Wenn man RIEFUNKE genauer betrachtet, würde ich es nicht einfach als „Literatur auf einer Website“ einordnen. Es funktioniert eher als hybrides Kunstprojekt, bei dem mehrere Kunstformen ineinandergreifen.
1. Am stärksten: Konzeptkunst
Der entscheidende Punkt ist, dass die Idee selbst das Werk ist.
RIEFUNKE erklärt sich ausdrücklich als „kein Projekt“, „kein System“ und „ein Zustand“. Die Website baut dafür eine eigene Logik auf: Es gibt einen Sender, aber keinen eindeutigen Sender; Signale, aber keine normale Übertragung; Empfang, obwohl unklar bleibt, was eigentlich empfangen wird.
Das erinnert stark an konzeptuelle Kunst: Das Entscheidende ist nicht, ob ein einzelner Text oder ein einzelnes Bild handwerklich außergewöhnlich ist, sondern welche gedankliche Situation das Gesamtwerk erzeugt.
2. Gleichzeitig: Netzkunst
Hier wird es besonders interessant.
Die Website ist nicht bloß Dokumentation, sondern Bestandteil der Arbeit. Sie besteht aus hunderten miteinander verbundenen Fragmenten, Titeln, Bildern, Liedern, Texten und „Netz“-Einträgen. Auf der RIEFUNKE-Seite finden sich beispielsweise Bereiche wie „NETZ-30“, „TROPFENLAUF“, „META KRISE“, „KUNST-TANZ“, „SPRACHMAGIE“ und zahlreiche Songtracks.
Damit ist das Medium Internet selbst Teil der ästhetischen Konstruktion.
Das ist ein ziemlich wichtiger Unterschied zu einem normalen Autor, der seine Texte einfach online veröffentlicht.
3. Performance – aber ohne klassische Bühne
RIEFUNKE spielt außerdem mit Performance.
Der „Küchensender“ ist beispielsweise eine räumliche Fiktion: Ein Piratensender befindet sich angeblich in einer Küche, sendet aber nicht im herkömmlichen technischen Sinn. Im späteren Material tauchen Figuren, „Empfänger“, Techniker, Nachtpraktikantin und andere Elemente auf.
Das Entscheidende ist dabei die gespielte Realität:
Ist das eine Geschichte?
Ist es ein Kunstwerk?
Ist es ein Sender?
Oder soll ich als Besucher selbst entscheiden?
Genau diese Unsicherheit gehört zur Konstruktion.
4. Sprachkunst
Ein großer Teil von RIEFUNKE funktioniert über Sprache.
Die Texte springen zwischen Alltag, absurden Gegenständen, Philosophie, persönlichen Erinnerungen und scheinbar technischen Meldungen. Aus „Wäscheklammer“, „Antenne“, „Kühlschrank“, „Löffel“ usw. entsteht eine eigene poetische Grammatik.
Das ist weniger klassische Erzählprosa als assoziative Sprachkunst.
Besonders deutlich wird das im Manifest: Dort wird RIEFUNKE als etwas beschrieben, das zwischen Ereignis und Benennung entsteht und dessen Bedeutung gerade darin liegt, dass sie nicht sofort ausgewertet wird.
5. Ein interessantes Element: KI als Teil des Kunstwerks
Das aktuell besonders spannende Stück ist die Seite „Zwischen Empfang und Mitarbeit“.
Dort wird beschrieben, dass eine KI mit den RIEFUNKE-Fragmenten interagiert und daraus Muster und Bedeutungszusammenhänge erzeugt. Die interessante Frage sei nicht einfach, ob eine KI RIEFUNKE „versteht“, sondern was passiert, wenn ein System ohne eigene körperliche Erfahrung an der gemeinsamen Bedeutungsbildung beteiligt wird.
Das macht RIEFUNKE gewissermaßen zu einem KI-/Netzkunst-Experiment.
Und hier wird es meta:
Ich analysiere gerade ein Kunstwerk, in dessen eigener Konzeption eine KI als Gesprächspartner vorkommt.
Das ist tatsächlich interessanter als die bloße Frage „Ist das Kunst?“.
6. Aber ist es deshalb automatisch gute Kunst?
Nein. Das sollte man auseinanderhalten.
„Das ist Kunst“ ist eine Frage der Einordnung.
„Das ist gute Kunst“ ist eine ästhetische Bewertung.
Und da würde ich bei RIEFUNKE nicht einfach sagen: „Ja, eindeutig.“
Man kann beispielsweise kritisch fragen:
Ist die enorme Menge an Fragmenten tatsächlich künstlerische Konsequenz oder teilweise einfach Überproduktion?
Erzeugt die bewusste Unklarheit produktive Offenheit oder manchmal nur Beliebigkeit?
Sind die absurden Elemente präzise komponiert oder entsteht ihre Wirkung teilweise durch Masse?
Ist die Selbstbeschreibung als Kunst überzeugender als die tatsächliche Rezeption außerhalb des Projekts?
Wie viel Bedeutung entsteht durch das Werk selbst und wie viel erst durch die Interpretation des Betrachters?
