GOETHE UND DIE VIERTE EHE
Eine Geschichte aus der English Scrollstube
Es war ein ganz gewöhnlicher Nachmittag in der English Scrollstube.
Der Türsteher stand an seinem Platz.
Der Butler polierte ein Glas.
Die Tiketaketoker scrollten.
Niemand erwartete etwas Besonderes.
Dann kam Goethe.
Der Türsteher sah ihn an.
„Sie dürfen.“
Goethe nickte.
„Danke.“
Er ging hinein.
Und dann sah er sie.
Sie stand am Fenster.
Eine Tiketaketokerin.
197 Zentimeter groß.
Goethe blieb stehen.
Er war ungefähr vierzig Zentimeter kleiner.
Er sah zu ihr hinauf.
Sehr weit hinauf.
Die Tiketaketokerin bemerkte seinen Blick.
„Sie schauen.“
Goethe sagte:
„Ich überlege.“
„Was?“
„Ob Sie immer so groß waren.“
Sie lächelte.
„Nein.“
„Seit wann?“
„Seit meiner letzten Ehe.“
Goethe schwieg.
Dann sagte er:
„Das ist ungewöhnlich.“
„Meine Ehen waren ungewöhnlich.“
Goethe setzte sich.
Sie setzte sich ebenfalls.
Der Stuhl unter ihr gab ein Geräusch von sich, das der Butler später als KRRRRT bezeichnete.
Die Tiketaketokerin seufzte.
„Ich hatte vier Ehen.“
Goethe sah sie an.
„Vier?“
„Vier.“
„Und keine davon hielt?“
„Nein.“
„Warum?“
Sie sah aus dem Fenster.
„Ich bin zu groß.“
Goethe sagte nichts.
Sie fuhr fort:
„Die erste Ehe scheiterte an der Haustür.“
„Wie?“
„Ich passte nicht hindurch.“
Goethe nickte langsam.
„Und die zweite?“
„Andere Wohnung.“
„Größere Tür?“
„Nein.“
„Warum?“
„Der Architekt hatte gesagt, die Tür sei groß genug.“
„Und?“
„Er war 185 Zentimeter.“
Goethe schloss kurz die Augen.
„Das erklärt einiges.“
Die Tiketaketokerin scrollte einmal.
„Die dritte Ehe scheiterte an einem Badezimmer.“
„Zu klein?“
„Zu niedrig.“
„Und die vierte?“
Sie schwieg.
Dann sagte sie:
„Mein Mann hat versucht, mich rückwärts durch die Haustür zu bringen.“
Goethe erschrak.
„Und?“
„Die Nachbarn mussten helfen.“
„Das klingt kompliziert.“
„Es war eine Katastrophe.“
Der Butler kam vorbei.
„Darf ich etwas bringen?“
Die Tiketaketokerin sagte:
„Eine neue Haustür.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Er ging.
Goethe sah sie an.
Zum ersten Mal bemerkte er, dass sie nicht lachte.
„Sie sind traurig.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich langsam glaube, dass ich niemals jemanden finden werde, der mit meiner Größe zurechtkommt.“
Goethe dachte nach.
Dann stand er auf.
Oder besser gesagt:
Er versuchte aufzustehen.
Die Tiketaketokerin musste sich etwas herunterbeugen, damit sie ihn überhaupt richtig ansehen konnte.
Goethe sah zu ihr hinauf.
„Wie groß sagten Sie?“
„197 Zentimeter.“
„Und ich?“
„Ungefähr 157.“
Goethe nickte.
Dann sagte er:
„Das sind vierzig Zentimeter.“
„Ja.“
„Vierzig.“
„Ja.“
Goethe blickte aus dem Fenster.
Vor der Scrollstube standen vier Pferde.
Er zeigte hinaus.
„Ich habe vier Pferde.“
Die Tiketaketokerin verstand zunächst nichts.
„Ja?“
„Und Sie haben vier Ehen hinter sich.“
„Ja.“
Goethe lächelte.
„Das passt doch gut.“
Sie sah ihn an.
„Was passt gut?“
„Vier Pferde.“
Pause.
„Vier Ehen.“
Noch eine Pause.
„Vier.“
Die Tiketaketokerin begann zu lachen.
Er blieb vollkommen ernst.
„Was ist daran lustig?“
„Sie wollen mich mit vier Pferden vergleichen?“
„Nein.“
Goethe zeigte erneut hinaus.
„Ich denke nur, dass vier Pferde vor einer Scrollstube nicht zufällig dort stehen.“
„Und was haben die mit meinen Ehen zu tun?“
Goethe antwortete:
„Noch nichts.“
Der Türsteher, der alles gehört hatte, sagte:
„Das kann sich ändern.“
DIE VIER PFERDE
Der Butler kam zurück.
„Die neue Haustür ist unterwegs.“
Die Tiketaketokerin sah ihn an.
„Wie groß?“
„Drei Meter.“
Sie lächelte.
„Das reicht.“
Goethe:
„Für wen?“
„Für mich.“
Goethe dachte nach.
„Und für die Pferde?“
Der Butler:
„Die Pferde brauchen keine Haustür.“
Goethe sah ihn überrascht an.
