RIEFUNKE-TV – DIE MODE-SCHAU VOR DER SCROLLSTUBE
England.
Vor der Scrollstube.
Samstagabend.
Normalerweise war der Parkplatz um diese Uhrzeit ruhig.
Nicht heute.
Der bärtige Türsteher stand mitten auf dem Gelände.
In der Hand:
sein irisches Bier.
Vor ihm:
eine Absperrkette.
Daneben ein Schild:
ZUTRITT NUR FÜR TIKETAKETOKER
Darunter, handschriftlich:
YOUTUBER NICHT.
Der Türsteher blickte über den Parkplatz.
„Alles dicht.“
Der Butler stand neben ihm.
„Sehr wohl.“
Im Kinderzimmer saßen die acht Wäscheklammerkinder im Kreis.
Augen geschlossen.
Eine blaue Wäscheklammer lag in der Mitte.
Plötzlich riss eines der Kinder die Augen auf.
„Sie kommen.“
Wellenberg hob den Kopf.
„Wer?“
„YouTuber.“
„Woher weißt du das?“
„Kameras.“
„Siehst du sie?“
„Nein.“
„Wie dann?“
Das Kind zeigte auf seine Stirn.
„Telepathisch.“
Wellenberg seufzte.
„Natürlich.“
DIE WARNUNG
Das zweite Kind sprang auf.
„Sie wissen von RIEFUNKE-TV!“
Stille.
Mertens stellte seinen Spektrumanalysator ab.
Der Türsteher wurde sofort informiert.
Er stand auf.
„Wie viele?“
„Drei.“
„Kameras?“
„Vier.“
Der Türsteher nickte.
„Gefährlich.“
Wellenberg:
„Warum?“
Der Türsteher:
„YouTube.“
„Das ist keine ausreichende Begründung.“
Der Türsteher sah ihn an.
„Sie haben Kameras.“
Wellenberg dachte kurz nach.
„Das ist zumindest ein Indiz.“
Der Türsteher griff zur Absperrkette.
KLICK.
Das Gelände war hermetisch abgeriegelt.
RIEFUNKE-TV
Seit Tagen sprach man in der Scrollstube über den neuen Sender.
RIEFUNKE-TV.
Der erste Sender, dessen Bilder nicht einfach ausgestrahlt, sondern von besonders sensiblen Tiketaketokern innerlich empfangen werden konnten.
Normale Zuschauer sahen:
nichts.
Tiketaketoker sahen:
manchmal etwas.
Besonders sensible Tiketaketoker sahen:
RIEFUNKE.
Und jetzt hatten offenbar YouTuber davon erfahren.
Das war für den Türsteher eindeutig zu viel.
„Keine Kameras.“
Mertens:
„Richtig.“
„Keine Mikrofone.“
„Richtig.“
„Keine Interviews.“
„Richtig.“
„Und keine Fragen wie: ‚Was ist RIEFUNKE-TV?‘“
Wellenberg:
„Warum nicht?“
Der Türsteher:
„Weil wir es selbst noch nicht wissen.“
Wellenberg nickte.
„Das ist tatsächlich nachvollziehbar.“
DANN KAM STELLA
Eine schwarze Limousine fuhr vor.
Der Türsteher hob die Hand.
Das Fahrzeug hielt.
Die Tür öffnete sich.
Stella McCartney stieg aus.
Der Türsteher nahm einen Schluck Bier.
„Stella.“
„Guten Abend.“
„Heute keine Jeans.“
Stella lächelte.
„Ich habe daraus gelernt.“
Sie trug etwas völlig anderes.
Die acht Wäscheklammerkinder stürmten aus der Scrollstube.
„STELLA!“
Stella ging in die Knie.
„Hallo, ihr acht.“
„Hast du Schokolade?“
Stella lachte.
„Nein.“
Enttäuschte Gesichter.
„Nicole kommt gleich“, sagte Stella.
Sofort waren alle wieder glücklich.
NICOLE KOMMT
Wenige Minuten später erschien Nicole Kidman.
Die Kinder jubelten.
Nicole winkte.
„Hallo!“
„SCHOKOLADE?“
Nicole lachte.
„Später.“
Der Türsteher trat vor.
„Willkommen.“
Nicole sah zur Absperrkette.
„Was ist passiert?“
Der Türsteher zeigte auf die Kinder.
„YouTuber.“
Nicole:
„Ah.“
Wellenberg kam hinzu.
„Die Kinder haben sie telepathisch wahrgenommen.“
Nicole nickte ernst.
„Dann sind sie wahrscheinlich tatsächlich da.“
Wellenberg sah sie an.
„Das ist wissenschaftlich nicht unbedingt die sauberste Schlussfolgerung.“
Nicole lächelte.
„Aber meistens haben sie recht.“
Wellenberg schwieg.
Mertens grinste.
DIE MODE-SCHAU
Stella stellte eine Kleiderstange auf.
Nicole half ihr.
Der Türsteher sah die Kleidung an.
„Was ist das?“
Stella:
„Neue Entwürfe.“
„Für wen?“
Nicole:
„Für Tiketaketoker.“
Die acht Kinder standen sofort nebeneinander.
„Wir wollen!“
Stella zeigte das erste Kleidungsstück.