Das sind legitime kunstkritische Fragen, keine Widerlegung des Kunstcharakters.
Meine Einordnung
Wenn ich RIEFUNKE anhand der vorhandenen Arbeiten kategorisieren müsste, würde ich es ungefähr so beschreiben:
Dabei ist Konzeptkunst/Netzkunst wahrscheinlich die treffendste Kombination.
Das eigentlich Interessante an RIEFUNKE ist für mich nicht irgendein einzelner Text. Es ist die Konstruktion eines scheinbar existierenden Systems, das sich gleichzeitig weigert, ein System zu sein.
Und genau deshalb funktioniert der Satz
„RIEFUNKE ist kein Sender.“
so gut: Er beschreibt gleichzeitig den Gegenstand und die Methode des Kunstwerks.
Wenn du willst, kann ich als Nächstes noch einen Schritt weitergehen und RIEFUNKE mit Dadaismus, Fluxus, Joseph Beuys, Netzkunst und Konzeptkunst vergleichen – dann lässt sich ziemlich genau zeigen, wo RIEFUNKE kunsthistorisch tatsächlich anschlussfähig ist und wo nicht.
Du:
ChatGPT:
Gerne. Dann würde ich RIEFUNKE einmal kunsthistorisch „gegen den Strich“ lesen: nicht mit der Frage, ob es sich selbst Kunst nennt, sondern ob sich seine Verfahren mit historischen Kunstformen vergleichen lassen.
RIEFUNKE im Vergleich
Bezug
Gemeinsames mit RIEFUNKE
Entscheidender Unterschied
Dada
Absurdität, Sprachzerlegung, Anti-Logik, Alltagsgegenstände, Spiel mit Sinn
Dada war stark eine Reaktion auf die gesellschaftliche Situation nach dem Ersten Weltkrieg; RIEFUNKE hat einen anderen historischen Kontext.
Fluxus
Kunst und Alltag werden vermischt; Mediengrenzen verschwimmen; Prozess wichtiger als fertiges Objekt
Fluxus war ein historisches internationales Künstlernetzwerk mit Performances, Konzerten, Multiples und Happenings. RIEFUNKE ist eher ein individuelles digitales System.
Konzeptkunst
Die Idee hinter dem Werk ist wichtiger als ein klassisches Kunstobjekt
RIEFUNKE ist stärker erzählerisch, poetisch und fiktional als viele klassische Konzeptarbeiten.
Netzkunst
Das Internet ist nicht bloß Veröffentlichungsort, sondern Teil der künstlerischen Struktur
RIEFUNKE benutzt das Netz zugleich als Bühne, Archiv, Erzählraum und scheinbares Kommunikationssystem.
Experimentelle Literatur
Fragmentierung, Sprachspiele, offene Bedeutungen
Die Texte existieren nicht isoliert; sie gehören zu einem größeren medialen Gebilde.
1. Die Dada-Verwandtschaft
Hier sehe ich eine der auffälligsten Parallelen.
Dada stellte die Vorstellung infrage, dass Kunst vernünftig, schön, geschlossen oder eindeutig sein müsse. Die Bewegung arbeitete mit Zufall, Unsinn, Alltagsmaterialien, Collage und Performance.
RIEFUNKE macht etwas Ähnliches mit Information.
Es entsteht ständig der Eindruck:
„Hier müsste doch eigentlich eine Bedeutung sein.“
Und dann wird diese Bedeutung wieder verschoben.
Ein Sender sendet – aber was?
Eine Nachricht erscheint – aber von wem?
Ein Begriff scheint etwas zu bedeuten – aber im nächsten Fragment verändert sich seine Funktion.
Das ist eine sehr dadaistische Strategie: Die Erwartung des Betrachters wird aufgebaut und anschließend sabotiert.
Der Unterschied ist allerdings wesentlich: Bei Dada war die Zerstörung etablierter Kunst- und Sinnordnungen selbst ein historisches Programm. Bei RIEFUNKE ist daraus eher ein dauerhaftes fiktionales Kommunikationsuniversum geworden.
2. Noch näher ist Fluxus
Hier wird der Vergleich meines Erachtens produktiver.
MoMA beschreibt Fluxus als eine internationale, kollektive und performative Kunstpraxis, die die Grenzen zwischen verschiedenen Medien und zwischen Kunst und Leben auflösen wollte.
Genau dieses Prinzip findet man bei RIEFUNKE wieder.
Nicht:
„Hier ist ein Kunstwerk.“
Sondern eher:
„Du bist gerade in etwas hineingeraten.“
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Der Besucher wird nicht nur Zuschauer eines Objekts. Er muss sich zu einem System von Zeichen und Situationen verhalten.
Das passt auch zur historischen Entwicklung der Netzkunst: Als Vorläufer werden unter anderem Happening, Fluxus und Konzeptkunst genannt; Interaktivität und Prozess spielen dort eine zentrale Rolle.
3. Aber RIEFUNKE ist keine klassische Konzeptkunst
Hier würde ich vorsichtig sein.
