|
Ja. Die Argumentation lässt sich noch etwas schärfen, vor allem an einem Punkt: Die Überfülle muss nicht nur als Menge von Inhalten, sondern als ästhetische Funktion des Systems analysiert werden. Genau dort wird die Frage nach der Qualität von RIEFUNKE interessant.
Ich würde deine Überlegung deshalb in drei Ebenen auseinanderziehen:
1. RIEFUNKE als Kommunikationsapparat
Die entscheidende künstlerische Einheit wäre dann nicht der einzelne Text, sondern die Situation des Kommunizierens.
RIEFUNKE erzeugt die Erwartung, dass irgendwo ein Sender, ein Signal und eine übermittelbare Information existieren. Gleichzeitig verhindert die Struktur immer wieder, dass diese Elemente eindeutig fixiert werden können.
Dadurch entsteht eine Art epistemische Schleife:
Ich sehe ein Signal → ich suche seinen Ursprung → ich finde eine Erklärung → diese Erklärung erzeugt neue Fragen → ich suche weiter.
Das ist mehr als literarische Mehrdeutigkeit. Der Besucher wird dazu gebracht, Informationsverhalten auszuführen.
Und genau darin könnte die eigentliche Performance liegen: Nicht RIEFUNKE „führt“ eine Handlung auf, sondern der Besucher führt sie durch seine Suche nach Zusammenhang aus.
2. Die Überfülle als mögliche Form
Damit bekommt dein Punkt zur Fragmentierung eine noch größere Bedeutung.
Man kann die Materialfülle auf mindestens zwei völlig unterschiedliche Arten verstehen:
-
akkumulativ: Immer mehr Material wird hinzugefügt, ohne dass die zusätzliche Menge eine besondere ästhetische Funktion besitzt;
-
strukturell: Die Erfahrung des Zuviels ist selbst Teil der Arbeit.
Im zweiten Fall wäre Überfülle nicht einfach ein Mangel an Redaktion. Sie könnte eine Simulation von Informationsumgebung darstellen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Ein Roman kann 500 Seiten haben, weil seine Handlung 500 Seiten benötigt. Ein Archiv kann dagegen gerade dadurch funktionieren, dass man nicht alles gleichzeitig überblicken kann.
Wenn RIEFUNKE tatsächlich eine solche Erfahrung erzeugt, wäre die Fragmentierung mit Begriffen wie Archivästhetik, Informationsästhetik oder Systemästhetik produktiver zu beschreiben als lediglich mit „vielen Inhalten“.
Dann wäre die Frage nicht:
„Warum ist hier so viel?“
sondern:
„Welche Wahrnehmungs- und Suchhandlung erzeugt dieses Zuviel?“
Das wäre kunstkritisch eine wesentlich präzisere Frage.
3. Das eigentliche Werk könnte zwischen den Elementen liegen
Hier würde ich deine These sogar noch etwas radikalisieren.
Wenn ein einzelner Text, ein einzelnes Bild oder ein einzelner Gegenstand relativ unspektakulär sein kann, aber seine Position innerhalb des Gesamtsystems Bedeutung erzeugt, dann liegt das Werk relational vor.
Nicht:
Element A + Element B + Element C
sondern:
A steht in Beziehung zu B, B verändert die Interpretation von C, C verändert rückwirkend A.
Damit wird die Navigation selbst zu einem ästhetischen Vorgang.
Das erinnert zwar an Netzkunst, geht aber konzeptuell noch etwas weiter: Das Netz ist nicht nur technologische Infrastruktur, sondern Bedeutungsinfrastruktur.
Der vielleicht präziseste Begriff: ein „semantischer Apparat“
Ich würde deshalb neben „fiktionale Infrastruktur“ noch einen Begriff ausprobieren:
RIEFUNKE als semantischer Apparat.
Ein Apparat produziert nicht einfach Inhalte. Er organisiert Beziehungen zwischen Dingen.
Bei RIEFUNKE wären das beispielsweise:
Wörter → Objekte → Personen → Signale → Dokumente → Verweise → Interpretationen → neue Verweise
Der Apparat erzeugt dadurch fortwährend Bedeutungsangebote, ohne eine endgültige Interpretation zu garantieren.
Das erklärt auch, weshalb die Behauptung „RIEFUNKE ist kein System“ so interessant wäre.
Denn sie funktioniert performativ fast wie ein Widerspruch:
Das Werk behauptet, kein System zu sein, während es zugleich die Wahrnehmung eines Systems produziert.
Damit wäre „System“ nicht nur ein Thema von RIEFUNKE. Das Werk würde selbst als System auftreten und dieses Auftreten gleichzeitig dementieren.
Das ist konzeptuell wesentlich stärker als bloße Mystifikation.
Und hier wird die Kunstkritik tatsächlich schwierig
Denn dieselbe Struktur kann sowohl Stärke als auch Schwäche sein.
