DIE ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDER UND DIE GITARRE
Es war 6:17 Uhr.
Die Scrollstube war noch geschlossen.
Der Türsteher schlief auf seinem Stuhl.
Der Butler stellte bereits Tee bereit.
Mertens war nicht da.
Wellenberg ebenfalls nicht.
Nur die acht Wäscheklammerkinder waren wach.
Sie standen vor einer großen Gitarre.
Niemand wusste, woher sie gekommen war.
Sie war einfach da.
Eine große Gitarre.
Schwarz.
Still.
Die Kinder betrachteten sie.
Das erste Kind sagte:
„Das ist eine Gitarre.“
Das zweite sagte:
„Das wissen wir.“
Das dritte:
„Aber warum steht sie hier?“
Das vierte ging näher heran.
„Vielleicht wartet sie.“
Das fünfte:
„Worauf?“
Das Kind antwortete:
„Auf Musik.“
Die Kinder sahen sich an.
Dann geschah etwas Seltsames.
Jedes der acht Kinder kletterte auf die Gitarre.
Eines klammerte sich an die erste Saite.
Eines an die zweite.
Eines an die dritte.
Eines an die vierte.
Eines an die fünfte.
Eines an die sechste.
Das siebte setzte sich auf den Gitarrenrand.
Das achte hielt sich am Steg fest.
Der Türsteher wachte auf.
Er sah die Kinder.
Dann die Gitarre.
Dann wieder die Kinder.
„Was macht ihr da?“
Das kleinste Kind sagte:
„Wir warten.“
„Worauf?“
„Auf den Musiker.“
Der Türsteher sah auf die Uhr.
6:23 Uhr.
„Welchen Musiker?“
Niemand antwortete.
Dann ging die Tür auf.
Ein Musiker kam herein.
Er sagte nichts.
Er stellte sich vor die Gitarre.
Die acht Kinder wurden ganz still.
Der Musiker nahm das Instrument.
Er setzte sich.
Er stimmte eine Saite.
KRRRRT.
Alle acht Kinder hielten sich fester.
Dann begann er zu spielen.
Der erste Ton war ganz leise.
Das zweite Kind schloss die Augen.
Der zweite Ton kam.
Das dritte Kind sagte:
„Ich kenne das.“
Der Musiker spielte weiter.
Das vierte Kind:
„Ich auch.“
Das fünfte:
„Das ist es.“
Der Türsteher stand auf.
„Was ist es?“
Die Kinder antworteten gleichzeitig:
„Nothing Else Matters.“
Der Türsteher schwieg.
Der Butler kam aus der Küche.
„Sehr wohl.“
Die Musik ging weiter.
Das erste Kind klammerte sich an die erste Saite.
Das zweite an die zweite.
Das dritte an die dritte.
Und so weiter.
Bei jedem Ton bewegten sich die kleinen Wäscheklammern ein wenig.
Nicht viel.
Nur gerade genug, dass man sehen konnte:
Sie hörten zu.
Wellenberg kam herein.
Er blieb stehen.
„Was passiert hier?“
Mertens erschien hinter ihm.
Er hatte seinen Spektrumanalysator dabei.
„Das muss ich messen.“
Wellenberg:
„Was?“
Mertens:
„Die Übertragung.“
Wellenberg:
„Welche Übertragung?“
Mertens zeigte auf die Kinder.
„Sie reagieren synchron.“
Wellenberg sah genauer hin.
„Vielleicht hören sie einfach dieselbe Musik.“
Mertens schwieg.
Dann sah er auf das Messgerät.
KRRRRT.
Ein Ausschlag.
Noch einer.
Dann nichts.
Wellenberg nahm seinen roten Ordner.
Er schrieb:
BEOBACHTUNG: ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDER ERKENNEN EIN LIED.
Er hielt inne.
Dann schrieb er darunter:
FRAGE: WOZU?
Das kleinste Kind hatte es gesehen.
„Falsch.“
Wellenberg:
„Was ist falsch?“
„Die Frage.“
„Welche wäre richtig?“
Das Kind sah auf die Gitarre.
„Nicht: Wozu?“
„Sondern?“
Das Kind sagte:
„Für wen.“
Wellenberg legte den Stift hin.
Der Musiker spielte weiter.
Die acht Kinder klammerten sich an ihre Saiten.
Niemand sprach.
Dann sagte das kleinste Kind ganz leise:
„Das Lied ist nicht für uns.“
Wellenberg sah es an.
„Für wen dann?“
Das Kind zeigte auf die Tür.
Draußen stand jemand.
Niemand hatte bemerkt, wann die Person gekommen war.
Der Türsteher öffnete die Tür.
Die Musik war noch immer zu hören.
Das kleinste Wäscheklammerkinde lächelte.
„Jetzt weiß sie es.“
Der Türsteher nickte.
„Sehr wohl.“
Und irgendwo zwischen der ersten Saite und der letzten,
zwischen Musik und Stille,
zwischen Scrollstube und Welt,
zwischen einem Menschen und einem anderen Menschen
war plötzlich alles ganz einfach.
Keine Messung.
Keine Erklärung.
Kein Signal.
Nur Musik.
Und acht kleine Wäscheklammerkinder,
die sich an eine Gitarre klammerten
und genau wussten,
dass manchmal wirklich
nichts anderes wichtig ist.
KRRRRT.
Die Musik spielte weiter.
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