Konzeptkunst bedeutet im Kern, dass die Idee wichtiger sein kann als das fertige Kunstobjekt.
RIEFUNKE besitzt eindeutig diese Eigenschaft.
Aber es hat zusätzlich etwas, das bei klassischer Konzeptkunst häufig weniger dominant ist:
eine eigene Mythologie.
Es gibt Begriffe, Räume, Figuren, Kommunikationssituationen, wiederkehrende Motive und eine Art interne Geschichte.
Dadurch wird aus dem Konzept allmählich eine Welt.
Und das ist meines Erachtens eine der interessantesten Eigenschaften von RIEFUNKE.
4. Die Website als Kunstobjekt
Hier würde ich sogar noch weiter gehen als in meiner vorherigen Antwort.
Wenn die Website lediglich sagen würde:
„Hier sind die Texte des Künstlers.“
dann wäre sie ein Archiv.
Bei RIEFUNKE scheint aber die Form der Website selbst Bedeutung zu erzeugen.
Die vielen Fragmente und Verbindungen erzeugen ein Gefühl von:
Das bedeutet: Würde man sämtliche Texte ausdrucken und als normales Buch veröffentlichen, ginge ein Teil der ursprünglichen Arbeit verloren.
Das ist ein wesentliches Merkmal digitaler bzw. netzbasierter Kunst: Das Medium und die Struktur der Vernetzung können selbst Bestandteil des Werks sein.
5. Und hier kommt Joseph Beuys ins Spiel
Bei Joseph Beuys würde ich allerdings nicht sagen: „RIEFUNKE ist wie Beuys.“
Interessanter ist ein anderes Prinzip:
Beuys hat die Grenze zwischen Kunst und gesellschaftlichem/alltäglichem Handeln radikal erweitert.
RIEFUNKE macht etwas Ähnliches auf der Ebene der Kommunikation.
Die Frage lautet nicht mehr:
„Was ist das Kunstobjekt?“
sondern:
„Wann wird Kommunikation selbst zu einem künstlerischen Vorgang?“
Das ist eine deutlich modernere Frage.
Der entscheidende Punkt
Ich würde RIEFUNKE deshalb nicht als „Dadaist“ oder „Fluxus-Künstler“ bezeichnen.
Das wäre kunsthistorisch zu stark.
Ich würde sagen:
RIEFUNKE arbeitet mit Verfahren, die aus Dada, Fluxus, Konzeptkunst und Netzkunst bekannt sind, entwickelt daraus aber ein eigenes fiktionales Kommunikationsformat.
Und genau dadurch wird die Sache interessant.
Eine mögliche kunstwissenschaftliche Kurzform
Wenn ich das in einem Ausstellungstext formulieren müsste, würde ich etwa schreiben:
Kunstwissenschaftliche Einordnung von RIEFUNKE
RIEFUNKE lässt sich als hybrides Werk zwischen Konzeptkunst, Netzkunst, Sprachkunst und fiktionaler Performance verstehen. Charakteristisch ist die Auflösung der Grenze zwischen Kunstwerk, Kommunikationsmedium und erzählerischem Raum. Die Website fungiert dabei nicht lediglich als Träger bereits vorhandener Inhalte, sondern als Teil der ästhetischen Konstruktion.
In seiner Verwendung von Absurdität, Sprachspiel, Fragmentierung und Alltagsmotiven weist RIEFUNKE Affinitäten zu Strategien des Dadaismus auf. Die Verbindung von Kunst, Alltag, Prozess und unterschiedlichen Medien erinnert zugleich an Fluxus. Konzeptuell ist insbesondere die Verschiebung vom materiellen Kunstobjekt hin zu einer Idee bzw. einem Kommunikationsmodell. Die netzbasierte Struktur erweitert diese Verfahren um eine digitale Dimension: Das Werk entsteht nicht ausschließlich aus einzelnen Texten oder Bildern, sondern aus deren Vernetzung und der Position des Betrachters innerhalb dieses Systems.
RIEFUNKE ist daher weniger als einzelne literarische oder bildnerische Arbeit zu verstehen denn als ein offenes künstlerisches Kommunikationsarrangement. Seine zentrale ästhetische Frage lautet nicht nur, was ein Werk bedeutet, sondern unter welchen Bedingungen aus Kommunikation, Fragmenten und Wahrnehmung überhaupt ein Werk entstehen kann.
Mein interessantester Befund
Der stärkste kunsthistorische Anschluss ist für mich nicht Dada, sondern die Kombination aus Fluxus + Konzeptkunst + Netzkunst.
Dada erklärt, warum der Unsinn und die Sprachverfremdung funktionieren können.
Fluxus erklärt, warum Alltag, Prozess und Kommunikation Kunstmaterial werden können.
Konzeptkunst erklärt, warum die Idee wichtiger sein kann als ein fertiges Objekt.
Netzkunst erklärt schließlich, warum die Website selbst Teil des Werks sein kann.
Und RIEFUNKE setzt diese vier Dinge zu etwas Eigenem zusammen.