RIEFUNKE – DIE SCHOKOLADENFABRIK IM FLUGZEUG
England.
Scrollstube.
Später Nachmittag.
Die acht Wäscheklammerkinder saßen auf dem Teppich im Kinderzimmer.
Vor ihnen:
ein Berg aus Schokoladenpapier.
Weiß.
Silber.
Noch mehr weiß.
Und ganz unten vermutlich ein Stück Teppich.
Dr. Konrad Wellenberg stand vor dem Bett.
Er sah auf den Boden.
Dann unter das Bett.
Dann wieder auf den Boden.
„Was ist das?“
Eines der Kinder antwortete:
„Schokolade.“
„Das sehe ich.“
„Weiße Schokolade.“
Wellenberg nickte.
„Auch das sehe ich.“
Er ging in die Hocke.
Unter dem Bett lagen mindestens fünfzig Schokoladenfolien.
Vielleicht sechzig.
Eine lag sogar hinter dem Kopfkissen.
„Wo kommt das alles her?“
Die Kinder sahen sich an.
Dann sagte das kleinste:
„Nicole.“
Wellenberg richtete sich auf.
„Nicole Kidman?“
Alle acht nickten.
„Sie bringt uns immer welche mit.“
„Wann?“
„Wenn sie nach England kommt.“
„Wie oft kommt sie?“
Stille.
Ein Kind sagte:
„Oft genug.“
Wellenberg schrieb etwas in sein Notizbuch.
„Schokoladenversorgung offenbar regelmäßig.“
In diesem Moment ging draußen die Tür auf.
Der Butler erschien.
„Sehr wohl.“
Hinter ihm kam Nicole Kidman herein.
Die Kinder sprangen sofort auf.
„NICOLE!“
Nicole lachte.
„Hallo, ihr acht.“
Sie stellte eine große Tasche auf den Tisch.
Die Kinder sahen hinein.
Stille.
Dann:
„SCHOKOLADE!“
Nicole:
„Weiße.“
Die acht Kinder jubelten.
Wellenberg beobachtete die Szene.
Nicole verteilte die Tafeln.
Jedes Kind bekam eine.
Dann noch eine.
Und schließlich:
„Die hier ist für später.“
Das kleinste Kind nahm sie ehrfürchtig entgegen.
„Danke, Nicole.“
Nicole lächelte.
„Gern.“
Wellenberg sah auf die leere Tasche.
„Darf ich eine Frage stellen?“
Nicole:
„Natürlich.“
„Wie viel Schokolade bringen Sie eigentlich jedes Mal mit?“
Nicole überlegte.
„Ein bisschen.“
Wellenberg sah auf den Schokoladenberg unter dem Bett.
„Das ist nach meiner Definition nicht mehr unbedingt ein bisschen.“
Nicole lachte.
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Später saßen die Kinder vor der Scrollstube.
Der Türsteher trank sein irisches Bier.
Nicole war inzwischen wieder gegangen.
Eines der Kinder flüsterte:
„Ich weiß, wo die Schokolade herkommt.“
Die anderen rückten näher.
„Wo?“
Das Kind sah sich um.
„Aus dem Flugzeug.“
„Aus dem Gepäck?“
„Nein.“
Pause.
„Aus dem hinteren Bereich.“
Alle wurden still.
„Da ist die Schokoladenfabrik.“
Am nächsten Morgen informierte Wellenberg Mertens.
„Die Kinder glauben, dass Nicole Kidmans Flugzeug im hinteren Bereich eine Schokoladenfabrik besitzt.“
Mertens sah ihn an.
„Besitzt?“
„Oder betreibt.“
Mertens überlegte.
„Wie groß?“
„Das wissen sie nicht.“
„Produktionskapazität?“
„Unbekannt.“
„Energieversorgung?“
Wellenberg sah auf seine Notizen.
„Vermutlich Flugzeugtreibstoff.“
Mertens nickte langsam.
„Könnte funktionieren.“
Wellenberg sah ihn an.
„Sie glauben das nicht wirklich.“
Mertens:
„Nein.“
Pause.
