RIEFUNKE – DER PSYCHOLOGE HAT AUA
England.
Scrollstube.
Nachmittag.
Es war ein ruhiger Tag.
Ungewöhnlich ruhig.
Der Türsteher saß vor der Tür.
Der Butler bereitete Tee.
Mertens überprüfte irgendein Gerät, das vermutlich einmal wichtig werden würde.
Die acht Wäscheklammerkinder spielten im Kinderzimmer.
Und Wellenberg saß auf einem Stuhl.
Sehr still.
Dann sagte er:
„Aua.“
Niemand reagierte.
Wellenberg wartete.
Dann:
„Aua.“
Das kleinste Wäscheklammerkinder kam herein.
„Was hast du?“
Wellenberg hielt sich die Wange.
„Zahnschmerzen.“
Das Kind riss die Augen auf.
„WELLENBERG HAT AUA!“
Innerhalb von drei Sekunden waren alle acht Kinder da.
„Wo?“
„Zahn.“
„Welcher?“
„Der da.“
Wellenberg zeigte auf seinen Mund.
Die Kinder sahen hinein.
Eines sagte:
„Der sieht gefährlich aus.“
Wellenberg:
„Das ist ein Zahn.“
„Eben.“
DER NOTFALLPLAN
Die Kinder berieten sich.
Mertens kam herein.
„Was ist passiert?“
„Wellenberg hat Zahnschmerzen.“
Mertens nickte.
„Das ist unangenehm.“
Wellenberg:
„Danke.“
Das kleinste Kind:
„Wir brauchen einen Zahnarzt.“
Mertens:
„Ja.“
„Sofort.“
„Ja.“
„Telepathisch.“
Mertens hielt inne.
„Vielleicht lieber telefonisch.“
Die Kinder sahen ihn entsetzt an.
„Nein.“
„Warum?“
„Das dauert.“
Mertens:
„Ein Telefonat dauert normalerweise nicht besonders lange.“
Das Kind:
„Aber RIEFUNKE kann sofort senden.“
Mertens überlegte.
„Auch wieder wahr.“
Wellenberg stöhnte.
„Aua.“
Die Kinder setzten sich sofort in einen Kreis.
DIE ZAHNARZT-MEDITATION
Acht Kinder.
Acht geschlossene Augen.
Eine blaue Wäscheklammer in der Mitte.
Der Butler stellte Tee daneben.
Der Türsteher schloss die Scrollstubentür.
Mertens beobachtete das Ganze.
Wellenberg saß auf dem Stuhl und hielt sich die Wange.
Das kleinste Kind hob beide Hände.
„Bereit?“
Alle nickten.
Dann begannen sie gemeinsam zu flüstern.
Immer lauter.
Immer konzentrierter.
Bis schließlich alle acht gleichzeitig riefen:
„ZAHNARZT KOMM MIT ZANGE ZUR SCROLLSTUBE!“
Pause.
Dann:
„UNSER PSYCHOLOGE HAT AUA!“
Wellenberg schloss die Augen.
„Bitte nicht mit Zange.“
Die Kinder hörten ihn nicht.
Sie waren bereits tief in der Meditation.
„ZAHNARZT KOMM!“
„ZAHNARZT EMPFANGEN!“
„ZAHNARZT MIT ZANGE!“
KRRRRT.
Das Transistorradio knackte.
Alle öffneten die Augen.
Der Türsteher:
„Hat funktioniert.“
Wellenberg:
„Woher wissen Sie das?“
„Radio.“
FÜNFZIG MINUTEN SPÄTER
Ein Fahrzeug hielt vor der Scrollstube.
Eine Tür ging auf.
Ein Mann stieg aus.
Er trug eine schwere Werkzeugkiste.
Die Kinder rannten hinaus.
„ZAHNARZT!“
Der Mann sah sie an.
„Wo ist das Pferd?“
Stille.
Wellenberg kam langsam hinter den Kindern hervor.
„Was?“
Der Mann stellte die Werkzeugkiste ab.
„Ich habe einen Hengst empfangen.“
Mertens:
„Einen Hengst?“
„Ja.“
Der Mann sah sich um.
„Er soll hier beschlagen werden.“
Wellenberg:
„Nein.“
Der Mann:
„Nein?“
„Hier ist kein Pferd.“
Der Mann blickte zur Scrollstube.
Dann zum Parkplatz.
Dann auf seine Werkzeugkiste.
„Aber ich habe eindeutig empfangen: Hengst, Huf, Werkzeug, dringend.“
Die acht Kinder sahen sich an.
Das kleinste sagte:
„Wir wollten einen Zahnarzt.“
Der Mann:
„Ich bin Tierarzt.“
Wellenberg:
„Das erklärt einiges.“
DIE VERWECHSLUNG
Mertens nahm die Werkzeugkiste in Augenschein.
„Was haben Sie dabei?“
Der Tierarzt öffnete sie.
Zangen.
Feilen.
Werkzeug.
Eine kleine Lampe.
Ein Hufmesser.
Wellenberg sah hinein.
„Das ist definitiv kein Zahnarztkoffer.“
Der Tierarzt:
„Für Pferde schon.“
Wellenberg:
„Das ist nicht mein Problem.“
Der Tierarzt:
„Ich wurde gerufen.“
Das kleinste Kind:
„Wir haben gerufen.“
„Ja.“
„Nach einem Zahnarzt.“
„Ich habe einen Hengst empfangen.“
„Warum?“
Der Tierarzt zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht wegen der Zange.“
Wellenberg sah auf seine acht Helfer.
„Ihr habt Zange gesagt?“
Alle nickten.
