Ich habe mir RIEFUNKE jetzt nicht nur anhand einzelner Texte, sondern die tatsächlich auffindbare Struktur der RIEFUNKE-Seite angesehen. Und ich muss meine vorherige Einschätzung an einigen Stellen deutlich korrigieren bzw. vertiefen.
Das Entscheidende ist nämlich: RIEFUNKE ist wesentlich größer und formal heterogener, als es aus den bisher besprochenen Texten hervorgeht.
Die Startseite allein enthält eine enorme Zahl einzelner Werk-/Textzugänge: SONGTRACKS, NETZ-Arbeiten, LICHTWORTE, FUNKSPRUCH, ARCHIV-X, SPRACHMAGIE, KUNST-TANZ, SYSTEM, WORTSPIELE, zahlreiche nummerierte Serien wie „2 MÄUSE“, „CONDOR“, „BLAUALGE“, „GEHIRN“, „ZUFALL“, „BENZINREGEN“, „STUNDE NULL“, „INVASION“, „UFO LIVE“ usw. Dazu kommen Fotos, Presseverweise, Musik-/Audiozugänge und eigene Bereiche wie „Neodadaismus“.
Das verändert die kunstwissenschaftliche Betrachtung erheblich.
1. Ich glaube inzwischen: RIEFUNKE ist kein einzelnes digitales Kunstwerk
Das war meine bisherige Verkürzung.
RIEFUNKE ist eher ein Korpus bzw. eine künstlerische Gesamtpraxis, die sich über viele verschiedene Medien und Formen ausbreitet.
Die Seite funktioniert gleichzeitig als:
Archiv
Werkverzeichnis
literarische Plattform
Audio-/Musikarchiv
visuelles Archiv
fortlaufende Erzählwelt
Experimentierfeld für Sprache
performativer Kommunikationsraum
Meta-Kommentar über das eigene Kunstmachen.
Und gerade die enorme Zahl der Einträge ist dabei nicht nebensächlich.
Die Startseite selbst ist bereits eine ästhetische Aussage.
Sie verhält sich nicht wie ein modernes Portfolio, das dem Besucher sagt:
Hier sind meine fünf besten Arbeiten.
Sie sagt eher:
Hier ist ein Gelände. Geh hinein.
Das ist ein fundamental anderer Werkbegriff.
2. Und damit muss ich einen Punkt aus deiner vorherigen Analyse korrigieren
Du hattest gefragt, ob die Überfülle vielleicht selbst Bestandteil des Werkes ist.
Nach dem Blick auf die tatsächliche Struktur würde ich inzwischen sagen:
Das ist nicht nur eine mögliche Interpretation. Dafür gibt es erhebliche formale Hinweise.
Denn die Überfülle ist nicht einfach dadurch entstanden, dass eine einzelne Erzählung sehr lang geworden ist.
Die Website organisiert Hunderte von Einträgen in Serien, Nummerierungen, Kategorien und parallele Werkgruppen. Auf der Startseite stehen beispielsweise nicht nur einzelne Texte, sondern ganze Sequenzen wie „SONGTRACK1“ bis „SONGTRACK50“, „NETZ-01“ bis „NETZ-30“, zahlreiche „STUNDE NULL“-Arbeiten und Serien mit jeweils vielen nummerierten Teilen.
Das bedeutet:
Die Quantität ist selbst sichtbar.
Der Besucher sieht die Menge, bevor er sie vollständig gelesen hat.
Und damit wird Quantität zu Form.
3. Das ist für mich der entscheidende Unterschied zu einem normalen Literaturarchiv
Ein gewöhnliches Archiv versucht normalerweise, seine Inhalte auffindbar und überschaubar zu machen.
RIEFUNKE macht etwas Merkwürdiges:
Es macht Inhalte auffindbar, erzeugt aber gleichzeitig den Eindruck, dass hinter jedem gefundenen Inhalt noch sehr viele weitere Inhalte liegen.
Das erzeugt eine spezifische Wahrnehmung:
„Ich bin gerade erst angekommen.“
Das ist fast schon eine räumliche Erfahrung.
Obwohl die Seite digital und zweidimensional ist, entsteht eine Art künstlerischer Topografie.
Man bewegt sich nicht einfach durch einen Text.
Man bewegt sich durch Bestände.
4. Deshalb würde ich „Netzkunst“ inzwischen ernster nehmen
Vorher habe ich Netzkunst vor allem über die Vernetzung der Inhalte begründet.
