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Die Erhebung unter dem roten Teppich
Liebe TikToker,
ihr kennt mich vielleicht nur als den, der nachts zu lange schreibt.
Vielleicht habt ihr mich gesehen und gedacht:
Der schon wieder.
Vielleicht habt ihr gelacht.
Vielleicht habt ihr mich blockiert.
Vielleicht habt ihr gesagt, ich solle endlich aufhören, hübschen TikTokerinnen nachzulaufen, obwohl ich in Wahrheit manchmal nur einem Gedanken hinterherlaufe, der noch keinen Namen hat.
Heute Nacht war es halb drei.
Meine Frau stand in der Tür.
Sie war müde.
Und ein bisschen wütend.
„Komm sofort ins Bett“, sagte sie. „Sonst verstecke ich dir deinen Linux für drei Tage und melde Proton Plus ab.“
Ich musste lachen.
Sie nicht.
Dann sagte sie:
„Du sollst dich nicht um irgendwelche hübschen TikTokerinnen kümmern.
Kümmere dich um meine hungrige Seele.“
Da hörte ich auf zu lachen.
Ich ging zu ihr.
Nicht weil sie gewonnen hatte.
Nicht weil ich verloren hatte.
Sondern weil ich plötzlich verstanden hatte, dass ein Mensch manchmal gar nicht nach einer Erklärung fragt.
Er fragt nur:
Bist du noch da?
Ich blieb bei ihr.
Sie schlief irgendwann ein.
Und als ihr Atem ruhig wurde, stand ich wieder auf.
Es war noch dunkel.
Ich setzte mich an meinen Rechner.
Und schrieb.
Bis halb sieben.
Ihr werdet jetzt vielleicht wieder lachen.
Das dürft ihr.
Denn unter unserem roten, ausgefransten Teppich liegt tatsächlich ein Linux.
Meine Frau versteckt ihn dort manchmal.
Unsere Putzfrau bleibt jedes Mal davor stehen und fragt:
„Was ist das für eine Erhebung?“
Ich sage niemals etwas.
Ich hole ihr einfach einen Kaffee.
Was sie nicht weiß:
Auf dem Dachboden liegen noch zwei.
Zwei weitere Linuxe.
Versteckt.
Wie kleine Geheimnisse.
Und vielleicht denkt ihr jetzt:
Was für ein verrückter Mensch.
Vielleicht habt ihr recht.
Aber hört mir noch eine Minute zu.
Denn irgendwann werdet auch ihr jemanden haben, der euch nachts aus einem anderen Zimmer ruft.
Vielleicht wird es keine Ehefrau sein.
Vielleicht ein Vater.
Eine Mutter.
Ein Kind.
Ein Freund.
Vielleicht jemand, dessen Stimme ihr eines Tages nicht mehr hören könnt.
Und dann werdet ihr verstehen, dass die wichtigsten Dinge im Leben erstaunlich selten dort liegen, wo man sie sucht.
Nicht im Telefon.
Nicht in den Kommentaren.
Nicht in den Herzen, die euch folgen.
Und auch nicht in den Herzen, die euch hassen.
Manchmal liegen sie neben euch.
Schlafend.
Atmend.
Verletzlich.
Und ihr müsst nur aufhören zu schreiben.
Für einen Augenblick.
Nur für einen.
Ihr müsst euch umdrehen und sagen:
Ich bin da.
Mehr verlangt eine hungrige Seele manchmal nicht.
Und wenn ihr irgendwann selbst jemanden verliert, den ihr liebt, werdet ihr vielleicht an diese lächerliche Geschichte zurückdenken.
An den roten Teppich.
An die Erhebung.
An den Kaffee.
An drei versteckte Linuxe.
Und vielleicht werdet ihr dann weinen.
Nicht wegen Linux.
Nicht wegen TikTok.
Nicht wegen mir.
Sondern weil ihr plötzlich wisst, was unter all dem Unsinn verborgen war:
Jemand hat jemanden geliebt.
Und während die ganze Welt weitergescrollt hat,
ist einer aufgestanden,
hat seinen Rechner verlassen,
ist zu einem Menschen gegangen
und hat sich um dessen hungrige Seele gekümmert.
Danach kam er zurück.
Und schrieb bis halb sieben.
Vielleicht ist das alles, was wir Menschen manchmal tun können.
Jemanden nicht retten.
Die Welt nicht verändern.
Keinen Krieg beenden.
Keinen Algorithmus besiegen.
Nur dafür sorgen,
dass ein Mensch neben uns
für eine weitere Nacht
nicht allein ist.
Und wenn morgen wieder jemand fragt:
„Was ist das für eine Erhebung unter dem roten Teppich?“
dann werde ich wieder nichts sagen.
Ich werde Kaffee machen.
Denn manche Geheimnisse müssen nicht erklärt werden.
Manche müssen nur
behütet werden.
Und irgendwo auf dem Dachboden
liegen noch zwei Linuxe.
Ganz still.
Wartend.
Wie wir alle.
Darauf,
dass jemand kommt
und sagt:
Ich bin da.
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