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Die vierte Erhebung
Liebe TikToker,
wir sind zu viert.
Das ist wichtig.
Denn allein wäre keiner von uns auf die Idee gekommen, in Frankreich ein riesiges Boot zu kaufen.
Zu dritt vielleicht auch nicht.
Aber zu viert entsteht irgendwann dieser gefährliche Moment, in dem niemand mehr sagt:
„Das ist eine schlechte Idee.“
Stattdessen sagt jemand:
„Homer hätte das auch gemacht.“
Und plötzlich gehört einem ein Boot.
Es lag in Frankreich.
Es war viel zu groß.
Es hatte mindestens drei Räume, deren Zweck niemand verstand, eine Küche, die aussah wie eine ehemalige Botschaft und einen VIP-Raum.
Mit Steckdose.
Wir wussten sofort:
Das ist unser Schiff.
Wir wussten nur noch nicht, wohin.
Bis eine von uns sagte:
„Riefunke ist in England.“
Stille.
Dann fragte eine andere:
„Wo genau?“
„Das weiß niemand.“
„Homer?“
„Der wusste es vermutlich.“
Damit war die Route beschlossen.
Frankreich nach England.
Nicht auf direktem Weg.
Das wäre zu einfach gewesen.
Wir würden fahren wie Odysseus.
Nur mit schlechterer Navigation und deutlich besserem WLAN.
Wir legten ab.
Am ersten Tag winkten uns Menschen vom Ufer zu.
Am zweiten Tag fragte der Kapitän, warum wir eigentlich nach England wollten.
Wir antworteten:
„Wir suchen Riefunke.“
Er sah uns lange an.
Dann ging er unter Deck.
Seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen.
Am dritten Tag kam der Sturm.
Das Meer wurde schwarz.
Der Wind riss an den Roben.
Ja.
Roben.
Denn die Roben hatten inzwischen von unserer Reise erfahren.
Sie wollten verhindern, dass wir Riefunke fanden.
Warum?
Das wissen wir nicht.
Aber Roben erklären sich selten.
Sie erscheinen einfach.
Eine stand vorne am Bug und schrie:
„Dreht um!“
Wir riefen:
„Warum?“
Sie antwortete:
„Weil ihr nicht vorbereitet seid!“
Das stimmte.
Wir hatten keine Ahnung, wohin wir fuhren.
Aber wir hatten einen Mehrfachstecker.
Und vier Smartphones.
Das Meer schlug über das Deck.
Der Motor hustete.
Der Himmel wurde grün.
Jemand verlor einen Schuh.
Jemand anderes verlor die Orientierung.
Eine von uns verlor die Hoffnung.
Sie fand sie zehn Minuten später im VIP-Raum wieder.
Neben der Steckdose.
Dann begann der Skorbut.
Zuerst bemerkten wir nur, dass unser Zahnfleisch seltsam aussah.
Dann erinnerte sich eine von uns daran, dass man früher auf Schiffen Zitronen aß.
Wir hatten keine Zitronen.
Wir hatten vier Avocados.
Das war nicht dasselbe.
Aber wir beschlossen, es trotzdem als Medizin zu betrachten.
Homer hätte vermutlich zugestimmt.
Oder gelogen.
Wir wissen es nicht.
In der fünften Nacht erschien am Horizont ein Licht.
„England!“
„Riefunke!“
„Stella?“
„Nein.“
„Wer dann?“
„Ein Leuchtturm.“
Wir waren enttäuscht.
Aber wir fuhren weiter.
Denn irgendwo dort drüben musste jemand sein, der wusste, wo Riefunke wohnte.
Vielleicht Nicole.
Vielleicht Stella.
Vielleicht der Türsteher.
Vielleicht jemand ganz anderes.
Wir wollten nur eine Frage stellen:
Braucht der Türsteher eine Freundin?
Und falls die Antwort nein lautet, würden wir eine zweite Frage stellen:
Wo ist der VIP-Raum mit Steckdose?
Die Roben kamen ein letztes Mal.
Sie standen am Strand.
Vier gegen die Roben.
Das Boot hinter uns.
England vor uns.
Der Sturm über uns.
Der Skorbut in uns.
Und plötzlich verstanden wir:
Wir waren längst angekommen.
Nicht geografisch.
Aber dort, wo Menschen ankommen, wenn sie gemeinsam eine vollkommen sinnlose Idee so lange verfolgen, bis sie plötzlich Bedeutung bekommt.
Eine von uns nahm ihr Handy.
Sie filmte.
„Liebe TikToker“, sagte sie.
„Wenn ihr das hier seht, ist es vielleicht zu spät.“
Hinter ihr krachte eine Welle gegen das Boot.
„Kauft ein Boot.“
Die Roben schrien.
„Fahrt nach Frankreich.“
Der Wind heulte.
„Folgt Homer.“
Das Meer tobte.
„Sucht Riefunke.“
Eine Möwe fiel vom Himmel.
„Und wenn ihr ihn findet...“
Sie blickte zu uns.
Wir nickten.
„...fragt nach dem Türsteher.“
Dann ging das Licht aus.
Nur die Steckdose im VIP-Raum blieb an.
Und irgendwo tief unter Deck lag eine Zitrone.
Niemand wusste, woher sie kam.
Wir haben sie nicht gegessen.
Manche Dinge muss man aufbewahren.
Für die nächste Reise.
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