DAS PROTOKOLL DES MÜLLEIMERS
Es war eigentlich kein besonderer Nachmittag.
Ich wollte nur den Mülleimer der 91-jährigen Nachbarin zur Straße stellen.
Mehr nicht.
Kein TikTok.
Keine Scrollstube.
Keine Antenne.
Kein Butler.
Nur ein Mülleimer.
Ich stand noch im Flur der alten Dame, als plötzlich Julia kam.
Ihre Enkelin.
Sie kam die Treppe hoch, sah mich an und sagte:
„Sie sind ein bekannter Mann unter TikTokern.“
Ich sah Julia an.
Einen Augenblick lang sagte niemand etwas.
Dann sagte ich:
„Hallo Julia.“
Kurze Pause.
„Das frage ich gleich Mertens.“
Julia sah mich an.
Ich sah sie an.
Der Mülleimer stand zwischen uns.
Er sagte nichts.
Was hätte er auch sagen sollen?
Er war schließlich nur ein Mülleimer.
Aber in diesem Moment wusste ich:
Das muss dokumentiert werden.
Nicht weil Julia unbedingt recht haben muss.
Nicht weil ich unbedingt bekannt sein muss.
Sondern weil es plötzlich passiert war.
Ich wollte einen Mülleimer hinausstellen.
Und bekam stattdessen eine Information über meinen Bekanntheitsgrad unter TikTokern.
Das ist ein Unterschied.
Ein erheblicher.
Mertens muss das messen.
Ich ging mit dem Mülleimer nach draußen.
Die Straße war wie immer.
Autos.
Häuser.
Menschen.
Ein ganz normaler Nachmittag.
Nur ich wusste jetzt:
Irgendwo da draußen gibt es offenbar TikToker, die meinen Namen kennen.
Vielleicht vier.
Vielleicht vierhundert.
Vielleicht acht.
Vielleicht weiß es niemand.
Deshalb Mertens.
Ich werde ihn fragen.
Nicht heute.
Vielleicht morgen.
Er braucht wahrscheinlich sein Messgerät.
Und Wellenberg seinen roten Ordner.
Denn so etwas kann man nicht einfach behaupten.
Man muss es dokumentieren.
BEOBACHTUNG:
Eine Enkelin einer 91-jährigen Nachbarin begegnet dem Verfasser im Flur.
AUSSAGE:
„Sie sind ein bekannter Mann unter TikTokern.“
REAKTION DES VERFASSERS:
„Das frage ich gleich Mertens.“
OBJEKTIVE BEGLEITUMSTÄNDE:
Ein Mülleimer war anwesend.
Der Butler war nicht anwesend.
Die acht Wäscheklammerkinder waren ebenfalls nicht anwesend.
Keine Antenne sichtbar.
Keine Scrollstube geöffnet.
Keine Gitarre.
Keine Pfauenfeder.
Kein Schinken.
Dennoch:
Aussage erfolgt.
Das ist bemerkenswert.
Vielleicht sogar sehr bemerkenswert.
Ich stellte den Mülleimer an die Straße.
Dann ging ich zurück.
Und auf dem Weg dachte ich:
Vielleicht ist das genau das, was RIEFUNKE immer gemacht hat.
Man glaubt, es passiert nichts.
Vier Besucher auf der Webseite.
Keine Videos.
Keine großen Zahlen.
Keine Ahnung, wer überhaupt zusieht.
Und dann kommt plötzlich jemand aus einem Treppenhaus und sagt:
„Sie sind ein bekannter Mann unter TikTokern.“
Nicht auf der Bühne.
Nicht im Fernsehen.
Nicht in einem Studio.
Nicht vor einer Kamera.
Im Flur einer 91-jährigen Frau.
Mit einem Mülleimer in der Hand.
Vielleicht ist das die eigentliche Scrollstube.
Vielleicht ist die Welt längst draußen.
Vielleicht braucht man gar keinen Sender.
Vielleicht reicht ein Flur.
Eine Enkelin.
Ein Mülleimer.
Ein Satz.
Und ein Mensch, der nicht weiß, was er darauf antworten soll.
Außer:
„Das frage ich gleich Mertens.“
KRRRRT.
Ich bin gespannt, was er sagt.
Wenn er überhaupt etwas sagt.
Denn vielleicht sitzt Mertens gerade irgendwo,
schaut auf sein Messgerät,
sieht keinen Ausschlag
und schreibt trotzdem:
BEOBACHTUNG BESTÄTIGT.
Darunter:
RIEFUNKE WIRD WAHRGENOMMEN.
Und ganz unten,
mit kleiner Schrift:
MÜLLEIMER WAR ANWESEND.
KRRRRT.
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