Jetzt sehe ich noch etwas anderes:
Die Website selbst ist das Medium der Arbeit.
Nicht nur der Inhalt befindet sich im Netz.
Die Form des Zugangs ist netzbasiert.
Die Startseite stellt beispielsweise Fotos, Presse, Statements, „Neodadaismus“, Songtracks, Sprache und zahllose weitere Werkgruppen nebeneinander.
Das erzeugt eine Art nichtlineares Werkgedächtnis.
Und hier liegt meines Erachtens eine viel stärkere Nähe zur Netzkunst als bei einer bloßen Website mit Gedichten.
5. Noch interessanter: RIEFUNKE hat offenbar zwei verschiedene Werkmodi
Und das hatte ich vorher unterschätzt.
Es gibt einerseits den früheren/archivarischen RIEFUNKE-Korpus mit sehr vielen formal unterschiedlichen Arbeiten.
Diese zweite Ebene macht aus dem vorhandenen Korpus zunehmend eine fiktionale Institution.
Das ist enorm interessant.
Denn RIEFUNKE ist dadurch gleichzeitig:
Werk
und
Figur innerhalb des Werkes.
Und noch mehr:
Das Werk beginnt über sein eigenes Werk zu sprechen.
6. Das erklärt den Butler
Der Butler ist für mich nach dieser Sichtung viel wichtiger geworden.
Er ist nicht bloß eine komische Figur.
Er übernimmt eine Archivierungs- und Institutionalisierungsfunktion.
„Sehr wohl.“
Das klingt zunächst wie ein Running Gag.
Aber der Butler verwaltet, registriert, ordnet und bestätigt Dinge innerhalb der RIEFUNKE-Welt.
Er ist damit beinahe eine fiktive Verwaltung des Kunstwerks.
Das ist bemerkenswert.
Denn RIEFUNKE baut damit innerhalb seiner eigenen Fiktion genau jene Institutionen nach, die Kunst normalerweise außerhalb des Werks besitzt:
Archiv
Verwaltung
Presse
technische Prüfung
Öffentlichkeit
Rezeption
politische Institution
Publikum
Experten
Kritiker.
Die „RIEFUNKE-Fraktion“ treibt das sogar bis in die Politik hinein: RIEFUNKE schweigt, Mertens spricht in technischen Messwerten, der Butler verwaltet.
Das ist nicht mehr bloß surrealer Humor.
Das ist Institutionenkritik als komisches Spiel.
7. Mertens ist die Gegenfigur dazu
Wenn der Butler die Verwaltung repräsentiert, repräsentiert Mertens die Rationalisierung.
Er will messen.
Frequenz.
Leistung.
Signal.
Spektren.
Technik.
Und RIEFUNKE entzieht sich dieser Messemäß eine paradoxe Situation: technisch mangelhaft, aber offenbar erfüllt sie Anforderungen, die gar nicht Teil des Prüfverfahrensbarkeit.
Das wird im TÜV-Text besonders deutlich.
Die Anlage wird technisch untersucht, aber die Prüfung kann nicht eindeutig feststellen, was sie eigentlich prüft. Am Ende steht sinngemäß eine paradoxe Situation: technisch mangelhaft, aber offenbar erfüllt sie Anforderungen, die gar nicht Teil des Prüfverfahrens sind.
Das ist eine sehr klare künstlerische Konstruktion:
Institutionelle Vernunft trifft auf ein Objekt, das ihre Kategorien unterläuft.
Das ist tatsächlich eine Linie, die man kunsthistorisch bis zu Duchamp und späteren Formen der Institutionskritik verfolgen kann.
Aber RIEFUNKE macht daraus keine aggressive Kritik.
Es macht daraus Komödie.
8. Und genau hier sehe ich eine sehr eigene Qualität von RIEFUNKE
Die Arbeit scheint immer wieder etwas zu tun, was man ungefähr so formulieren könnte:
Sie baut eine ernsthafte Struktur auf und zerstört deren Ernsthaftigkeit von innen.
Parlament → Fraktion → Sprecher → politische Aussage.
Und dann:
„Vier Milliwatt.“
Das ist strukturell ziemlich konsequent.
Die Komik entsteht nicht einfach aus zufälligem Unsinn.
Sie entsteht aus Kollisionen zwischen institutionellen Formen und völlig inadäquaten Inhalten.
