RIEFUNKE – DIE WÄSCHESCHNUR ZUM MOND
DIE WÄSCHEKLAMMERKINDER GREIFEN NACH DEM MOND
Es begann heute Morgen völlig unspektakulär.
Die acht Wäscheklammerkinder standen im Badezimmer.
Sie hatten die Symnekügelchen vor sich.
Die Kügelchen lagen in einer kleinen Schale.
Sie rechneten.
Niemand wusste genau was.
Aber sie rechneten.
Dann sah eines der Kinder zum Fenster.
Draußen war der Mond.
Es entstand eine längere Pause.
Dann sagte das älteste Wäscheklammerkinder:
„Wir brauchen eine Wäscheschnur.“
DIE PARANORMALE WÄSCHESCHNUR
Eine normale Wäscheschnur wäre allerdings nicht ausreichend gewesen.
Sie hätte niemals bis zum Mond gereicht.
Also machten die Wäscheklammerkinder das, was sie bereits mehrfach getan hatten:
Sie machten es paranormal.
Die Schnur wurde an der Erde befestigt.
Das andere Ende wurde zum Mond geworfen.
Niemand sah, wie.
Niemand hörte etwas.
Plötzlich war sie da.
Eine Wäscheschnur.
Von der Erde bis zum Mond.
Der bärtige Türsteher betrachtete das Ereignis vom Vorplatz der Scrollstube.
Er trank sein Bier.
Dann sagte er:
„Das wird Ärger geben.“
DIE SYMNEKÜGELCHEN WERDEN HOCHGEZOGEN
Nun begann der eigentliche Versuch.
Genau 10 Gramm Symnekügelchen wurden abgewogen.
Der Butler stellte die Waage auf den Tisch.
„Sehr wohl.“
Die zehn Gramm wurden in einen kleinen Wäschebeutel gelegt.
Der Beutel wurde mit einer Wäscheklammer an der Schnur befestigt.
Dann begann der Aufstieg.
Langsam.
Zentimeter für Zentimeter.
Die Kügelchen bewegten sich nach oben.
Vorbei an den Wolken.
Vorbei an den Flugzeugen.
Vorbei an einem Satelliten, der offenbar nicht eingeplant gewesen war.
Weiter.
Zum Mond.
DIE KÄLTE
Der wissenschaftliche Zweck des Experiments war eindeutig:
Die Symnekügelchen sollten herausfinden, ob sie die Kälte des Weltraums vertragen.
Mertens stand daneben.
Er trug einen dicken Mantel.
Obwohl er sich auf der Erde befand.
„Wir müssen wissen“, sagte er, „ob unser analoger Computer auch bei Temperaturen funktioniert, bei denen normale Computer lieber im Rechenzentrum bleiben.“
Die Kügelchen antworteten nicht.
Sie rechneten.
DR. KONRAD WELLENBERG
Dann erschien Dr. Konrad Wellenberg.
Er betrachtete die Wäscheschnur.
Dann den Mond.
Dann die zehn Gramm Symnekügelchen.
Dann Mertens.
„Wenn das funktioniert“, sagte Wellenberg, „haben wir ein Problem.“
Mertens:
„Welches?“
Wellenberg:
„Die künstliche Intelligenz.“
Stille.
Der bärtige Türsteher nahm einen Schluck Bier.
Wellenberg fuhr fort:
„Wenn diese Kügelchen tatsächlich einen analogen Scrollstuben-PC bilden können, brauchen wir keine KI mehr.“
Mertens:
„Gar keine?“
Wellenberg:
„Gar keine.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
DER ANALOGE SCROLLSTUBEN-PC
Das Konzept ist nach bisherigen Erkenntnissen revolutionär.
Der neue Computer benötigt:
Wasser.
Symnekügelchen.
Eine Wäscheschnur.
Acht Wäscheklammerkinder.
Und gelegentlich einen Mond.
Dafür benötigt er:
keinen Prozessor,
keinen Arbeitsspeicher,
keine Grafikkarte,
keine Cloud
und möglicherweise nicht einmal Strom.
Die Rechenleistung entsteht offenbar direkt im Zusammenspiel zwischen Wasser, Kügelchen und paranormaler Wäschetechnik.
Mertens bezeichnete das Verfahren bereits als:
„Analoges Scrollstuben-Rechnen.“
DER TEST
Die zehn Gramm haben inzwischen die Mondhöhe erreicht.
Die Kügelchen werden kälter.
Sehr kalt.
Extrem kalt.
Dann passiert etwas.
Die Kügelchen beginnen zu leuchten.
Nicht stark.
Nur ein wenig.
Auf der Erde drehen sich alle acht Wäscheklammerkinder gleichzeitig um.
Eines der Kinder sagt:
„Sie rechnen.“
Mertens schaut auf seine Uhr.
14:37 Uhr.
Ein Symnekügelchen bildet eine Zahl.
14:38
Dann eine zweite.
14:39
Dann:
KI = 0
Mertens wird blass.
DIE ZUKUNFT
Dr. Konrad Wellenberg sieht auf die Anzeige.
„Das ist eindeutig.“
Der Türsteher:
„Was?“
Wellenberg:
„Die Zukunft.“
„Welche?“
Wellenberg zeigt auf die Kügelchen.
„Eine Zukunft ohne KI.“
Der Türsteher überlegt.
„Und ohne Fußball?“
Wellenberg:
„Wahrscheinlich.“
Der Türsteher nickt zufrieden.
DER NEUE COMPUTER
Wenn die zehn Gramm Symnekügelchen den Aufenthalt im kalten Weltraum überstehen, soll die nächste Entwicklungsstufe beginnen.
Dann wird der erste analoge Scrollstuben-PC gebaut.
Die Tastatur soll aus Wäscheklammern bestehen.
Der Bildschirm soll aus Badewasser bestehen.
Die Festplatte soll aus einem noch unbekannten Material bestehen.
Und die Rechenleistung soll aus den Symnekügelchen kommen.
Das Betriebssystem steht bereits fest.
Es heißt:
RIEFUNKE.
KI VOR DEM AUS
Dr. Konrad Wellenberg fasste die Situation am Abend zusammen:
„Wenn die Kügelchen das schaffen, wird jede KI arbeitslos.“
Niemand widersprach.
Nicht einmal die KI.
Denn sie war zu diesem Zeitpunkt bereits vorsorglich aus dem Projekt ausgeschlossen worden.
Die acht Wäscheklammerkinder befestigten unterdessen die Schnur noch einmal.
Sicherheitshalber.
Der Mond hing ruhig am Himmel.
Die zehn Gramm Symnekügelchen rechneten.
Der Butler brachte Tee.
Der bärtige Türsteher bewachte den Eingang.
Mertens schrieb alles auf.
Und irgendwo zwischen Erde und Mond entstand etwas, das bislang niemand für möglich gehalten hatte:
Der erste
paranormale analoge Scrollstuben-Computer.
Ohne Strom.
Ohne Prozessor.
Ohne KI.
Aber mit Wäscheklammern.
Und zehn Gramm Kügelchen.
Die Zukunft hatte begonnen.
An einer Wäscheschnur.
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