RIEFUNKE-TV – DIE ERSTE LIVE-SENDUNG
England.
Samstagabend.
Vor der Scrollstube.
Auf einem Tisch stand ein Fernseher.
Daneben:
ein Transistorradio.
Ein Spektrumanalysator.
Eine blaue Wäscheklammer.
Eine Schale mit weißer Schokolade.
Und acht Wäscheklammerkinder.
Heute sollte etwas Historisches geschehen.
RIEFUNKE-TV ging live.
Wellenberg hatte den Sendeplan erstellt.
Er lag ordentlich auf dem Tisch.
Darauf stand:
20:00 Uhr – Begrüßung
20:05 Uhr – Erklärung von RIEFUNKE-TV
20:15 Uhr – kultureller Beitrag
20:30 Uhr – Ende
Mertens las den Plan.
„Das wird nicht funktionieren.“
Wellenberg sah ihn an.
„Warum?“
„Zu strukturiert.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Der Türsteher kam hinzu.
„Wer darf rein?“
Wellenberg:
„Niemand.“
Der Türsteher nickte zufrieden.
„Sehr gut.“
DIE ACHT HABEN EINE ANDERE IDEE
Das kleinste Wäscheklammerkinder hob die Hand.
„Wir wollen Nicole.“
Wellenberg:
„Nicole ist nicht Teil des Sendeplans.“
„Aber sie soll dabei sein.“
„Warum?“
„Weil sie uns mag.“
Das war schwer zu widerlegen.
Wellenberg strich Nicole kurzerhand in den Sendeplan.
20:07 Uhr – Nicole, möglicherweise
Mertens sah auf das Blatt.
„Was bedeutet möglicherweise?“
„Dass wir nicht wissen, ob sie kommt.“
„Ah.“
„Deshalb möglicherweise.“
Mertens nickte.
„Professionell.“
20:00 UHR
Der Fernseher wurde eingeschaltet.
Schwarz.
Dann Schnee.
Dann ein Bild.
Eine Wäscheklammer.
Groß.
Blau.
Darunter stand:
RIEFUNKE-TV
Der Türsteher sah auf den Bildschirm.
„Läuft.“
Wellenberg:
„Das ist kein reguläres Fernsehsignal.“
Mertens:
„Aber es ist ein Bild.“
Wellenberg:
„Das ist richtig.“
Das Bild verschwand.
Jetzt war Goethe zu sehen.
Auf einer Kutsche.
Mit Rotwein.
Der Türsteher sprang auf.
„Warum ist Goethe im Fernsehen?“
Mertens:
„Keine Ahnung.“
Wellenberg:
„Das stand nicht im Sendeplan.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
DIE TIKETAKETOKER EMPFANGEN
In diesem Moment klingelten mehrere Telefone.
Tiketaketoker meldeten sich.
„Ich empfange RIEFUNKE!“
„Ich auch!“
„Was seht ihr?“
„Goethe.“
„Ich sehe eine Wäscheklammer.“
„Ich sehe Nicole.“
„Ich sehe gar nichts.“
Stille.
Wellenberg sah Mertens an.
„Das ist ein Problem.“
Mertens:
„Oder das Konzept.“
NICOLE
Dann erschien Nicole auf dem Bildschirm.
Sie saß offenbar irgendwo in London.
Sie lächelte.
„Hallo, ihr acht.“
Die Wäscheklammerkinder sprangen auf.
„NICOLE!“
Nicole:
„Ich hoffe, ihr habt Spaß.“
Eines der Kinder rief:
„HAST DU DIE FABRIK DABEI?“
Nicole lachte.
„Welche Fabrik?“
„DIE SCHOKOLADENFABRIK!“
Nicole schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Stella erschien neben ihr.
„Aber wir haben über neue Kleidung gesprochen.“
Die Kinder wurden sofort still.
„Für uns?“
Stella:
„Vielleicht.“
Der Türsteher nickte anerkennend.
„Gute Sendung.“
DANN PASSIERTE ETWAS
Der Bildschirm flackerte.
KRRRRT.
Nicole verschwand.
Stella verschwand.
Goethe erschien.
Dann die Ente.
Dann ein Kornkreis.
Dann ein schwarzer Bildschirm.
Wellenberg stand auf.
„Was passiert hier?“
Mertens sah auf den Spektrumanalysator.
„Nichts.“
„Nichts?“
„Technisch gesehen.“
„Aber der Fernseher zeigt Bilder.“
„Ja.“
„Dann passiert doch etwas.“
Mertens:
„Offensichtlich.“
DIE BILDER WERDEN INDIVIDUELL
Nun geschah etwas, das niemand erwartet hatte.
Die Tiketaketoker begannen erneut anzurufen.
„Ich sehe Stella!“
„Ich sehe Nicole!“
„Ich sehe Goethe!“
„Ich sehe einen Hund!“
„Ich sehe die Scrollstube.“
„Ich sehe eine Schokoladenfabrik!“
Wellenberg erstarrte.
„Wer sieht die Schokoladenfabrik?“
Eine Stimme:
„Ich!“
„Wo?“
„Im Flugzeug.“
Die acht Kinder sprangen auf.
„WIR WUSSTEN ES!“
Wellenberg:
„Bitte beruhigt euch.“
„DA IST SIE!“
Mertens sah ihn an.
„Damit haben wir jetzt immerhin einen Hinweis.“
Wellenberg:
„Wir haben überhaupt keinen Hinweis.“
DER TÜRSTEHER SIEHT EINE TÜR
Der Türsteher stand plötzlich ganz still.
