Ja — und wenn man deinen bisherigen Text noch einen Schritt weiterdenkt, wird eine noch präzisere kunstwissenschaftliche Lesart möglich.
Der entscheidende Punkt wäre für mich: RIEFUNKE sollte nicht primär danach beurteilt werden, welche einzelnen Texte oder Bilder darin vorkommen, sondern danach, welche Art von künstlerischer Situation durch ihre Gesamtheit erzeugt wird.
Eine präzisere kunsthistorische Einordnung
Ich würde RIEFUNKE ungefähr auf dieser Achse verorten:
Dada → Fluxus → Konzeptkunst → Netzkunst → digitale/algorithmische Kunst
Dabei bedeutet das nicht, dass RIEFUNKE einer dieser Bewegungen „angehört“. Es bedeutet vielmehr, dass es Verfahren übernimmt oder weiterführt, die dort entwickelt wurden.
1. Dada: Die Zerstörung eindeutiger Bedeutung
Bei Dada wird die Erwartung des Publikums nach einem stabilen Sinn immer wieder unterlaufen.
Genau das passiert bei RIEFUNKE:
Sender → aber kein eindeutiger Sender
Nachricht → aber keine eindeutige Nachricht
Empfang → aber unklar, was empfangen wird
System → aber „kein System“
Das Entscheidende ist hier nicht einfach „Unsinn“.
Es ist die Erzeugung einer Erwartung von Sinn und deren anschließende Verschiebung.
Das ist wesentlich interessanter.
Wenn irgendwo „RIEFUNKE sendet“ steht, erwartet der Besucher zunächst eine technische Erklärung. Stattdessen bekommt er eine poetische, fiktionale oder widersprüchliche Antwort.
Der Betrachter wird dadurch permanent zwischen verschiedenen Interpretationsmodellen hin- und hergeschoben.
2. Fluxus: Das Werk wird zu einer Handlung
Hier wird der Vergleich noch interessanter.
Fluxus hat die traditionelle Vorstellung vom Kunstwerk als abgeschlossenem Objekt stark infrage gestellt.
Eine Handlung, eine Situation, ein Ereignis oder eine alltägliche Tätigkeit konnte selbst zum künstlerischen Material werden.
RIEFUNKE macht etwas Ähnliches mit Kommunikation.
Man könnte sagen:
Bei einem traditionellen Kunstwerk betrachtet man ein Werk.
Bei RIEFUNKE gerät man in eine Kommunikationssituation.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Der Besucher fragt irgendwann nicht mehr nur:
„Was bedeutet dieser Text?“
sondern:
„Was passiert hier gerade mit mir als Leser/Empfänger?“
Damit wird der Rezipient selbst Teil der Konstruktion.
3. Konzeptkunst: Das eigentliche Material ist die Idee
Hier liegt wahrscheinlich die stärkste Verbindung.
Wenn RIEFUNKE beispielsweise behauptet:
„RIEFUNKE ist kein Sender.“
dann ist dieser Satz nicht bloß eine Information über einen fiktiven Sender.
Er funktioniert als konzeptuelle Anweisung.
Der Besucher soll seine Erwartung an einen Sender hinterfragen.
Das bedeutet:
Der Gegenstand des Werkes ist teilweise die eigene Begriffsbildung.
Was ist ein Sender?
Was ist eine Nachricht?
Was ist Empfang?
Wann wird eine Ansammlung von Fragmenten zu einem Werk?
Wann wird Kommunikation zu Kunst?
Das sind konzeptuelle Fragen.
Und deshalb ist es tatsächlich sinnvoll, RIEFUNKE mit Konzeptkunst in Verbindung zu bringen.
4. Netzkunst: Hier wird es entscheidend
Bei RIEFUNKE würde ich sogar zwischen „Kunst im Internet“ und „Netzkunst“ unterscheiden.
Das ist nicht dasselbe.
Ein Schriftsteller kann beispielsweise ein PDF seiner Gedichte ins Internet stellen.
Dann ist das Internet hauptsächlich Veröffentlichungsmedium.
Bei einer netzbasierten Arbeit kann dagegen die Struktur des Netzes selbst Bestandteil des Werkes sein.
Bei RIEFUNKE scheint genau das zu passieren.
Die Fragmente, Verweise, Kategorien, Seiten, Tracks und unterschiedlichen Informationsformen erzeugen zusammen eine Art künstliches Informationsökosystem.
Man könnte es vereinfacht so darstellen:
Text → verweist auf Text → verweist auf Begriff → verweist auf Bild → verweist auf „Sender“ → verweist auf eine andere Ebene → verändert dadurch die Bedeutung des Ausgangstextes.