„Aber technisch interessant wäre es.“
Wellenberg seufzte.
Die Kinder hatten inzwischen einen eigenen Plan entwickelt.
Sie wollten Beweise.
Ein Kind zeichnete das Flugzeug.
Vorne:
Cockpit.
Mitte:
Sitze.
Hinten:
SCHOKOLADENFABRIK
Daneben ein Pfeil:
WEISSE SCHOKOLADE
Darunter:
GEHEIM
Wellenberg nahm die Zeichnung.
„Warum sollte die Fabrik geheim sein?“
Das Kind:
„Sonst weiß es jeder.“
„Wer soll es nicht wissen?“
„Die Norm-Tiktoker.“
Wellenberg nickte.
Das schien ihnen völlig logisch.
Am Abend kam Nicole wieder in die Scrollstube.
Die Kinder liefen zu ihr.
„Nicole!“
„Ja?“
„Hast du hinten im Flugzeug eine Schokoladenfabrik?“
Nicole blieb stehen.
Sie sah die Kinder an.
Dann Wellenberg.
Dann Mertens.
Dann den Türsteher.
Der Türsteher nahm einen Schluck Bier.
Nicole begann zu lachen.
„Nein.“
Die Kinder waren enttäuscht.
„Wirklich nicht?“
„Wirklich nicht.“
„Auch keine kleine?“
„Nein.“
„Keine geheime?“
„Nein.“
Ein Kind sah das andere an.
„Dann muss sie woanders sein.“
Wellenberg schloss kurz die Augen.
„Das ist genau die Art von Schlussfolgerung, die ich vermeiden wollte.“
Mertens:
„Sie suchen jetzt weiter.“
Wellenberg:
„Ich weiß.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Nicole setzte sich zu den Kindern.
„Warum mögt ihr mich eigentlich so gern?“
Das kleinste Kind antwortete sofort:
„Wegen der Schokolade.“
Nicole lachte.
„Nur deswegen?“
Das Kind dachte nach.
„Nein.“
„Was noch?“
„Du kommst immer wieder.“
Nicole wurde kurz still.
Dann lächelte sie.
„Das ist schön.“
Eines der Kinder legte die Schokoladentafel neben sich.
„Und wenn du wieder mit deinem Flugzeug kommst?“
„Ja?“
„Bringst du wieder welche mit?“
Nicole:
„Natürlich.“
Die Kinder jubelten.
Wellenberg schrieb nichts.
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft bei RIEFUNKE legte er einfach den Stift weg.
Mertens bemerkte es.
„Keine Notiz?“
Wellenberg schüttelte den Kopf.
„Manchmal muss man etwas nicht wissenschaftlich dokumentieren.“
Mertens nickte.
„Sie werden langsam einer von uns.“
Wellenberg sah ihn an.
„Das würde ich nicht sagen.“
Aus dem Kinderzimmer kam eine Stimme:
„WELLENBERG!“
„Ja?“
„Willst du weiße Schokolade?“
Wellenberg lächelte.
„Gern.“
Die acht Wäscheklammerkinder sahen sich an.
Eines flüsterte:
„Er wird Tiketaketoker.“
Das andere:
„Dauert nicht mehr lange.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Draußen knackte das Transistorradio.
KRRRRT.
Der Türsteher blickte zum Himmel.
Ein Flugzeug zog über England.
Die Kinder rannten zum Fenster.
„NICOLE!“
Wellenberg sah ebenfalls nach oben.
Mertens griff nach dem Spektrumanalysator.
Der Türsteher stellte sein Bier ab.
Der Butler öffnete sein schwarzes Buch.
Und eines der Kinder sagte ganz leise:
„Vielleicht ist die Fabrik heute geöffnet.“
Wellenberg sah zum Himmel.
Dann auf die Schokolade in seiner Hand.
Er schrieb diesmal nur einen einzigen Satz:
„Weitere Untersuchung erforderlich.“
Die acht Kinder jubelten.
RIEFUNKE war wieder einmal einen Schritt weiter.
Oder die Schokoladenfabrik.
Man wusste es nicht.
Noch nicht.
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