Dr. Konrad Wellenberg kommt zur Scrollstube
Mertens hatte lange gesucht.
Sehr lange.
Er hatte Stellenanzeigen gelesen, Bewerbungen sortiert und Lebensläufe studiert. Dabei war ihm etwas aufgefallen:
Die meisten Bewerber waren viel zu neugierig.
Einige hatten bereits von RIEFUNKE gehört.
Andere kannten die Wäscheklammerkinder.
Ein Bewerber hatte sogar behauptet, er könne paranormale Signale mit seinem linken Ohr empfangen.
Mertens legte die Bewerbung zur Seite.
„Unbrauchbar.“
Er wollte jemanden, der noch nichts wusste.
Jemanden, der frisch von der Universität kam.
Jemanden ohne Vorgeschichte.
Jemanden, der bei dem Wort „RIEFUNKE“ nicht sofort irgendeine persönliche Theorie entwickelte.
Und so fand Mertens schließlich Dr. Konrad Wellenberg.
Frisch von der Universität.
Psychologe.
Seriös.
Unvoreingenommen.
Und – was Mertens besonders gefiel – ausgesprochen höflich.
Dr. Wellenberg erschien an einem Dienstagmorgen vor der Scrollstube.
Er trug einen dunklen Mantel, hatte eine schmale Ledermappe unter dem Arm und sah aus, als hätte er gerade eine wissenschaftliche Tagung verlassen.
Der Türsteher musterte ihn.
„Name?“
„Dr. Konrad Wellenberg.“
„Beruf?“
„Psychologe.“
Der Türsteher sah ihn einige Sekunden an.
„Sind Sie sicher?“
„Ja.“
„Dann kommen Sie rein.“
Der Butler öffnete die Tür.
„Sehr wohl.“
Wellenberg betrat die Scrollstube.
Er sah sich um.
Er sah den Butler.
Er sah den Türsteher.
Er sah Mertens.
Und er sah nichts Ungewöhnliches.
Noch nicht.
Mertens ging auf ihn zu.
„Dr. Wellenberg?“
„Ja.“
„Mertens.“
„Freut mich.“
Sie gaben sich die Hand.
Mertens betrachtete ihn kurz.
„Sie wissen, weshalb Sie hier sind?“
„Wegen der ausgeschriebenen Stelle.“
„Und was wissen Sie über RIEFUNKE?“
Wellenberg öffnete seine Ledermappe.
„Sehr wenig.“
Mertens lächelte.
„Ausgezeichnet.“
Wellenberg bekam zunächst eine Führung.
Die Scrollstube.
Die technischen Räume.
Die Messgeräte.
Die Kommunikationsanlagen.
Die Räume, in denen Mertens bereits zahlreiche unerklärliche Vorgänge dokumentiert hatte.
Wellenberg machte sich Notizen.
Sehr ordentliche Notizen.
Er stellte Fragen.
Sehr vernünftige Fragen.
„Wie häufig treten die Phänomene auf?“
„Unterschiedlich.“
„Sind sie reproduzierbar?“
„Manchmal.“
„Gibt es eine Kontrollgruppe?“
Mertens schwieg.
„Nein.“
Wellenberg schrieb etwas auf.
„Das dachte ich mir.“
Der Türsteher hörte das Gespräch mit.
„Der ist gut.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Dann erklärte Mertens das neue Projekt.
„RIEFUNKE-TV.“
Wellenberg sah auf.
„Ein Fernsehsender?“
„Ja.“
„Für wen?“
„Für besonders sensible Tiketaketoker.“
Wellenberg schrieb.
Dann hielt er inne.
„Sie meinen das ernst?“
„Vollkommen.“
Wellenberg nickte langsam.
„Und was wird gesendet?“
Mertens antwortete:
„Paranormale Bilder.“
„Auf einem normalen Bildschirm?“
„Nein.“
„Auf welchem dann?“
Mertens sah ihn an.
„Das wissen wir noch nicht.“
Wellenberg schrieb weiter.
Dann sagte er:
„Interessant.“
Mertens lächelte.
„Sie sagen erstaunlich oft ‚interessant‘.“
„Das ist eine berufliche Gewohnheit.“
Am Nachmittag wurde Wellenberg erstmals den acht Wäscheklammerkinder vorgestellt.
