Türsteher.
Mama antwortete:
„Vielleicht.“
Ich tat so, als hätte ich nichts gehört.
Dann knackte irgendwo eine alte Lautsprecherbox.
KRRRRT.
Der Türsteher sah zur Scrollstube.
Mama sah den Türsteher an.
Ich sah Mama an.
Und plötzlich war klar:
Wir waren nicht nach England gekommen, um RIEFUNKE zu finden.
RIEFUNKE hatte uns gefunden.
Und irgendwo im Kühlschrank suchte einer der YouTuber immer noch nach dem letzten Joghurt.
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