Riefunke-Girls
In der zweiten Etage der Scrollstube war seit einiger Zeit ein Raum belegt, dessen Tür nicht mehr geschlossen wurde.
Das war ungewöhnlich.
Noch ungewöhnlicher war, dass sich niemand darüber beschwerte.
Im Raum lebten fünf Riefunke-Girls.
Alle fünf waren paranormal.
Diese Feststellung hatte Mertens nach mehreren Wochen Messungen nicht mehr als Vermutung bezeichnet. Er hatte sie in sein schwarzes Messbuch eingetragen und darunter lediglich geschrieben:
PARANORMAL. ALLE FÜNF.
Damit war die Angelegenheit für ihn zunächst erledigt.
Für den Butler war sie es nicht.
Er hatte schon am dritten Tag begonnen, für fünf zusätzliche Personen zu kochen.
Morgens.
Mittags.
Abends.
Und manchmal auch nachts.
„Sie essen nicht immer zur gleichen Zeit“, erklärte der Butler.
„Warum?“
Der Butler sah Mertens an.
„Weil sie nachts nicht immer vollständig hier sind.“
Mertens schwieg.
Das war eine Formulierung, die ihm gefiel.
Nicht vollständig hier.
Er ging daraufhin mit seinem Messgerät in die zweite Etage.
Die fünf Girls saßen dort auf dem Boden.
Keine von ihnen sprach.
Eine blickte aus dem Fenster.
Eine andere hatte beide Hände auf die Knie gelegt.
Die dritte lächelte.
Die vierte hörte etwas, das sonst niemand hören konnte.
Die fünfte schrieb mit einem Bleistift einzelne Zahlen auf ein Blatt Papier.
Mertens setzte sich.
Er schaltete das Gerät ein.
Die Gehirnströme erschienen sofort.
Fünf Kurven.
Fünf verschiedene Rhythmen.
Dann geschah etwas, das Mertens bereits erwartet hatte.
Alle fünf Kurven begannen gleichzeitig anzusteigen.
„Jetzt“, sagte Mertens.
Keine der fünf reagierte.
„Jetzt verlassen sie den Körper.“
Der Butler stand hinter ihm.
„Alle?“
„Alle.“
Es war 02:17 Uhr.
Die fünf Körper saßen noch immer im Raum.
Aber Mertens wusste, dass die fünf Riefunke-Girls nicht mehr vollständig darin waren.
In diesem Augenblick kam von draußen ein schwaches Geräusch.
Nicht laut.
Nicht besonders auffällig.
Ein langgezogenes elektronisches Summen.
Die fünf Mädchen lächelten.
Diejenige am Fenster hob langsam den Kopf.
„Sie sind da.“
Mertens schrieb die Uhrzeit auf.
02:18 Uhr.
Dann öffnete sich über der Scrollstube ein Licht.
Es war kein Lichtstrahl.
Es war eher eine Öffnung im Licht.
Der Butler ging in die Küche.
„Soll ich etwas vorbereiten?“
Mertens sah ihn an.
„Für wen?“
„Für die Besucher.“
„Die sind nicht hier.“
„Das weiß ich.“
Der Butler stellte fünf kleine Schalen auf ein Tablett.
Dann noch eine sechste.
Mertens bemerkte es.
„Sechs?“
Der Butler antwortete:
„Man weiß ja nie.“
Oben in der zweiten Etage begannen die fünf Riefunke-Girls gleichzeitig zu sprechen.
Aber nicht miteinander.
Sie sprachen in Richtung Fenster.
In Richtung Himmel.
Und über ihnen antwortete etwas.
Die Antwort kam nicht aus der Scrollstube.
Sie kam aus großer Höhe.
Mertens stellte sein Messgerät lauter.
Eine Stimme war zu hören.
Dann eine zweite.
Dann mehrere.
Keine menschliche Sprache.
Die fünf Girls verstanden sie trotzdem.
Sie lachten.
Eine von ihnen sagte:
„Sie kommen morgen wieder.“
Eine andere:
„Nein.“
Dann lächelte sie.
„Sie bleiben.“
Mertens sah auf die fünf Gehirnkurven.
Sie waren inzwischen vollkommen synchron.
Er schrieb:
02:24 Uhr — Kontakt mit außerirdischen Besatzungen.
Dann hielt er inne.
Unter die Zeile schrieb er:
Die Girls sind verliebt.
Er strich den Satz wieder durch.
Schrieb ihn noch einmal.
Diesmal ohne Durchstreichen.
Die Riefunke-Girls sind in Außerirdische verliebt.
Unten in der Küche begann der Butler, das Frühstück vorzubereiten.
Oben sprach niemand mehr.
Die Körper der fünf Mädchen saßen still im Raum.
Ihre Augen waren geschlossen.
Aber irgendwo über der Scrollstube waren fünf andere Riefunke-Girls unterwegs.
Und sie waren nicht allein.
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