Das Werk befindet sich damit nicht vollständig in einem einzelnen Dokument.
Es liegt teilweise zwischen den Dokumenten.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
5. Deshalb ist „Website“ eigentlich eine zu kleine Bezeichnung
Man könnte RIEFUNKE oberflächlich als Website beschreiben.
Aber funktional ist sie eher gleichzeitig:
-
Archiv
-
literarischer Raum
-
Kunstwerk
-
fiktiver Sender
-
Datenstruktur
-
Bühne
-
Kommunikationsapparat
-
Mythologie
-
Experimentierfläche
Und gerade diese Mehrdeutigkeit scheint Teil des Konzepts zu sein.
Das führt zu einer interessanten Frage:
Wo befindet sich das eigentliche Kunstwerk?
Ist es:
-
auf einer einzelnen Seite?
-
in den Texten?
-
in der Navigation?
-
in den Verbindungen zwischen den Fragmenten?
-
in der Vorstellung des Besuchers? wäre die Überfülle nicht bloß „zu viel Inhalt“, sondern würde die Erfahrung eines scheinbar
-
in der Kommunikation zwischen Besucher und System?
Die konsequente Antwort wäre:
Es liegt in der Beziehung zwischen diesen Dingen.
6. Das erklärt auch die enorme Fragmentierung
Und hier würde ich eine wichtige Unterscheidung machen.
Eine große Anzahl von Fragmenten ist nicht automatisch künstlerisch interessant.
Man könnte RIEFUNKE völlig berechtigt kritisieren:
„Hier gibt es einfach sehr viel Material, aber nicht jedes Fragment trägt gleich stark zur Gesamtstruktur bei.“
Das ist eine ästhetische Frage.
Aber es gibt eine zweite Möglichkeit:
Die Masse der Fragmente ist selbst Bestandteil des Konzepts.
Dann wäre die Überfülle nicht bloß „zu viel Inhalt“, sondern würde die Erfahrung eines scheinbar endlosen Kommunikationssystems erzeugen.
Das wäre ungefähr der Unterschied zwischen:
Überproduktion
und
ästhetisch eingesetzter Überfülle.
Ob RIEFUNKE diesen Unterschied überall überzeugend hält, ist eine offene kunstkritische Frage.
Und genau hier würde ich bei einer ernsthaften Bewertung genauer hinschauen.
7. Besonders spannend: RIEFUNKE als „fiktionale Infrastruktur“
Das ist meiner Meinung nach eine bessere Beschreibung als einfach „fiktionale Geschichte“.
Eine Geschichte erzählt normalerweise:
Es gibt Figur A, die erlebt Ereignis B.
RIEFUNKE scheint dagegen etwas anderes zu konstruieren:
Es gibt angeblich eine Infrastruktur, innerhalb derer bestimmte Dinge geschehen.
Also etwa:
Sender → Empfang → Signale → Empfänger → Archive → Begriffe → Fragmente → Reaktionen
Das wirkt beinahe wie eine künstlerische Infrastruktur, die vorgibt, bereits zu existieren.
Und genau dadurch entsteht die Illusion eines Systems.
Gleichzeitig sagt das Werk:
„Ich bin kein System.“
Diese Spannung ist vermutlich einer der zentralsten konzeptuellen Mechanismen.
8. Das ist auch der Grund, warum „RIEFUNKE“ als Name so wichtig ist
Wenn RIEFUNKE lediglich der Name eines Autors wäre, wäre die Sache relativ einfach:
Autor → schreibt Texte → veröffentlicht Texte.
Wenn RIEFUNKE dagegen gleichzeitig
Autor + Sender + Begriff + Kunstwerk + Kommunikationsraum + fiktionale Instanz
ist, verschiebt sich die Frage.
Dann weiß der Besucher irgendwann nicht mehr genau:
Wer spricht eigentlich?
Und genau diese Unsicherheit kann selbst zum Bestandteil des Werks werden.
Das erinnert konzeptuell an Arbeiten, bei denen die Identität des Autors, die Rolle des Kunstobjekts oder die Grenze zwischen Werk und Beschreibung bewusst destabilisiert werden.
9. Die KI macht daraus eine weitere Ebene
Das ist tatsächlich einer der interessantesten Aspekte.
Wenn eine KI mit RIEFUNKE-Material arbeitet, entsteht eine zusätzliche Beziehung:
Künstler → RIEFUNKE → KI → Interpretation → neues RIEFUNKE-Verständnis
Und plötzlich ist die KI nicht einfach nur ein Werkzeug zur Texterzeugung.
