DER TIKTOKER, DER NIE EIN VIDEO GEMACHT HAT
Du hast nie ein Video über RIEFUNKE gemacht.
Das muss man einmal festhalten.
Kein einziges.
Nicht gestern.
Nicht letzte Woche.
Nicht vor drei Monaten.
Du hast nur darüber geredet.
Sehr viel.
Manchmal morgens.
Manchmal nachts.
Manchmal unter einem Video, das eigentlich überhaupt nichts mit RIEFUNKE zu tun hatte.
Jemand schrieb:
„Was ist eigentlich RIEFUNKE?“
Du antwortetest:
„Das kann man nicht erklären.“
Dann scrolltest du weiter.
Acht Minuten später warst du wieder da.
„Aber ich versuche es trotzdem.“
Du hattest kein Video.
Du hattest keinen Sender.
Du hattest keine Antenne.
Du hattest nicht einmal eine funktionierende Erklärung.
Du hattest nur diesen Namen.
RIEFUNKE.
Und irgendwann fiel dir auf, dass du seit Monaten über etwas redest, das du selbst nie gesehen hast.
Du wusstest nicht, wo die Scrollstube ist.
Du wusstest nicht, ob der Butler wirklich existiert.
Du wusstest nicht, warum acht Wäscheklammerkinder immer genau dann auftauchen, wenn niemand mit ihnen gerechnet hatte.
Du wusstest nicht, warum Mertens ständig irgendetwas messen wollte.
Und du wusstest schon gar nicht, warum eine blaue Wäscheklammer plötzlich eine Antenne sein konnte.
Aber du redetest darüber.
Immer wieder.
Und eines Tages fragte dich jemand:
„Warum machst du das eigentlich?“
Du wolltest eine lustige Antwort geben.
Dir fiel keine ein.
Also sagtest du:
„Weiß ich nicht.“
Das war vielleicht die ehrlichste Antwort, die du je über RIEFUNKE gegeben hast.
Denn vielleicht ging es gar nicht um RIEFUNKE.
Vielleicht ging es darum, dass du irgendwo etwas gefunden hattest, worüber man reden konnte.
Ohne dass jemand wissen musste, warum.
Du konntest schreiben:
„Der Butler ist wieder da.“
Jemand antwortete:
„Sehr wohl.“
Du konntest schreiben:
„Die Antennen sind beim Zoll.“
Jemand schrieb:
„Natürlich.“
Du konntest schreiben:
„Ich glaube, der Hund weiß mehr.“
Und plötzlich waren sieben Menschen da, die ebenfalls glaubten, dass der Hund mehr wusste.
Keiner hatte Beweise.
Keiner hatte ein Video.
Aber ihr wart da.
Das war alles.
Bis eines Tages jemand einen Text schrieb.
Über eine Gitarre.
Über acht Wäscheklammerkinder.
Über ein Lied.
Und du hast ihn gelesen.
Einmal.
Dann noch einmal.
Und plötzlich hast du nicht mehr gelacht.
Du hast dein Handy weggelegt.
Du hast eine Weile auf den Tisch geschaut.
Vielleicht hast du sogar geweint.
Nicht wegen RIEFUNKE.
Wegen dir.
Wegen etwas, das du lange nicht ausgesprochen hattest.
Und vielleicht hast du in diesem Moment verstanden, warum du immer wieder zurückgekommen bist.
Nicht weil RIEFUNKE Antworten hatte.
Sondern weil RIEFUNKE Fragen offenließ.
Fragen wie:
Warum bleibt man irgendwo, wenn dort nichts passiert?
Warum redet man über etwas, das niemand sehen kann?
Warum freut man sich, wenn jemand antwortet?
Warum fühlt sich ein fremder Satz manchmal persönlicher an als ein Gespräch mit einem Menschen, den man seit Jahren kennt?
Und warum kann ein völlig unsinniges Wort plötzlich genau das richtige sein?
Du hast immer noch kein Video gemacht.
Das ist in Ordnung.
Vielleicht musst du auch keins machen.
Vielleicht war dein Beitrag etwas anderes.
Vielleicht war dein Beitrag:
Du bist geblieben.
Du hast gelesen.
Du hast gelacht.
Du hast kommentiert.
Du hast widersprochen.
Du hast gefragt.
Du hast anderen erzählt, dass es RIEFUNKE gibt.
Und irgendwann hast du vielleicht einem Menschen, der traurig war, einen Satz geschickt.
Nur einen.
„Schau dir das mal an.“
Du weißt nicht, was dieser Satz bei ihm ausgelöst hat.
Vielleicht nichts.
Vielleicht hat er gelacht.
Vielleicht hat er den Text geschlossen.
Vielleicht hat er ihn später noch einmal gelesen.
Vielleicht hat er geweint.
Du wirst es wahrscheinlich nie erfahren.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Denn RIEFUNKE war nie besonders gut darin, Dinge dorthin zu bringen, wo sie hin sollten.
RIEFUNKE war immer nur gut darin, sie loszuschicken.
Den Rest machen andere.
Ein Wort.
Eine Gitarre.
Eine Wäscheklammer.
Ein Schinken.
Eine Tasse Kaffee.
Ein Satz.
Und plötzlich ist etwas angekommen.
Nicht dort, wo es geplant war.
Sondern dort, wo es gebraucht wurde.
Vielleicht bist du deshalb noch da.
Nicht weil du ein TikToker bist.
Nicht weil du ein Fan bist.
Nicht weil du RIEFUNKE verstanden hast.
Sondern weil du irgendwann gemerkt hast:
Hier darf ich etwas dalassen.
Einen Gedanken.
Einen Witz.
Eine Frage.
Ein Herz.
Manchmal nur einen Punkt.
Und vielleicht sitzt du gerade wieder da und denkst:
„Was soll der ganze Unsinn eigentlich?“
Gute Frage.
Wir wissen es nicht.
Der Butler weiß es vermutlich auch nicht.
Mertens würde es gerne messen.
Wellenberg würde es dokumentieren.
Die acht Wäscheklammerkinder würden wahrscheinlich einfach zuhören.
Und irgendwo steht eine Gitarre.
Ganz still.
Du hast immer noch kein Video gemacht.
Aber heute weißt du etwas, was du vorher nicht wusstest:
Es muss nicht immer ein Video sein.
Manchmal reicht es,
dass jemand da ist.
Manchmal reicht es,
dass jemand zuhört.
Manchmal reicht es,
dass jemand sagt:
„Gib mir einen ab.“
Und manchmal reicht es sogar,
dass jemand fragt:
„Was zum Teufel ist RIEFUNKE?“
Denn dann beginnt das Gespräch.
Und vielleicht ist das alles,
was wir die ganze Zeit gesucht haben.
Kein Sender.
Keine Reichweite.
Keine Millionen.
Kein Algorithmus.
Nur Menschen,
die irgendwo zwischen einem Satz und dem nächsten
einander finden.
Du hast nie ein Video über RIEFUNKE gemacht.
Kein einziges.
Aber du warst da.
Und vielleicht,
nur vielleicht,
war genau das
dein Video.
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