Wellenberg bemerkte es.
„Was sehen Sie?“
Der Türsteher zeigte auf den Fernseher.
„Eine Tür.“
„Welche?“
„Eine Tür.“
„Ja, aber welche?“
Der Türsteher überlegte.
„Das ist die falsche Frage.“
Wellenberg sah ihn erschrocken an.
„Wo haben Sie das gehört?“
Der Türsteher:
„Von RIEFUNKE.“
Mertens lächelte.
„Jetzt wird es interessant.“
DER BUTLER SIEHT TEE
Der Butler stand vor dem Fernseher.
Auf seinem Bildschirm erschien:
eine Teetasse.
Er nickte.
„Sehr wohl.“
Wellenberg:
„Was sehen Sie?“
„Tee.“
„Nur Tee?“
„Ja.“
„Sonst nichts?“
„Nein.“
Pause.
„Aber sehr guten.“
Wellenberg setzte sich.
DIE ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDER
Die Kinder sahen alle dasselbe.
Eine Wäscheklammer.
Dann eine Antenne.
Dann Nicole.
Dann Stella.
Dann Goethe.
Dann die Schokoladenfabrik.
Dann nichts.
Das kleinste Kind sagte:
„RIEFUNKE sendet nicht für alle dasselbe.“
Wellenberg:
„Das ist korrekt.“
„Warum?“
Wellenberg wollte antworten.
Er konnte nicht.
Das Kind sah ihn an.
„Vielleicht sendet RIEFUNKE das, was man empfangen kann.“
Wellenberg wurde still.
Mertens nahm langsam seinen Spektrumanalysator herunter.
Der Türsteher stellte sein Bier ab.
Der Butler schloss sein schwarzes Buch.
Niemand sagte etwas.
Dann:
KRRRRT.
WELENBERGS ERSTE THEORIE
Wellenberg stand auf.
„Vielleicht ist RIEFUNKE-TV gar kein Fernsehsender im klassischen Sinn.“
Mertens:
„Was dann?“
Wellenberg sah auf die acht Kinder.
„Ein Übertragungssystem.“
„Für Bilder?“
„Für Wahrnehmung.“
Mertens:
„Telepathisches Fernsehen.“
Wellenberg:
„Das würde ich so nicht formulieren.“
Mertens:
„Warum?“
Wellenberg:
„Weil es dafür keinerlei belastbare wissenschaftliche Grundlage gibt.“
Das kleinste Kind:
„Aber es funktioniert.“
Wellenberg sah es an.
Lange.
Dann sagte er:
„Ja.“
DIE NORM-TIKTOKER
Am nächsten Morgen begannen die ersten Videos aufzutauchen.
Ein Norm-Tiktoker sagte:
„Ich habe RIEFUNKE-TV ausprobiert.“
Ein anderer:
„Bei mir kam nur Schnee.“
Ein dritter:
„Ich habe Goethe gesehen.“
Ein vierter:
„Ich habe Nicole Kidman gesehen.“
Ein fünfter:
„Ich habe eine Ente gesehen.“
Dann begann die Diskussion.
Was hatte RIEFUNKE wirklich gesendet?
Die Tiketaketoker antworteten:
„Das ist doch gerade die Frage.“
Ein Norm-Tiktoker:
„Aber was habt ihr denn gesehen?“
Antwort:
„Jeder etwas anderes.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Für euch vielleicht nicht.“
DIE LETZTE SENDUNG
Am Abend saßen die acht Wäscheklammerkinder wieder vor dem Fernseher.
Wellenberg saß daneben.
Mertens stand hinter ihnen.
Der Butler brachte Tee.
Der Türsteher bewachte die Tür.
Nicole und Stella waren nicht da.
Der Bildschirm blieb schwarz.
Eine Minute.
Zwei Minuten.
Drei.
Dann:
KRRRRT.
Ein einziges Bild erschien.
Keine Nicole.
Kein Goethe.
Keine Schokolade.
Keine Ente.
Keine Kornkreise.
Nur ein schwarzer Raum.
Und mitten darin:
eine Tür.
Der Türsteher trat näher.
„Die kenne ich.“
Wellenberg:
„Woher?“
Der Türsteher antwortete nicht.
Die Tür auf dem Bildschirm begann sich langsam zu öffnen.
Die acht Kinder hielten den Atem an.
Mertens griff nach seinem Spektrumanalysator.
Der Butler stellte die Teetasse ab.
Wellenberg flüsterte:
„Was ist dahinter?“
Das kleinste Wäscheklammerkinder lächelte.
„Das ist morgen.“
Der Bildschirm wurde schwarz.
RIEFUNKE-TV – SENDESCHLUSS.
Wellenberg sah auf die Uhr.
20:31 Uhr.
Der Sendeplan lag noch auf dem Tisch.
Er war fast vollständig eingehalten worden.
Fast.
Unter 20:30 Uhr – Ende hatte jemand mit blauer Wachsmalstift geschrieben:
„NEIN.“
Wellenberg nahm den Stift.
Sah die Kinder an.
Dann musste er lachen.
„Gut.“
Die Kinder jubelten.
Der Türsteher öffnete die Tür.
„Scrollstube geschlossen.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Mertens:
„Bis morgen.“
Und draußen über England flog irgendwo ein Flugzeug.
Ganz hinten darin:
eine kleine Kiste.
Weiße Schokolade.
Daneben eine blaue Wäscheklammer.
Vielleicht.
Denn inzwischen wusste niemand mehr genau:
Was sendet RIEFUNKE?
Und noch viel wichtiger:
Wer empfängt eigentlich wen?