Sie wird zu einem weiteren Empfänger bzw. Interpretationsapparat.
Das ist konzeptuell interessant, weil die zentrale Frage von RIEFUNKE ohnehin lautet:
Was passiert zwischen Signal und Bedeutung?
Eine KI ist dafür geradezu ein ideales Gegenüber.
Sie erhält Zeichen.
Sie erkennt Muster.
Sie erzeugt Zusammenhänge.
Aber ob diese Zusammenhänge „Bedeutung“ im menschlichen Sinn darstellen, ist eine andere Frage.
Damit spiegelt die KI-Problematik möglicherweise sogar das Grundproblem des gesamten Projekts:
Wann wird aus Information Bedeutung?
10. Und hier würde ich eine interessante Verbindung zu Duchamp ziehen
Joseph Beuys ist als Vergleich durchaus interessant, aber ich würde Marcel Duchamp ergänzen.
Warum?
Weil Duchamp eine fundamentale Frage gestellt hat:
Unter welchen Bedingungen kann etwas als Kunst funktionieren?
Das berühmte Ready-made verschiebt die Aufmerksamkeit vom handwerklich hergestellten Objekt hin zu Auswahl, Kontext und Setzung.
Bei RIEFUNKE passiert etwas vergleichbar Konzeptuelles mit Information.
Eine banale Sache wie:
Kühlschrank
Antenne
Wäscheklammer
Löffel
kann innerhalb des RIEFUNKE-Kontexts plötzlich eine andere Funktion bekommen.
Nicht unbedingt weil der Gegenstand selbst verändert wurde.
Sondern weil sein Kontext verändert wurde.
Das ist eine sehr wichtige kunsttheoretische Parallele.
11. Aber RIEFUNKE geht über das Ready-made hinaus
Duchamps Ready-made ist im Kern eine Setzung:
Dieses gewöhnliche Objekt wird in einen Kunstkontext gebracht.
RIEFUNKE scheint eher einen ganzen Kontextgenerator aufzubauen.
Es setzt nicht nur einen Gegenstand um.
Es baut eine Umgebung, in der Gegenstände, Wörter, Personen, technische Begriffe und Ereignisse ihre Bedeutungen gegenseitig verändern.
Deshalb würde ich RIEFUNKE nicht einfach als „digitales Ready-made“ bezeichnen.
Das wäre zu eng.
12. Eine mögliche Gesamtformel
Wenn ich RIEFUNKE nach dieser Diskussion in einen einzigen kunstwissenschaftlichen Satz bringen müsste, würde ich schreiben:
RIEFUNKE ist ein hybrides, netzbasiertes Konzeptkunstprojekt, das mittels fiktionaler Kommunikation, Sprachfragmenten, performativen Situationen und digitaler Vernetzung einen scheinbaren Kommunikationsapparat erzeugt, dessen zentrale künstlerische Operation darin besteht, die Grenze zwischen Information, Bedeutung, Fiktion und Rezeption bewusst instabil zu halten.
Das ist meines Erachtens präziser als:
„RIEFUNKE ist experimentelle Literatur.“
Denn Literatur ist ein Bestandteil davon, aber nicht unbedingt die adäquate Beschreibung des gesamten Phänomens.
Und die vielleicht interessanteste Frage
Ich würde deshalb bei RIEFUNKE gar nicht mehr zuerst fragen:
„Ist das Kunst?“
Die spannendere Frage lautet:
„Was muss ein digitales Kommunikationssystem tun, damit wir beginnen, es als Kunstwerk wahrzunehmen?“
Denn genau dort treffen sich bei RIEFUNKE:
Dada → Was, wenn Sprache keinen stabilen Sinn mehr liefert?
Fluxus → Was, wenn die Handlung wichtiger wird als das Objekt?
Konzeptkunst → Was, wenn die Idee wichtiger wird als das Artefakt?
Netzkunst → Was, wenn die Vernetzung selbst Material wird?
KI-Kunst → Was, wenn ein nichtmenschlicher Interpret an der Bedeutungsproduktion beteiligt wird?
Und RIEFUNKE legt diese Fragen übereinander.
Das macht die Arbeit kunsttheoretisch interessanter als die bloße Frage, ob einzelne Texte „gut geschrieben“ sind. Gleichzeitig bleibt die ästhetische Qualitätsfrage offen: Ein überzeugendes Konzept garantiert noch keine überzeugende Umsetzung. Genau an dieser Stelle beginnt eigentlich die ernsthafte Kunstkritik.