Sie saßen gemeinsam im Kinderzimmer.
Acht Wäscheklammerkinder.
Acht völlig ernste Gesichter.
Wellenberg setzte sich ihnen gegenüber.
„Guten Tag.“
Die acht sahen ihn an.
„Sind Sie der Psychologe?“
„Ja.“
„Sind Sie wirklich Doktor?“
„Ja.“
„Also ein echter?“
„Ein echter.“
Das schien die Kinder zu überzeugen.
Eines der Wäscheklammerkinder sagte:
„Wir gründen RIEFUNKE-TV.“
Wellenberg nickte.
„Das habe ich gehört.“
„Und Sie helfen Mertens?“
„Ja.“
„Warum?“
Wellenberg dachte kurz nach.
„Weil ich verstehen möchte, was hier passiert.“
Die acht Wäscheklammerkinder sahen sich an.
Dann sagte eines:
„Das wollen alle.“
„Und?“
„Bisher hat es keiner geschafft.“
Wellenberg lächelte.
„Dann habe ich ja ein interessantes Forschungsgebiet.“
Am Abend saß Wellenberg gemeinsam mit Mertens vor den ersten Messgeräten.
Der Versuch war denkbar einfach.
Ein Tiketaketoker sollte versuchen, RIEFUNKE-TV zu empfangen.
Mertens beobachtete die technischen Anzeigen.
Wellenberg beobachtete den Tiketaketoker.
Der Tiketaketoker schloss die Augen.
„Ich sehe etwas.“
Mertens beugte sich über das Gerät.
„Was?“
„Ein Zimmer.“
Wellenberg schrieb.
„Was befindet sich darin?“
„Ein Tisch.“
Wellenberg schrieb weiter.
„Und auf dem Tisch?“
Der Tiketaketoker wurde nervös.
„Eine Wäscheklammer.“
Mertens sah Wellenberg an.
Wellenberg sah Mertens an.
Dann sagte der Tiketaketoker:
„Moment.“
Er öffnete die Augen.
„Da ist noch jemand.“
„Wer?“, fragte Mertens.
Der Tiketaketoker flüsterte:
„Ein Mann.“
Wellenberg nahm den Stift vom Papier.
„Wie sieht er aus?“
Der Tiketaketoker antwortete:
„Wie ein Psychologe.“
Wellenberg erstarrte.
Mertens ebenfalls.
„Was?“, fragte Wellenberg.
Der Tiketaketoker zeigte auf ihn.
„Genau so.“
Stille.
Mertens blickte langsam auf das Messgerät.
Es zeigte plötzlich einen Ausschlag.
Wellenberg sagte nichts.
Dann erschien auf dem Monitor ein einziges Wort:
KRRRRT
Der Türsteher kam herein.
„Was war das?“
Mertens antwortete nicht.
Der Butler erschien hinter ihm.
„Sehr wohl.“
Wellenberg blickte auf den Monitor.
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft in der Scrollstube machte er keine Notiz.
Er sagte nur:
„Das war ich.“
Mertens sah ihn an.
„Was?“
Wellenberg deutete auf den Bildschirm.
„Ich glaube, RIEFUNKE-TV hat gerade mich übertragen.“
Die acht Wäscheklammerkinder saßen inzwischen im Türrahmen.
Eines flüsterte:
„Jetzt ist er drin.“
Das zweite sagte:
„Im Fernsehen.“
Das dritte:
„Obwohl er gar nicht da ist.“
Das vierte:
„Das wird den Tiketaketokern gefallen.“
Und damit begann die eigentliche Arbeit von Dr. Konrad Wellenberg.
Er sollte RIEFUNKE-TV wissenschaftlich begleiten.
Er sollte die Reaktionen der Tiketaketoker untersuchen.
Er sollte Mertens helfen, zwischen Wahrnehmung, Erwartung und paranormaler Übertragung zu unterscheiden.
Und vor allem sollte er unvoreingenommen bleiben.
Das war zumindest der Plan.
Denn am nächsten Morgen fand Wellenberg auf seinem Schreibtisch einen Zettel.
Darauf stand:
RIEFUNKE-TV
SENDUNG 2
DR. WELLENBERG WIRD ZUSCHAUEN.
Darunter:
KRRRRT
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