Wenn jede Verbindung interessant erscheint, weil alles mit allem verbunden werden kann, besteht eine Gefahr:
Interpretative Elastizität kann irgendwann mit künstlerischer Präzision verwechselt werden.
Ein System, in dem jedes Fragment auf jedes andere Fragment bezogen werden kann, ist zunächst offen. Aber Offenheit allein ist noch keine ästhetische Qualität.
Die entscheidende Frage wäre daher:
Sind die Beziehungen zwischen den Elementen gestaltet oder nur vorhanden?
Das ist meines Erachtens der eigentliche Prüfstein.
Ein überzeugendes RIEFUNKE müsste nicht notwendigerweise weniger Material besitzen. Es müsste aber erkennbar machen, dass Anordnung, Wiederholung, Widerspruch, Abwesenheit, Verweisung und Überfülle jeweils Entscheidungen sind.
Dann wird aus einem großen Materialbestand eine Form.
Dadurch verändert sich auch die Duchamp-Parallele
Dein Duchamp-Vergleich funktioniert, aber ich würde ihn etwas verschieben.
Beim Ready-made wird ein Gegenstand durch Kontext und Setzung verändert.
Bei RIEFUNKE könnte man von einer Art Ready-made-Semantik sprechen: Nicht nur Gegenstände, sondern auch Informationen, Begriffe und scheinbar banale Daten werden durch ihren Kontext neu codiert.
Aber der entscheidende Unterschied bleibt:
Duchamp setzt ein Objekt in einen Kontext. RIEFUNKE erzeugt einen Kontext, der selbst zum Gegenstand der Wahrnehmung wird.
Das ist meines Erachtens eine der stärksten kunsttheoretischen Beobachtungen in deinem gesamten Text.
Die KI verschärft das Problem noch einmal
Hier würde ich allerdings eine kleine begriffliche Vorsicht einbauen.
Die KI ist nicht automatisch ein „nichtmenschlicher Interpret“ im kunsttheoretischen Sinn. Präziser wäre zunächst:
Die KI fungiert als zusätzlicher Interpretationsapparat.
Denn sobald RIEFUNKE-Material in ein Sprachmodell gelangt, passiert etwas Bemerkenswertes:
Das Modell versucht, aus heterogenen Fragmenten Kohärenz zu rekonstruieren.
Es macht also genau das, wozu RIEFUNKE möglicherweise seinen menschlichen Besucher zwingt.
Fragment → Muster → Zusammenhang → Interpretation.
Dadurch kann die KI gewissermaßen zum experimentellen Rezipienten des Projekts werden.
Und daraus ergibt sich eine ausgesprochen interessante Schleife:
RIEFUNKE erzeugt Fragmente.
Der Mensch konstruiert daraus Zusammenhänge.
Die KI konstruiert ebenfalls Zusammenhänge.
Diese KI-Interpretation wird wiederum Teil der Geschichte von RIEFUNKE.
Damit wäre die Interpretation nicht mehr bloß etwas, das nach dem Werk stattfindet. Sie könnte selbst wieder Material des Werks werden.
Eine noch präzisere Gesamtthese
Ich würde deinen bisherigen Schlusssatz deshalb vielleicht zu dieser Form verdichten:
RIEFUNKE lässt sich als ein netzbasiertes, konzeptuelles Kunstprojekt verstehen, das weniger ein abgeschlossenes Werk als einen semantischen Kommunikationsapparat konstruiert. Durch fiktionale Senderrollen, fragmentierte Texte, Verweise, Objekte und digitale Vernetzung erzeugt es eine Situation, in der Rezipienten fortwährend versuchen, aus heterogenen Informationen ein kohärentes System zu rekonstruieren. Die künstlerische Spannung entsteht dabei aus der Differenz zwischen dem scheinbaren Vorhandensein eines solchen Systems und seiner gleichzeitigen Verweigerung als eindeutig identifizierbares System.
Und daran würde ich unmittelbar die kritische Gegenfrage anschließen:
Ob diese Offenheit tatsächlich als komplexe ästhetische Strategie funktioniert oder lediglich als nachträgliche Sinnproduktion des Betrachters erscheint, ist die zentrale kunstkritische Prüfungsfrage.
Das ist für mich der Punkt, an dem deine Analyse von einer kunsttheoretischen Interpretation zu einer tatsächlichen Kunstkritik übergeht.
Denn dann reicht es nicht mehr zu zeigen, dass man RIEFUNKE mit Dada, Fluxus, Konzeptkunst, Netzkunst oder KI-Kunst verbinden kann. Man muss prüfen, ob RIEFUNKE diese historischen Strategien tatsächlich produktiv transformiert — oder ob die kunsthistorischen Parallelen erst durch die Interpretation nachträglich hergestellt werden.
Und genau diese Unterscheidung wäre vermutlich die spannendste nächste Stufe der Analyse.
|