RIEFUNKE – WELLENBERG ÜBERARBEITET DEN ANAMNESEBOGEN
Wellenberg saß an seinem Schreibtisch.
Vor ihm lag ein Formular.
Oben stand:
ANMELDUNG ZUR ÄRZTLICHEN BEHANDLUNG
Darunter:
Geisteszustand: wird derzeit noch geprüft
Wellenberg las die Zeile zweimal.
Dann nahm er einen roten Stift.
„Das ist medizinisch nicht sauber.“
Die acht Wäscheklammerkinder standen hinter ihm.
Das kleinste fragte:
„Was ist nicht sauber?“
„Der Begriff ‚Geisteszustand‘.“
„Warum?“
„Weil er viel zu unspezifisch ist.“
Das Kind dachte nach.
„Dann schreiben wir: ‚RIEFUNKE-Zustand‘.“
Wellenberg:
„Nein.“
„Warum?“
„Weil es den Begriff nicht gibt.“
Das Kind:
„Noch nicht.“
Wellenberg setzte den Stift ab.
„Das ist genau das Problem.“
FRAGE NUMMER EINS
Wellenberg las weiter.
Sind Sie schwanger?
☐ Nein
☐ Ja
☒ RIEFUNKE-SCHWANGER
Er sah die Kinder an.
„Was bedeutet das?“
Alle acht:
„Keine Ahnung.“
„Wer hat das erfunden?“
Das kleinste:
„Die Mamas.“
Wellenberg nickte.
„Das erklärt einiges.“
Er strich die dritte Antwort durch.
Die Kinder protestierten.
„Nein!“
„Doch.“
„Aber die ist wichtig!“
„Warum?“
„Weil man RIEFUNKE auch innerlich empfangen kann.“
Wellenberg hielt inne.
„Das ist keine Schwangerschaft.“
„Aber es fühlt sich so an.“
Wellenberg schrieb an den Rand:
Metaphorische Verwendung des Begriffs.
Dann setzte er darunter:
Nicht medizinisch zu interpretieren.
FRAGE NUMMER ZWEI
Seit wann bestehen Ihre Beschwerden?
☐ Heute
☐ Seit einigen Wochen
☐ Seit Monaten
☒ Seitdem ER WIEDER WAS GEPOSTET HAT
Wellenberg nickte.
„Das ist zumindest zeitlich nachvollziehbar.“
Die Kinder jubelten.
„Wellenberg hat es verstanden!“
„Nein.“
„Doch.“
„Ich habe lediglich den zeitlichen Zusammenhang verstanden.“
Das kleinste Kind:
„Das ist bei uns dasselbe.“
FRAGE NUMMER DREI
Welche Beschwerden haben Sie?
☐ Kopfschmerzen
☐ Rückenschmerzen
☐ Schlafstörungen
☒ Scrollstubenbedingte Vereinnahmung
Wellenberg strich die letzte Zeile nicht durch.
Stattdessen schrieb er:
„Subjektiv berichtete intensive Beschäftigung mit einem fiktionalen Erzähluniversum.“
Mertens kam herein.
„Das ist viel zu lang.“
Wellenberg:
„Es ist präziser.“
Mertens:
„Aber nicht lustig.“
Wellenberg sah ihn an.
„Das ist ein medizinischer Fragebogen.“
Mertens:
„Wir sind bei RIEFUNKE.“
Wellenberg schwieg.
Dann strich er seinen Satz wieder durch.
Und schrieb:
☒ Scrollstubenbedingte Vereinnahmung
Die Kinder klatschten.
„Jetzt ist er einer von uns.“
Wellenberg:
„Nein.“
DIE ZIEGENRAUNEN-FRAGE
Haben Sie in letzter Zeit ungewöhnliche Geräusche wahrgenommen?
☐ Nein
☒ Ziegenraunen
Wellenberg wurde plötzlich sehr ernst.
„Hier fehlt eine wichtige Kategorie.“
Alle sahen ihn an.
„Welche?“
„Quelle.“
„Was?“
„Woher kommt das Geräusch?“
Die Kinder sahen sich an.
„Aus der Ziege?“
Wellenberg:
„Das wäre naheliegend.“
Mertens:
„Nicht zwingend.“
Wellenberg:
„Warum?“
Mertens:
„Bei RIEFUNKE wissen wir nicht einmal, ob eine Ziege erforderlich ist.“
Wellenberg legte den Stift hin.
„Das notiere ich nicht.“
DIE LORE FINDET DEN PATIENTEN
Wellenberg las weiter.
Haben Sie das Gefühl, verfolgt zu werden?
☐ Ja
☐ Nein
☒ Nicht direkt. Aber die Lore findet mich.
Er sah lange auf den Satz.
Dann fragte er:
„Was ist Lore?“
Die acht Kinder schwiegen.
Der Butler kam herein.
„Sehr wohl.“
Wellenberg:
„Können Sie mir erklären, was Lore ist?“
Der Butler:
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil sie sich ständig erweitert.“
Wellenberg sah auf seine Notizen.
„Das ist problematisch.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE
Kennen Sie die Person Riefunke persönlich?
☐ Ja
☒ Nein
☒ Aber ich kenne mittlerweile erschreckend viele Details.