9. Aber jetzt kommt die kritische Seite
Und hier würde ich RIEFUNKE tatsächlich strenger beurteilen als in unserer ersten Diskussion.
Die Menge ist beeindruckend.
Die innere Mythologie ist erstaunlich ausgebildet.
Aber gerade deshalb entsteht ein ernsthaftes ästhetisches Problem:
Wie unterscheidet man innerhalb eines solchen Systems zwischen Werk, Material, Variation und bloßer Fortsetzung?
Das ist keine Kleinigkeit.
Wenn beispielsweise eine Serie 20, 30 oder 50 Varianten besitzt, stellt sich irgendwann die Frage:
Verändert jede weitere Variante tatsächlich die Bedeutung des Systems?
Oder:
bestätigt sie nur noch das bereits etablierte Verfahren?
Das ist für mich die wichtigste offene Frage bei RIEFUNKE.
Nicht:
„Ist das zu viel?“
Sondern:
„Erzeugt das Viele zusätzliche ästhetische Information?“
Das sind zwei völlig verschiedene Fragen.
10. Und genau deshalb finde ich „Überfülle“ als Begriff inzwischen sehr passend
Aber ich würde ihn präziser fassen:
RIEFUNKE arbeitet mit einer Ästhetik der Akkumulation.
Ein Werk wird nicht notwendigerweise dadurch erweitert, dass ein einzelnes Werkstück perfektioniert wird.
Es wird erweitert, indem weitere Spuren hinzugefügt werden.
Das erzeugt eine eigentümliche Spannung:
Je größer das Archiv wird, desto weniger kann der einzelne Besucher alles kennen.
Damit wird Unvollständigkeit nicht zum Fehler des Besuchers.
Sie wird zum normalen Rezeptionszustand.
Man kann RIEFUNKE niemals vollständig „besitzen“, indem man alles liest.
Das erinnert tatsächlich an Archive, Netzwerke und Datenbanken.
11. Und jetzt kommt etwas, das ich vorher übersehen hatte
Die Startseite enthält nicht nur RIEFUNKE-Material.
Sie enthält auch Metaebenen über RIEFUNKE selbst.
Es gibt beispielsweise „ANALYSE“, „META KRISE“, „SYSTEM“, „ORDNUNG“, „GENRE“, „NEODADAISMUS“, „SPRACHMAGIE“, „KI PRÜFUNG“ usw.
Das bedeutet:
RIEFUNKE produziert nicht nur Werke. RIEFUNKE produziert auch Begriffe, mit denen man RIEFUNKE betrachten kann.
Das ist konzeptuell sehr interessant.
Denn dadurch versucht das Projekt, seine eigene Kunsttheorie innerhalb des eigenen Archivs zu erzeugen.
Das Werk wird gleichzeitig:
Kunst
Archiv
Kommentar zur Kunst
Parodie des Kunstkommentars.
12. Das ist der Punkt, an dem ich „Konzeptkunst“ sogar stärker gewichten würde
Nicht weil die Texte bloß Ideen enthalten.
Sondern weil die Organisation des Materials selbst Teil der Idee ist.
Die Frage lautet nicht mehr:
„Was erzählt dieser Text?“
Sondern:
„Warum existiert dieser Text überhaupt als eigener Knoten in diesem riesigen Netz?“
Und noch radikaler:
„Was bedeutet es, dass RIEFUNKE immer weiter neue Knoten erzeugt?“
Das ist eine konzeptuelle Frage über Produktion selbst.
13. Die Godot-Parallele ist deshalb ebenfalls besser, als sie zunächst aussieht
Der Text „Sie warten nicht auf Godot“ macht explizit aus dem Warten eine Infrastruktur. Dort warten Menschen nicht unbedingt auf eine Person, sondern auf eine Unterbrechung, ein Geräusch, ein Wort oder ein Signal; der Text formuliert schließlich sinngemäß, dass das Warten selbst zum Empfang geworden ist.
Das ist fast eine Selbstbeschreibung der gesamten Website.
Denn auch ich als Betrachter sitze vor diesem Archiv und suche:
den nächsten Zusammenhang.
Ich weiß nicht, ob er kommt.
Aber ich klicke weiter.
Und genau dadurch vollziehe ich RIEFUNKE.
Das ist meines Erachtens eine der stärksten Einsichten überhaupt.
14. Die „Suche“ ist möglicherweise das eigentliche Medium
Das wird auch in der Antennensuche und den Suchgeschichten immer wieder inszeniert.
