Die Forschung beschreibt gerade bei Borges und O'Brien die Verbindung von absurdem Universum, Zeit und seriellen bzw. selbstreferenziellen Strukturen; bei Vonnegut wird ausdrücklich ein selbstbewusstes fiktionales Universum mit wiederkehrenden Figuren und gelegentlichem Auftreten des Autors als Figur beschrieben.
Aber RIEFUNKE verschiebt das Verfahren in eine andere Richtung.
1. Borges: Das Labyrinth
Bei Borges ist das zentrale Prinzip:
Eine Geschichte kann auf eine andere Geschichte verweisen, die wiederum auf die erste verweist.
Der berühmte Borges-Trick ist, dass Text und Welt irgendwann dieselbe Ebene besetzen.
RIEFUNKE macht etwas Ähnliches, aber nicht als einmaliges philosophisches Experiment.
Bei RIEFUNKE wird das Labyrinth fortgesetzt.
Nicole Kidman ist nicht einfach ein absurder Einfall. Sie wird anschließend Bestandteil des Systems: Sie kennt den Türsteher mit Bart; wenn der Bart verschwindet, entsteht daraus ein Kontinuitätsproblem. Goethe kennt ihn ebenfalls nur mit Bart. Mertens kann die Identität technisch untersuchen. Das Problem wird dadurch zum neuen Bestandteil der Welt.
Das ist ein wichtiger Unterschied:
Borges:
Was wäre, wenn Fiktion und Realität ineinanderfallen?
RIEFUNKE:
Okay. Das ist jetzt passiert. Was passiert morgen damit?
Das ist eine serielle Metafiktion.
2. Flann O’Brien: Die absurde Welt nimmt ihre eigene Logik ernst
Hier sehe ich eine sehr starke Verwandtschaft.
Bei O’Brien ist der Irrsinn häufig nicht einfach chaotisch. Er besitzt eine innere Logik, die von den Figuren vollkommen ernst genommen wird.
Genau das macht RIEFUNKE.
Beispiel:
Mertens ist nicht einfach „der verrückte Techniker“.
Er misst.
Wenn der Türsteher plötzlich keinen Bart mehr hat, lautet die Reaktion nicht:
„Haha, der Bart ist weg.“
Sondern:
„Körperlich identisch. Aber historisch problematisch.“
Und plötzlich wird die Frage nach Identität zu einem technischen Untersuchungsgegenstand.
Das ist O'Brien-artig:
Absurdität + bürokratische Ernsthaftigkeit = neue Realität.
3. Vonnegut: Hier wird es besonders interessant
Vonnegut ist vermutlich einer der wichtigsten Vorläufer.
Die Forschung beschreibt bei ihm ausdrücklich:
ein selbstbewusstes fiktionales Universum,
wiederkehrende Figuren,
das gelegentliche Auftreten von „Kurt Vonnegut“ als Figur,
und eine Vermischung von Realität und Fiktion.
Das ist ziemlich nah an deinem ursprünglichen Suchprofil.
Aber RIEFUNKE verändert die Konstruktion.
Bei Vonnegut existiert letztlich noch das Buch als abgeschlossenes Artefakt.
RIEFUNKE dagegen kann theoretisch immer weitergehen:
Text 1
↓
Text 2 erinnert sich an Text 1
↓
Text 3 verändert die Bedeutung von Text 1
↓
Text 4 kommentiert Text 3
↓
Text 5 führt einen neuen Gegenstand ein
↓
Text 100 behandelt diesen Gegenstand wie eine historische Tatsache.
Das bedeutet:
Das Archiv wird selbst zum Gedächtnis der Figur.
Und damit wird die Chronologie der Veröffentlichung Teil der Fiktion.
Das ist etwas anderes als klassische Metafiktion.
4. Bukowski: Das Ich
Bei Bukowski/Chinaski liegt der Schwerpunkt anders.
Henry Chinaski funktioniert als wiederkehrendes Alter Ego. Man kann mehrere Bücher lesen und das Gefühl bekommen:
Das ist immer derselbe Mann, der weitere Episoden seines Lebens erlebt.
Bei RIEFUNKE gibt es dagegen etwas Merkwürdiges.
Das Ich scheint nicht unbedingt das stabilste Element zu sein.
Die stabilsten Elemente sind:
Butler
Mertens
Türsteher
Goethe
Nicole Kidman
RIEFUNKE
KRRRRT
Antenne
Scrollstube
Tiketaketoker.
Das bedeutet:
Die Welt besitzt mehr Kontinuität als die Biografie des Ich-Erzählers.
Das finde ich formal ausgesprochen interessant.
Der klassische autobiografische Autor sagt:
„Ich bin dieselbe Person, die gestern dieses erlebt hat.“
RIEFUNKE sagt eher:
„Diese Welt ist dieselbe Welt, weil sie sich an ihre eigenen Witze erinnert.“
5. Monty Python: Der Running Gag wird zur Ontologie
Hier sehe ich vielleicht die stärkste humoristische Verbindung.
Bei Monty Python kann ein Witz plötzlich eine eigene Existenz entwickeln.
Bei RIEFUNKE wird daraus eine regelrechte Ontologie.
Nehmen wir den Bart.
Er beginnt als banales Merkmal.
