DIE THEORIE DER LITERARISCHEN OSMOSE
Eine Untersuchung zur Durchlässigkeit literarischer Systeme
Zusammenfassung
Literarische Texte werden gewöhnlich als voneinander unterscheidbare Einheiten betrachtet. Ein Text besitzt einen Autor, einen Entstehungszeitpunkt und einen materiellen oder digitalen Träger. Seine Rezeption wird demgegenüber als nachgelagerter Vorgang verstanden.
Die vorliegende Theorie schlägt eine andere Betrachtungsweise vor.
Sie geht davon aus, dass zwischen Texten keine vollständige Trennung besteht. Literarische Einheiten können durch ihre Rezeption Elemente aufnehmen, verändern und an andere Texte weitergeben. Dieser Vorgang wird hier als literarische Osmose bezeichnet.
Unter literarischer Osmose ist dabei nicht die bloße Übernahme eines Zitats, eines Motivs oder einer bewussten Anspielung zu verstehen. Gemeint ist ein Prozess, bei dem sprachliche, strukturelle oder semantische Eigenschaften eines Textes in einen anderen Text übertreten, ohne dass dieser Übertritt notwendigerweise geplant, erkannt oder vollständig rekonstruierbar sein muss.
Der Text wird dadurch nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als durchlässige literarische Membran verstanden.
1. Ausgangspunkt
Ein Text endet physisch dort, wo seine Zeichenfolge endet.
Seine Wirkung endet dort nicht.
Ein gelesener Satz kann eine Erinnerung verändern. Eine Metapher kann in einem späteren Text wieder auftauchen. Eine ungewöhnliche Formulierung kann übernommen werden, obwohl ihre Herkunft vergessen wurde. Eine Struktur kann reproduziert werden, ohne dass der reproduzierende Autor die ursprüngliche Struktur bewusst wahrnimmt.
Damit entsteht eine Schwierigkeit:
Wenn ein Element einen Text verlässt und in einem anderen Text weiterexistiert, ist nicht mehr eindeutig feststellbar, welchem Text dieses Element zuzurechnen ist.
Die traditionelle Vorstellung eines Textes als abgeschlossener Einheit beschreibt diesen Vorgang nur unvollständig.
Die Theorie der literarischen Osmose setzt an genau diesem Punkt an.
2. Die literarische Membran
Jeder Text besitzt eine literarische Membran.
Diese Membran ist nicht materiell. Sie bezeichnet die Grenze zwischen dem bereits im Text vorhandenen Material und dem Material, das aus anderen Texten, Erinnerungen, Wahrnehmungen oder sprachlichen Zusammenhängen in ihn eintritt.
Die Membran besitzt drei Eigenschaften:
Durchlässigkeit:
Bestimmte Elemente können in einen Text eintreten.
Retention:
Eingetretene Elemente können innerhalb des Textes erhalten bleiben.
Transformation:
Ein übergetretenes Element kann seine Bedeutung verändern, sobald es in einen neuen Zusammenhang gelangt.
Damit ist literarische Osmose nicht mit Kopieren gleichzusetzen.
Ein kopiertes Element bleibt seinem Ursprung verhältnismäßig nah.
Ein osmotisch übergetretenes Element kann dagegen seinen Ursprung verlieren.
3. Was kann übertreten?
Der Übertritt beschränkt sich nicht auf Wörter.
Mindestens fünf unterschiedliche Elementtypen sind unterscheidbar:
-
Lexikalische Elemente – einzelne Wörter oder ungewöhnliche Formulierungen.
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Semantische Elemente – Bedeutungen, Vorstellungen oder Begriffsverknüpfungen.
-
Strukturelle Elemente – Erzählmuster, Wiederholungen oder formale Verfahren.
-
Figurative Elemente – Bilder, Metaphern oder gedankliche Modelle.
-
Rhythmische Elemente – charakteristische Abfolgen, Wiederholungsformen oder sprachliche Bewegungen.