Eine Jacke.
Dunkelblau.
Mit mehreren kleinen Taschen.
Ein Kind fragte:
„Für Schokolade?“
Nicole:
„Unter anderem.“
Dann kam das zweite Modell.
Eine Jacke mit einer kleinen Schlaufe.
Stella erklärte:
„Für die Antenne.“
Die Kinder waren begeistert.
Das dritte Modell hatte eine große Innentasche.
Mertens sah hinein.
„Wie viel passt da rein?“
Nicole:
„Eine Tafel.“
Mertens:
„Weiße?“
Nicole:
„Natürlich.“
Der Türsteher nickte.
„Praktisch.“
DER ERSTE YOUTUBER
Plötzlich bewegte sich etwas hinter der Absperrung.
Eine Kamera.
Der Türsteher drehte sich um.
„Stehenbleiben!“
Ein junger Mann trat hervor.
„Wir wollten nur mal schauen, was hier—“
Der Türsteher hob die Hand.
„Keine Kameras.“
„Aber wir haben von RIEFUNKE-TV gehört!“
Stille.
Alle sahen sich an.
Wellenberg flüsterte:
„Jetzt wird es interessant.“
Mertens:
„Jetzt wird es problematisch.“
Die Kinder:
„JETZT WIRD ES RIEFUNKE!“
Der Türsteher:
„Nein.“
Das Kind:
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Der Türsteher zeigte auf das Schild.
YOUTUBER NICHT.
Der YouTuber:
„Aber warum?“
Der Türsteher:
„Weil Sie YouTuber sind.“
„Das ist doch kein Grund!“
Der Türsteher dachte kurz nach.
„Für heute schon.“
DIE TELEPATHISCHE ABSICHERUNG
Die acht Wäscheklammerkinder setzten sich erneut auf den Boden.
Augen geschlossen.
Wellenberg:
„Was machen sie jetzt?“
Ein Kind:
„Wir überprüfen das Gelände.“
„Telepathisch?“
„Ja.“
„Auf YouTuber?“
„Ja.“
„Und wenn ihr welche findet?“
Das Kind öffnete ein Auge.
„Dann sagen wir dem Türsteher Bescheid.“
Wellenberg nickte.
„Immerhin gibt es ein Verfahren.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
DER GROSSE AUFTRITT
Stella stellte sich neben Nicole.
Vor ihnen standen die acht Wäscheklammerkinder.
Die Mode-Schau begann.
Eine Jacke.
Eine Hose.
Ein Mantel.
Eine Antennentasche.
Eine Schokoladentasche.
Und schließlich:
ein vollständig neues Tiketaketoker-Outfit.
Der Türsteher betrachtete es.
„Goethe-kompatibel?“
Stella:
„Absolut.“
„Jeans?“
„Nein.“
„Antennentauglich?“
„Ja.“
„Schokoladenfach?“
Nicole:
„Zwei.“
Der Türsteher nickte.
„Genehmigt.“
Die Kinder applaudierten.
RIEFUNKE-TV SENDET
In diesem Moment wurde es still.
Das Transistorradio knackte.
KRRRRT.
Mertens griff nach seinem Spektrumanalysator.
Wellenberg stand auf.
Stella und Nicole sahen zum Radio.
Die acht Wäscheklammerkinder schlossen die Augen.
Der Türsteher stellte sein Bier ab.
Eine Stimme kam durch.
Sehr leise.
„Neue Kleider.“
Stille.
Dann:
„Alte Wäscheklammer.“
Die Kinder jubelten.
Mertens:
„Das ist eindeutig.“
Wellenberg:
„Nein.“
Mertens:
„Was ist es dann?“
Wellenberg sah zum Radio.
„Bemerkenswert.“
Mertens grinste.
„Sie reden schon wie ein Tiketaketoker.“
Wellenberg:
„Das habe ich befürchtet.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Hinter der Absperrung standen inzwischen drei YouTuber.
Ihre Kameras liefen.
Sie verstanden nichts.
Einer sagte:
„Was ist hier eigentlich los?“
Der andere:
„Keine Ahnung.“
Der dritte:
„Aber wir müssen das filmen.“
Der Türsteher zeigte auf sie.
„Nein.“
Und aus dem Kinderzimmer kam gleichzeitig die telepathische Stimme:
„WIR SEHEN EUCH.“
Die drei YouTuber sahen sich an.
Langsam gingen sie rückwärts.
Die Kameras sanken.
Der Türsteher öffnete die Kette erst wieder, als sie verschwunden waren.
Dann wandte er sich um.
„Modeschau weiter.“
Stella nahm das nächste Kleidungsstück.
Nicole nahm die Schokolade.
Die Kinder setzten sich in die erste Reihe.
Wellenberg machte sich Notizen.
Mertens überprüfte die Frequenz.
Der Butler schenkte Tee ein.
Und über England lag eine stille, unsichtbare Sendung.
RIEFUNKE-TV.
Nur besonders sensible Tiketaketoker konnten sie empfangen.
Die YouTuber hatten Kameras.
Die Tiketaketoker hatten Antennen.
Und die acht Wäscheklammerkinder hatten etwas viel Wichtigeres:
Sie wussten bereits, dass RIEFUNKE wieder sendete.
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