RIEFUNKE – DIE AKTE DOSENMILCH
England.
Scrollstube.
Dienstagvormittag.
Wellenberg war eigentlich gekommen, um die psychologische Begleitung von RIEFUNKE-TV zu dokumentieren.
Das hatte zumindest auf dem Papier gestanden.
Stattdessen stand er seit fast zwanzig Minuten im Archiv.
Vor ihm:
alte Akten.
Sehr alte Akten.
Eine über Goethe.
Eine über das UFO.
Eine über Nicole Kidman.
Eine über Stella McCartney.
Und dann fand er einen Ordner mit der Aufschrift:
VORGANG 47-B
Darunter handschriftlich:
DOSENMILCH
Wellenberg hielt inne.
„Was ist das?“
Der Butler erschien hinter ihm.
„Sehr wohl.“
„Warum gibt es eine Akte über Dosenmilch?“
Der Butler sah auf den Ordner.
„Historischer Vorgang.“
„Das sehe ich.“
„Sehr wichtig.“
Wellenberg öffnete die Akte.
Ganz oben lag ein Foto.
Karl Lagerfeld.
Daneben:
sechs Dosen Dosenmilch.
Darunter ein Vermerk:
Einlass: abgelehnt.
Wellenberg blätterte weiter.
Dann fand er einen zweiten Vermerk:
Dosenmilch: Einlass gewährt.
Er setzte sich.
„Moment.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
„Lagerfeld durfte nicht hinein.“
„Richtig.“
„Die Dosenmilch durfte hinein.“
„Richtig.“
Wellenberg sah ihn an.
„Warum?“
Der Butler schwieg.
Wellenberg:
„Warum durfte die Milch hinein?“
Der Butler:
„Sie hatte die Voraussetzungen erfüllt.“
Wellenberg blätterte hektisch durch die Akte.
„Welche Voraussetzungen?“
Der Butler:
„Keine Jeans.“
Wellenberg sah auf die Dose.
„Natürlich.“
DIE ERSTE UNTERSUCHUNG
Wellenberg legte die Dose auf den Tisch.
„Die Dose trägt keine Jeans.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
„Keine Stöckelschuhe.“
„Nein.“
„Nicht zu sexy.“
Der Butler sah die Dose an.
„Das ist schwer zu beurteilen.“
Wellenberg:
„Bitte bleiben wir wissenschaftlich.“
Der Butler nickte.
„Selbstverständlich.“
Wellenberg schrieb etwas auf.
Objekt: Dosenmilch
Kleiderordnung: erfüllt
Goethe-Kompatibilität: ungeklärt
Verhalten: unauffällig
Einlassfähigkeit: hoch
Dann kam der Türsteher herein.
Er sah die Dose.
Dann Wellenberg.
„Was machen Sie?“
Wellenberg:
„Ich untersuche den Lagerfeld-Vorgang.“
Der Türsteher blieb stehen.
„Warum?“
„Ich möchte verstehen, warum diese Dosenmilch eingelassen wurde.“
„Weil sie eingelassen werden durfte.“
„Und Lagerfeld nicht?“
„Richtig.“
„Warum?“
Der Türsteher sah ihn an.
„Weil er Lagerfeld war.“
Wellenberg:
„Das ist keine Begründung.“
Der Türsteher:
„Für die Scrollstube schon.“
DIE ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDER KOMMEN DAZU
Die acht Kinder waren inzwischen ebenfalls im Archiv erschienen.
Das kleinste nahm die Dose in die Hand.
„Ist das die berühmte Milch?“
Wellenberg:
„Offenbar.“
„Die von Lagerfeld?“
„Ja.“
„Die durfte rein?“
„Ja.“
„Er nicht?“
„Nein.“
Das Kind dachte nach.
„Dann ist die Milch wichtiger als Lagerfeld.“
Wellenberg:
„Das würde ich so nicht formulieren.“
Das Kind:
„Aber es stimmt.“
Wellenberg schwieg.
Der Türsteher nickte.
„Das Kind versteht die Scrollstube.“
MERTENS WIRD GERUFEN
Wellenberg rief Mertens.
Mertens kam mit seinem Spektrumanalysator.
„Was ist passiert?“
Wellenberg zeigte auf die Dose.
„Wir haben ein Verwaltungsproblem.“
Mertens betrachtete sie.
„Dosenmilch.“
„Genau.“
„Ist sie noch haltbar?“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Mertens nickte.
„Dann sehe ich technisch keinen Grund zur Beanstandung.“
Wellenberg:
„Es geht nicht um die Milch.“
Mertens:
„Doch.“
„Nein.“
„Sie steht doch hier.“
Wellenberg zeigte auf die Akte.
„Lagerfeld wollte hinein.“
„Ja.“
„Die Milch durfte hinein.“
„Ja.“
„Warum?“
Mertens dachte nach.