Entscheidend ist dabei, dass der Übertritt nicht notwendigerweise bewusst erfolgen muss.
Ein Leser kann ein Element aufnehmen, ohne es als fremdes Element zu erkennen.
4. Der entscheidende Unterschied zur Intertextualität
Literarische Osmose ist nicht identisch mit Intertextualität.
Intertextualität beschreibt die Beziehung eines Textes zu anderen Texten.
Literarische Osmose beschreibt dagegen den Prozess der Übertragung.
Die Unterscheidung lässt sich vereinfacht so formulieren:
Intertextualität fragt:
Auf welchen anderen Text verweist dieser Text?
Literarische Osmose fragt:
Was ist aus einem anderen Text in diesen Text übergetreten?
Ein Text kann daher osmotisch von einem anderen Text beeinflusst sein, ohne auf ihn zu verweisen.
Gerade dort beginnt der theoretisch interessante Bereich.
5. Das Problem der Herkunft
Die klassische Zuschreibung eines Gedankens setzt voraus, dass seine Herkunft bestimmbar ist.
Bei osmotischen Prozessen kann diese Voraussetzung zusammenbrechen.
Nimmt ein Autor eine Formulierung auf, erinnert sich jedoch nicht mehr daran, woher sie stammt, besitzt die Formulierung weiterhin eine Herkunft, aber keine für den Autor verfügbare Herkunftsgeschichte.
Damit entstehen zwei verschiedene Kategorien:
historische Herkunft
und
erkennbare Herkunft.
Beide können auseinanderfallen.
Ein Element kann historisch aus Text A stammen, während es für den Autor von Text B als eigener Gedanke erscheint.
Die literarische Osmose beginnt dort, wo diese Differenz relevant wird.
6. Der Leser als Übertragungsmedium
Der Leser ist innerhalb dieses Modells nicht lediglich Empfänger.
Er kann zum Transmissionsraum werden.
Der Vorgang lässt sich schematisch darstellen:
Text A → Leser → Gedächtnis → neuer Schreibprozess → Text B
Zwischen Text A und Text B existiert dann keine direkte Kopierbeziehung.
Der Leser bildet eine Zwischenzone.
Das übertragene Material kann dort verändert, verkürzt, erweitert oder mit anderem Material verbunden werden.
Der Leser ist somit weder ausschließlich Rezipient noch ausschließlich Produzent.
Er ist Membran.
7. Die zeitliche Eigenschaft
Literarische Osmose ist nicht zwingend unmittelbar.
Zwischen Aufnahme und Wiedererscheinen eines Elements können Tage, Jahre oder Jahrzehnte liegen.
Daraus folgt:
Die Zeitspanne zwischen zwei Texten ist kein zuverlässiges Maß für die Stärke ihrer Verbindung.
Ein Element kann unmittelbar übernommen werden.
Es kann aber ebenso lange im Gedächtnis verbleiben und erst später wieder erscheinen.
Das macht die Rekonstruktion osmotischer Prozesse grundsätzlich unsicher.
8. Rückwirkende Veränderung
Ein besonders wichtiger Sonderfall entsteht, wenn ein späterer Text die Wahrnehmung eines früheren Textes verändert.
Dabei verändert sich nicht der ursprüngliche Text materiell.
Verändert wird seine Position im Bedeutungsraum des Lesers.
Ein später entstandener Text kann dadurch frühere Texte nachträglich anders lesbar machen.
Die literarische Osmose besitzt somit eine asymmetrische Zeitstruktur:
Der spätere Text entsteht aus dem früheren Text.
Gleichzeitig kann der spätere Text die Bedeutung des früheren Textes verändern.
Damit entsteht ein Rückkopplungseffekt:
A → B → veränderte Wahrnehmung von A
Der Vorgang kann anschließend erneut beginnen.
9. Das osmotische Netzwerk
Bei wiederholter Rezeption entsteht kein lineares System mehr.