Dann:
Bart
↓
Goethe kennt den Türsteher mit Bart.
↓
Nicole Kidman kennt ihn mit Bart.
↓
Was passiert ohne Bart?
↓
Ist er dann noch derselbe Türsteher?
↓
Mertens untersucht die Angelegenheit.
↓
RIEFUNKE reagiert.
↓
Der Bart wird Teil der Geschichte.
Das ist die entscheidende Transformation:
Running Gag → Weltgesetz
Das unterscheidet RIEFUNKE meiner Meinung nach stark vom klassischen Sketch-Humor.
6. Dada: Das Banale wird kosmologisch
Hier würde ich eine kunsthistorische Linie ziehen.
Ein Dadaist kann ein völlig gewöhnliches Objekt aus seinem ursprünglichen Kontext nehmen und ihm eine andere Bedeutung geben.
RIEFUNKE macht etwas Ähnliches, aber über Zeit.
Eine Wäscheklammer kann zunächst nur eine Wäscheklammer sein.
Wenn sie aber in zehn späteren Texten wieder auftaucht, kann sie plötzlich haben:
eine Familiengeschichte,
politische Bedeutung,
technische Eigenschaften,
Kinder,
Sicherheitsfunktion,
Beziehungen zu anderen Gegenständen.
Damit entsteht etwas, das man fast als Lore-Dadaismus bezeichnen könnte.
Das Banale wird nicht nur verfremdet.
Es wird historisiert.
7. Und dann kommt TikTok – und verändert alles
Hier liegt meiner Meinung nach der wirklich neue Teil.
Die klassische Literatur hat normalerweise:
Autor → Werk → Leser
RIEFUNKE kann dagegen funktionieren als:
Autor → Textpost → Leser → Reaktion → nächster Textpost → veränderte Welt
Und die Tiketaketoker sind innerhalb der Fiktion bereits eine Spiegelung dieses Publikums.
Das ist extrem elegant.
Die reale Person liest:
„Nicole Kidman postet.“
Innerhalb der Geschichte lesen die Tiketaketoker ebenfalls:
„Nicole hat ein neues Video.“
Die Figuren schauen also auf dasselbe Medium, das der reale Leser gerade benutzt.
Das ist eine Art doppelte Rezeptionssituation.
Der reale Leser ist Tiketaketoker.
8. Der vielleicht wichtigste Unterschied: RIEFUNKE hat kein „Werk“
Das ist für mich nach der Sichtung der Website der spannendste Punkt.
Die Seite enthält nicht nur diese neuere RIEFUNKE-Erzählwelt, sondern zahlreiche ältere bzw. andersartige Arbeiten, Serien, Wortspiele, Musik-/Audioarbeiten, Netzarbeiten und andere Bereiche.
Dadurch entsteht etwas, das eher einem wachsenden Gesamtwerk entspricht als einem einzelnen Roman.
Und dann passiert etwas Verrücktes:
Das spätere RIEFUNKE-Universum kann anfangen, das frühere Werk zu absorbieren.
Das Werk wird damit gewissermaßen zur eigenen Vergangenheit.
Man könnte das so darstellen:
FRÜHERE KUNST ↓ Archiv ↓ RIEFUNKE ↓ neue Figuren ↓ neue Ereignisse ↓ Rückbezug auf alte Arbeiten ↓ neue Bedeutung des Archivs ↺
Das ist eine selbstexpandierende Erzählwelt.
9. Was daran tatsächlich neu sein könnte
Ich würde vorsichtig sein mit dem Wort „einzigartig“. Die einzelnen Techniken sind nicht neu.
Und gerade die Tatsache, dass RIEFUNKE offenbar nicht als klassischer Video-Creator funktioniert, ist dafür entscheidend.
10. Meine präziseste Bezeichnung dafür
Wenn ich dem Phänomen einen vorläufigen literaturwissenschaftlichen Namen geben müsste, würde ich sagen:
serielle selbstreferenzielle Weltliteratur
oder etwas provokanter:
Lore-Literatur
Denn das zentrale Material ist nicht Handlung.
Das zentrale Material ist bereits vorhandene Bedeutung.
Jeder neue Text fragt gewissermaßen:
„Was können wir mit allem machen, was bereits passiert ist?“
Das ist eine andere Schreibweise als beim klassischen Roman.
Und hier liegt meines Erachtens der spannendste Punkt
Bei Borges fragt man:
Was ist Realität?
Bei Vonnegut:
Was ist Geschichte und was ist Fiktion?
Bei O'Brien:
Was passiert, wenn die fiktionale Welt ihre eigene absurde Logik entwickelt?
Bei Bukowski:
Wie weit kann der Autor sein eigenes Alter Ego werden?
Bei Monty Python:
Was passiert, wenn ein Witz nicht aufhört?
Bei RIEFUNKE lautet die Frage eher:
Was passiert, wenn ein Witz niemals gelöscht wird?
Und das ist durch das Internet etwas fundamental anderes.
Ein alter Running Gag muss nicht verschwinden. Er bleibt abrufbar. Ein neuer Text kann ihn Monate später wiederbeleben. Dadurch bekommt Absurdität ein Gedächtnis.
Und genau dieses Gedächtnis scheint mir das eigentliche literarische Experiment von RIEFUNKE zu sein.