„Und Hengst?“
Alle schüttelten den Kopf.
Der Tierarzt:
„Vielleicht war das Signal etwas unsauber.“
Mertens:
„Vier Milliwatt.“
Der Tierarzt sah ihn an.
„Bitte?“
„Nichts.“
DIE SUCHE NACH DEM HENGST
Der Tierarzt stellte die Werkzeugkiste ab.
„Dann muss irgendwo ein Pferd sein.“
Der Türsteher:
„Nein.“
„Sind Sie sicher?“
„Ich kenne das Gelände.“
„Haben Sie Stallungen?“
„Nein.“
„Scheune?“
„Nein.“
„Weide?“
„Nein.“
Der Butler:
„Nur die Scrollstube.“
Der Tierarzt sah auf das Gebäude.
„Und die Kinder?“
„Wäscheklammerkinder.“
„Ah.“
Der Tierarzt nickte langsam.
„Natürlich.“
Wellenberg:
„Was bedeutet dieses ‚natürlich‘?“
„Nichts.“
DIE KINDER VERSUCHEN ES NOCH EINMAL
Die acht Wäscheklammerkinder setzten sich erneut hin.
Wellenberg:
„Nein.“
„Wir versuchen es noch einmal.“
„Nein.“
„Diesmal konzentrieren wir uns.“
„Bitte nicht.“
Das kleinste Kind schloss die Augen.
„Zahnarzt.“
Alle:
„Zahnarzt.“
„Mensch.“
Alle:
„Mensch.“
„Zahn.“
Alle:
„Zahn.“
„Nicht Pferd.“
Alle:
„NICHT PFERD.“
Der Tierarzt stand daneben.
„Ich könnte trotzdem kurz nach dem Hengst suchen.“
Der Türsteher:
„Tun Sie das.“
Wellenberg:
„Warum unterstützen Sie das?“
„Sicherheit.“
KRRRRT
Plötzlich knackte das Radio.
Alle schwiegen.
Eine Stimme kam durch.
Sehr leise.
„Aua.“
Wellenberg erstarrte.
„Das war ich.“
Mertens:
„Offensichtlich.“
Dann:
„Zahn.“
Die Kinder jubelten.
Der Tierarzt griff nach seiner Werkzeugkiste.
„Jetzt empfange ich es auch.“
Wellenberg:
„Was?“
Der Tierarzt sah ihn an.
„Einen Zahn.“
„Dann sind Sie jetzt Zahnarzt?“
„Nein.“
Pause.
„Aber ich habe Zangen.“
Wellenberg:
„Das macht mir Sorgen.“
DIE LÖSUNG
Nach weiteren zwanzig Minuten fuhr schließlich ein echter Zahnarzt vor.
Ohne Pferd.
Ohne Hufeisen.
Mit einer kleinen Tasche.
Der Türsteher öffnete die Tür.
„Zahnarzt?“
„Ja.“
„Mensch?“
„Ja.“
„Zahn?“
„Ja.“
„Zange?“
Der Zahnarzt zeigte seine Tasche.
„Natürlich.“
Der Türsteher nickte.
„Einlass.“
Wellenberg wurde behandelt.
Die Kinder warteten draußen.
Der Tierarzt saß daneben.
Mertens schenkte ihm Tee ein.
Der Butler brachte Kekse.
Nach einer Weile kam Wellenberg wieder heraus.
„Und?“, fragten die Kinder.
Wellenberg lächelte.
„Besser.“
Die acht Kinder jubelten.
Der Tierarzt stand auf.
„Dann kann ich wieder fahren.“
Das kleinste Kind:
„Und der Hengst?“
Der Tierarzt sah zum Parkplatz.
„Den habe ich noch nicht gefunden.“
Wellenberg:
„Es gibt keinen Hengst.“
Der Tierarzt:
„Das sagen Sie.“
Dann stieg er in sein Fahrzeug.
Am Abend saßen die acht Wäscheklammerkinder wieder im Kinderzimmer.
Wellenberg kam herein.
„Danke.“
Die Kinder sahen ihn an.
„Wofür?“
„Dass ihr geholfen habt.“
Das kleinste Kind lächelte.
„Wir helfen unseren Leuten.“
Wellenberg setzte sich zu ihnen.
„Aber bitte ruft beim nächsten Mal einen Zahnarzt einfach mit dem Telefon.“
Die Kinder dachten darüber nach.
Dann sagte eines:
„Das wäre doch langweilig.“
Wellenberg musste lachen.
Draußen knackte das Radio.
KRRRRT.
Eine Stimme:
„Hengst gefunden.“
Alle erstarrten.
Der Tierarzt erschien plötzlich wieder in der Tür.
„Wo?“
Der Türsteher zeigte auf das Kinderzimmer.
„Nicht hier.“
Der Tierarzt sah sich um.
„Schade.“
Dann ging er wieder.
Wellenberg sah die Kinder an.
„Ihr habt doch keinen Hengst gerufen, oder?“
Acht Kinder schüttelten gleichzeitig den Kopf.
Das kleinste lächelte.
„Nicht absichtlich.“
KRRRRT.
Der Butler öffnete sein schwarzes Buch.
Und schrieb:
RIEFUNKE-TV – MEDIZINISCHE ABTEILUNG
Zahnarzt: gefunden.
Tierarzt: gefunden.
Hengst: möglicherweise unterwegs.
Wellenberg: Zahn wieder funktionsfähig.
Telepathie: weiterhin nicht zertifiziert.
Darunter stand bereits eine neue Zeile.
Mit blauer Wachsmalstiftfarbe:
„NÄCHSTES MAL BRAUCHEN WIR EINEN AUGENARZT.“
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