Dann sagte er:
„Vielleicht hatte die Milch bessere Empfangseigenschaften.“
Wellenberg:
„Das ist wissenschaftlich nicht belegt.“
Mertens:
„Ich sagte vielleicht.“
DER BUTLER ÖFFNET DEN ANHANG
Der Butler nahm einen weiteren Ordner.
„Sehr wohl.“
„Was ist das?“, fragte Wellenberg.
„Anlage 47-B-2.“
„Was steht darin?“
Der Butler las:
Dosenmilch wurde aufgrund besonderer kultureller Verträglichkeit vorläufig als Scrollstuben-kompatibel eingestuft.
Wellenberg starrte auf das Blatt.
„Wer hat das geschrieben?“
Der Butler:
„Der Türsteher.“
Wellenberg drehte sich langsam um.
„Sie haben das entschieden?“
Der Türsteher:
„Ja.“
„Warum?“
„Weil Milch niemanden provoziert.“
Wellenberg:
„Und Lagerfeld?“
Der Türsteher:
„Der hatte eine Sonnenbrille.“
Pause.
Wellenberg:
„Das ist Ihr Kriterium?“
„Unter anderem.“
DIE GOETHE-FRAGE
Wellenberg blätterte weiter.
„Hier steht: Goethe-Kompatibilität.“
Der Türsteher:
„Ja.“
„Was bedeutet das?“
„Goethe darf rein.“
„Das weiß ich inzwischen.“
„Dann ist alles geklärt.“
Wellenberg:
„Nein.“
Er hielt die Dose hoch.
„Ist diese Milch Goethe-kompatibel?“
Alle schwiegen.
Der Butler sah zum Türsteher.
Der Türsteher sah zur Dose.
Mertens sah auf seinen Spektrumanalysator.
Die acht Kinder sahen sich gegenseitig an.
Dann sagte das kleinste:
„Wir müssen Goethe fragen.“
GOETHE KOMMT
Eine Stunde später rollte draußen eine Kutsche vor.
Vier Pferde.
Goethe.
Rotweinglas.
Schwarzer Mantel.
Goethe betrat die Scrollstube.
Der Türsteher nickte.
„Goethe.“
Goethe:
„Türsteher.“
Wellenberg stellte die Dose auf den Tisch.
„Herr Goethe, eine Frage.“
Goethe sah die Dose an.
„Milch.“
„Dosenmilch.“
Goethe nahm einen Schluck Rotwein.
„Aha.“
Wellenberg:
„Ist sie Goethe-kompatibel?“
Goethe betrachtete die Dose.
Sehr lange.
Dann sagte er:
„Sie ist zumindest haltbar.“
Mertens:
„Das ist keine Antwort.“
Goethe:
„Doch.“
Wellenberg schloss die Akte.
„Ich gebe auf.“
Das kleinste Wäscheklammerkinder nahm die Dose.
„Dann gehört sie jetzt uns.“
Der Türsteher:
„Einverstanden.“
Wellenberg:
„Warum?“
Der Türsteher:
„Die Kinder tragen Wäscheklammern.“
Wellenberg:
„Und?“
Der Türsteher:
„Wäscheklammern sind Teil der Gründungsgeschichte.“
Wellenberg sah auf die acht Kinder.
Dann auf die Dose.
Dann auf die Akte.
Er schrieb seinen letzten Vermerk:
PSYCHOLOGISCHE BEURTEILUNG:
Die Scrollstube folgt einer eigenen inneren Ordnung, deren Regeln für Außenstehende zunächst widersprüchlich erscheinen. Eine vollständige Erklärung konnte nicht ermittelt werden.
Er hielt inne.
Dann ergänzte er:
Die Dosenmilch scheint jedoch akzeptiert zu sein.
Darunter setzte er:
„Weitere Forschung erforderlich.“
Mertens sah über seine Schulter.
„Das klingt nach Universität.“
Wellenberg:
„Das ist der erste Satz heute, der mir Hoffnung macht.“
In diesem Moment knackte das Radio.
KRRRRT.
Eine Stimme:
„Lagerfeld hätte einfach Milch sein sollen.“
Stille.
Wellenberg sah zum Radio.
„Wer war das?“
Der Türsteher:
„RIEFUNKE.“
Wellenberg:
„Und was bedeutet das?“
Das kleinste Wäscheklammerkinder grinste.
„Er hätte die Dose tragen müssen.“
Wellenberg sah auf die sechs Dosen im Archiv.
Dann auf die Tür.
Dann auf den Türsteher.
„Ich beginne langsam zu verstehen.“
Der Türsteher nickte.
„Nein.“
Wellenberg:
„Nein?“
„Sie beginnen erst.“
KRRRRT.
Der Butler schloss die Akte.
Auf den Ordner schrieb er:
VORGANG 47-B
ABGESCHLOSSEN
Darunter stand bereits in blauer Wachsmalstiftfarbe:
„MILCH DARF REIN.“
Und ganz unten:
„LAGERFELD NICHT.“
Der Türsteher betrachtete den Eintrag.
Nahm einen Schluck Bier.
Und sagte:
„Ordnung muss sein.“