Es entsteht ein Netzwerk.
Ein Element kann aus Text A in Text B gelangen, von dort in Text C und anschließend – verändert – wieder in Text A oder einen weiteren Text zurückkehren.
Damit wird Literatur nicht mehr als Abfolge isolierter Werke modelliert, sondern als dynamisches System von Übertragungen.
Ein vereinfachtes Modell lautet:
A → B → C
wird unter Bedingungen fortgesetzter Rezeption zu:
A → B → C → A'
wobei A' nicht mit A identisch ist.
A' bezeichnet denselben ursprünglichen Text nach einer veränderten Rezeptionsgeschichte.
10. Die Grenze der Kontrolle
Der Autor kontrolliert den Schreibprozess.
Er kontrolliert jedoch nicht vollständig die osmotischen Vorgänge, die aus früheren Lektüren, Erinnerungen und sprachlichen Begegnungen hervorgegangen sind.
Das bedeutet nicht, dass Autorschaft aufgehoben wird.
Es bedeutet lediglich, dass Autorschaft nicht mit vollständiger Herkunftskontrolle gleichgesetzt werden kann.
Ein Autor kann entscheiden, was er schreibt.
Er kann nicht mit Sicherheit entscheiden, woher jedes Element stammt, das ihn zum Schreiben dieses Textes befähigt hat.
Darin liegt die grundsätzliche Offenheit des Systems.
11. Die kleinste Einheit der literarischen Osmose
Die kleinste osmotische Einheit ist nicht notwendig das Wort.
Sie kann kleiner oder größer sein.
Ein einzelner Klang, eine syntaktische Bewegung oder eine Denkfigur kann ebenso übertragen werden wie eine ganze narrative Struktur.
Die kleinste Einheit ist deshalb funktional zu definieren:
Eine osmotische Einheit ist jedes Element, dessen Auftreten in einem neuen literarischen Zusammenhang durch vorherige Rezeption mitbedingt sein kann.
Damit bleibt die Theorie unabhängig von einer bestimmten Textsorte.
Sie gilt für Roman, Gedicht, Brief, Tagebuch, Drehbuch, digitalen Text und serielle Publikationsformen gleichermaßen.
12. Die zentrale These
Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich die zentrale These:
Literarische Texte sind nicht vollständig voneinander abgeschlossene Systeme. Sie sind semipermeable Systeme, zwischen denen durch Rezeption und Produktion kontinuierlich Elemente übertragen werden.
Der Text ist deshalb nicht ausschließlich das Ergebnis eines Schreibaktes.
Er ist zugleich ein Zwischenzustand innerhalb einer Kette von Übertragungen.
Ein Text kann etwas aufnehmen.
Er kann etwas zurücklassen.
Und er kann etwas verändern, das später in einem anderen Text wieder auftaucht.
13. Schluss
Die literarische Osmose ersetzt die Vorstellung des abgeschlossenen Werkes nicht.
Sie ergänzt sie.
Ein Text besitzt weiterhin einen Anfang und ein Ende, eine materielle Gestalt und eine historische Entstehung.
Aber seine literarische Existenz endet nicht an seiner letzten Zeile.
Sie setzt sich in den Menschen fort, die ihn lesen.
Und dort kann etwas geschehen, das weder vollständig dem ursprünglichen Text noch vollständig dem neuen Text zugerechnet werden kann:
Ein Teil des einen Textes wird Bestandteil des anderen.
Nicht als Zitat.
Nicht notwendigerweise als Erinnerung.
Nicht zwingend als bewusste Anspielung.
Sondern als Veränderung.
Der Text wird durchlässig.
Der Leser wird zur Membran.
Der nächste Text wird zum neuen Medium.
Und irgendwann ist die Frage nach dem ursprünglichen Besitzer eines Gedankens nicht mehr eindeutig beantwortbar.
Das ist literarische Osmose.
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