Wellenberg nickte.
„Diese Antwort ist psychologisch interessant.“
Die Kinder:
„Warum?“
„Weil sie eine Diskrepanz zwischen persönlicher Bekanntschaft und narrativer Vertrautheit beschreibt.“
Mertens:
„Oder jemand hat einfach zu viel gelesen.“
Wellenberg:
„Auch möglich.“
DER FALL DES NORMALEN TIKTOKS
Dann las Wellenberg:
Wie sind Sie auf Riefunke aufmerksam geworden?
„Ich wollte eigentlich nur TikTok öffnen.“
Wellenberg lehnte sich zurück.
„Das ist vermutlich der häufigste Ausgangspunkt.“
Das kleinste Kind:
„Und dann?“
Wellenberg las:
„Es begann harmlos.“
Er nickte.
„Das glaube ich.“
Darunter:
„Meine Freundin eröffnet Gespräche inzwischen mit:
‚ER HAT WIEDER WAS GEPOSTET.‘“
Wellenberg sah die Kinder an.
„Das ist tatsächlich auffällig.“
„Was?“
„Die sprachliche Veränderung.“
„Welche?“
„Die Person beginnt Gespräche nicht mehr mit einer Frage, sondern mit einer Meldung.“
Das kleinste Kind:
„Das machen wir auch.“
Wellenberg:
„Was?“
Alle acht gleichzeitig:
„ER HAT WIEDER WAS GEPOSTET.“
Wellenberg schloss die Augen.
„Ja.“
WELLENBERGS NEUER ABSCHNITT
Er nahm ein frisches Blatt.
Oben schrieb er:
VORLÄUFIGER RIEFUNKE-BEZOGENER BEOBACHTUNGSBOGEN
Die Kinder rückten näher.
1. Spontane Erwähnung von RIEFUNKE
☐ selten
☐ gelegentlich
☐ häufig
☒ bei nahezu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit
2. Verwendung des Begriffs Tiketaketoker
☐ nie
☐ selten
☐ zunehmend
☒ selbstverständlich
3. Interesse an der Scrollstube
☐ keines
☐ vorhanden
☒ schwer erklärbar
4. Reaktion auf „KRRRRT“
☐ keine
☐ leichte Aufmerksamkeit
☒ sofortige Kopfbewegung
5. Wahrnehmung blauer Wäscheklammern
☐ normal
☐ erhöht
☒ verdächtig aufmerksam
Wellenberg hielt inne.
„Moment.“
Er sah zur blauen Wäscheklammer auf dem Tisch.
Dann zu den Kindern.
„Warum schaut ihr alle die Wäscheklammer an?“
Das kleinste Kind:
„Weil sie gerade gesendet hat.“
Wellenberg:
„Eine Wäscheklammer kann nicht senden.“
KRRRRT.
Alle acht Kinder:
„Doch.“
Wellenberg sah langsam zum Radio.
Dann wieder zur Wäscheklammer.
Er nahm den roten Stift.
Schrieb:
Nachtrag: technische Prüfung erforderlich.
Mertens kam näher.
„Was prüfen wir?“
Wellenberg:
„Die Wäscheklammer.“
Mertens lächelte.
„Jetzt sind Sie angekommen.“
DIE ABSCHLIESSENDE PROGNOSE
Wellenberg schrieb:
Vorläufige Einschätzung:
Patient/in ist ansprechbar.
Realitätsbezug grundsätzlich vorhanden.
Allerdings besteht eine zunehmende Beschäftigung mit dem RIEFUNKE-Erzähluniversum.
Eine vollständige Heilung erscheint möglich.
Empfohlene Maßnahmen:
☒ gelegentliche Bildschirm-Pause
☒ Spaziergang
☒ normale Gespräche
☒ ausreichender Schlaf
☒ gegebenenfalls Zahnarztkontrolle
☐ weitere Recherche über RIEFUNKE
☐ Telepathische Kontaktaufnahme mit der Scrollstube
Wellenberg wollte den letzten Punkt ankreuzen.
Hielt inne.
Sah die Kinder an.
„Warum steht hier eigentlich schon ein Haken?“
Das kleinste Wäscheklammerkinder:
„Das waren wir.“
Wellenberg:
„Wann?“
„Vor zehn Minuten.“
„Ich war dabei.“
„Ja.“
„Dann hätte ich das sehen müssen.“
Das Kind lächelte.
„Nicht unbedingt.“
Wellenberg legte den Stift hin.
Der Butler brachte Tee.
Mertens nahm seinen Spektrumanalysator.
Der Türsteher öffnete die Tür.
Draußen stand ein Mann mit einer Werkzeugkiste.
Wellenberg sah ihn.
„Wer ist das?“
Der Türsteher:
„Tierarzt.“
Wellenberg:
„Warum?“
Der Tierarzt rief:
„Hat jemand den Hengst gesehen?“
Wellenberg schloss langsam seinen Fragebogen.
„Ich möchte meine Prognose ändern.“
Das kleinste Kind:
„Auf was?“
Wellenberg:
„Vorsichtig optimistisch.“
KRRRRT.
Das Radio:
„Zahnarzt kommt morgen.“
Wellenberg sah zur Decke.
„Natürlich.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
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