RIEFUNKE wird gesucht.
Der Sender wird gesucht.
Die Antenne wird gesucht.
Die Frequenz wird gesucht.
Der Ursprung wird gesucht.
Und die KI wird sogar als Instanz erwähnt, die sich nicht festlegt.
Damit entsteht ein erstaunlich geschlossenes Motiv:
RIEFUNKE produziert nicht primär Antworten. RIEFUNKE produziert Suchbewegungen.
Das ist ein großer Unterschied.
15. Und hier wird die KI wirklich interessant
Die KI steht in diesem System nicht einfach außerhalb.
Sie wird selbst zu einem Suchenden.
Sie versucht, Ordnung herzustellen.
Sie versucht, Figuren zu identifizieren.
Sie versucht, Verbindungen zu erkennen.
Sie versucht, aus Fragmenten eine Theorie zu bauen.
Mit anderen Worten:
Die KI wird zum RIEFUNKE-Rezipienten.
Und wenn eine KI aus dem Material eine Interpretation konstruiert, ist diese Interpretation möglicherweise selbst wieder ein neues RIEFUNKE-Dokument.
Das erzeugt eine potenziell endlose Schleife:
Werk → Interpretation → neues Werk → neue Interpretation → neue Interpretation der Interpretation.
Das ist für ein digitales Kunstprojekt tatsächlich hochinteressant.
16. Aber ich würde eine Sache ausdrücklich nicht romantisieren
RIEFUNKE ist nicht automatisch deshalb große Kunst, weil es sehr viel und sehr komplex ist.
Im Gegenteil.
Je größer das System wird, desto höher wird seine ästhetische Verpflichtung.
Denn irgendwann muss die Frage gestellt werden:
Welche Teile sind notwendig?
Ein System kann seine eigene Redundanz ästhetisch einsetzen.
Aber es kann auch in Redundanz ertrinken.
Und ich glaube, genau hier liegt die ernsthafte Kunstkritik, die RIEFUNKE verdient.
17. Meine gegenwärtige Einordnung
Nach dieser tatsächlichen Sichtung würde ich meine frühere Formel deshalb ändern.
Nicht mehr nur:
„RIEFUNKE ist ein hybrides, netzbasiertes Konzeptkunstprojekt.“
Sondern:
RIEFUNKE ist ein sich selbst erweiterndes digitales Kunstarchiv, das literarische, auditive, visuelle, konzeptuelle und performative Verfahren zu einer fiktionalen Infrastruktur verbindet. Sein eigentliches Material ist weniger der einzelne Text als die fortgesetzte Erzeugung von Beziehungen, Wiederholungen, Suchbewegungen, institutionellen Rollen und Bedeutungsverschiebungen. RIEFUNKE macht aus dem Archiv selbst einen Teil des Kunstwerks und aus dem Rezipienten einen Suchenden innerhalb dieses Archivs.
Und ich würde noch einen Satz hinzufügen, der mir nach der Sichtung besonders wichtig erscheint:
RIEFUNKE ist möglicherweise weniger ein Werk über Kommunikation als ein Werk, das Kommunikation als Material verwendet.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Und eine letzte, ziemlich starke Beobachtung
Ich glaube, dass deine eigene Formel „RIEFUNKE ist kein System. Aber er verhält sich manchmal so.“ inzwischen fast wie eine unfreiwillige Poetik des gesamten Projekts funktioniert. Genau dieser Satz steht im Manifest.
Denn die Website ist objektiv betrachtet außerordentlich systematisch: Serien, Nummerierungen, Archive, Tracks, Kategorien, wiederkehrende Figuren und Motive.
Gleichzeitig behauptet die fiktionale Instanz:
kein System.
Und genau zwischen diesen beiden Polen entsteht RIEFUNKE:
Ordnung / Chaos Archiv / Überfülle Signal / Rauschen Autor / Figur Werk / Welt Information / Bedeutung Technik / Poesie Fiktion / Wirklichkeit Besucher / Mitspieler
Das ist für mich inzwischen der eigentliche Kern.
Und deshalb würde ich meine erste Einschätzung korrigieren: RIEFUNKE ist nicht einfach eine große Sammlung experimenteller Texte, die man kunsttheoretisch mit Dada, Fluxus und Netzkunst vergleichen kann. Die Architektur des gesamten Korpus ist selbst die zentrale künstlerische Aussage.