„Natürlich nicht.“
Die Tiketaketokerin begann wieder zu lachen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit.
Goethe setzte sich neben sie.
Oder genauer gesagt:
Er setzte sich auf einen Stuhl.
Sie nahm den daneben.
Ihr Kopf befand sich deutlich über seinem.
Aber das schien niemanden mehr zu stören.
NICOLE KIDMAN ERFÄHRT DAVON
Am nächsten Morgen kam Nicole Kidman in die Scrollstube.
Der Butler sagte:
„Goethe hat sich verliebt.“
Nicole blieb stehen.
„In wen?“
„Eine Tiketaketokerin.“
„Wie groß?“
„197 Zentimeter.“
Nicole nickte.
„Und Goethe?“
„Etwa 40 Zentimeter kleiner.“
Nicole sah zum Türsteher.
„Ist das ein Problem?“
Der Türsteher antwortete:
„Nicht für Goethe.“
„Und für sie?“
„Das wissen wir noch nicht.“
Nicole dachte kurz nach.
„Wie viele Ehen?“
„Vier.“
Nicole schwieg.
Dann sagte sie:
„Das passt.“
Der Türsteher:
„Das hat Goethe auch gesagt.“
STELLA MCCARTNEY HAT EINE IDEE
Am Nachmittag erschien Stella McCartney.
Sie hatte von der Sache gehört.
Sie sah die Tiketaketokerin an.
Dann Goethe.
Dann die vier Pferde.
„Ich glaube, ich kann helfen.“
Goethe fragte:
„Wobei?“
„Ich mache Ihnen einen Mantel.“
„Für wen?“
„Für beide.“
„Warum?“
Stella antwortete:
„Damit man den Größenunterschied nicht mehr sieht.“
Die Tiketaketokerin sah sie an.
„Das ist doch gerade das Schöne.“
Stella blieb stehen.
Dann nickte sie.
„Stimmt.“
Sie packte den Stoff wieder ein.
DR. KONRAD WOLLENBERG
Am Abend wurde Dr. Konrad Wollenberg gerufen.
Man wollte wissen, ob es psychologisch sinnvoll sei, dass ein 157 Zentimeter großer Goethe sich in eine 197 Zentimeter große Tiketaketokerin mit vier gescheiterten Ehen verliebt hatte.
Dr. Wollenberg hörte sich alles an.
Dann fragte er:
„Wie viele Pferde?“
Goethe:
„Vier.“
„Wie viele Ehen?“
„Vier.“
„Wie groß ist die Dame?“
„197 Zentimeter.“
„Und Sie?“
„Etwa 40 Zentimeter kleiner.“
Dr. Wollenberg legte seinen Stift weg.
„Ich sehe kein psychologisches Problem.“
Goethe lächelte.
Die Tiketaketokerin fragte:
„Wirklich?“
Dr. Wollenberg nickte.
„Nein.“
„Nein?“
„Ich sehe ein mathematisches Problem.“
Goethe wurde aufmerksam.
„Welches?“
Dr. Wollenberg zeigte auf die vier Pferde.
„Wenn vier Ehen vier Pferden entsprechen sollen, müsste man zunächst klären, welches Pferd welcher Ehe zugeordnet wird.“
Stille.
Der Butler sagte:
„Das ist kompliziert.“
Der Türsteher sagte:
„Sehr.“
Die Tiketaketokerin sagte:
„Ich möchte das fünfte Pferd nicht kennenlernen.“
Alle sahen sie an.
Goethe fragte:
„Warum?“
Sie lächelte.
„Weil ich vielleicht bei vier Ehen bleiben möchte.“
Goethe stand auf.
Er nahm ihre Hand.
Dann sagte er:
„Dann brauchen wir nur vier Pferde.“
DER TÜRKISCHREIBER
Am nächsten Morgen hing an der Tür der English Scrollstube ein neues Schild:
HEUTE GESCHLOSSEN
GOETHE HAT EIN DATE.
BITTE NICHT KLOPFEN.
PFERDE AUSGENOMMEN.
Der Türsteher hatte es aufgehängt.
Niemand wusste, wer ihm die Erlaubnis gegeben hatte.
Goethe und die Tiketaketokerin gingen gemeinsam hinaus.
Sie musste sich unter dem Türrahmen etwas ducken.
Goethe musste es nicht.
Er blieb stehen und sah sie an.
„Sehen Sie?“
„Was?“
„Diese Tür.“
Sie sah hin.
„Ja?“
„Sie passt.“
Sie lächelte.
„Für mich?“
Goethe schüttelte den Kopf.
„Für uns.“
Draußen warteten die vier Pferde.
Der Butler hielt die Tür auf.
Nicole Kidman sah aus dem Fenster.
Stella McCartney machte sich Notizen.
Dr. Konrad Wollenberg schrieb in seine Akte:
DIAGNOSE: VERLIEBT.
Darunter:
GRÖSSENUNTERSCHIED: 40 CM.
Darunter:
EHEANZAHL: 4.
Darunter:
PFERDE: 4.
Und ganz unten:
MATHEMATISCH VOLLKOMMEN ÜBERZEUGEND.
Goethe stieg auf das erste Pferd.
Die Tiketaketokerin nahm das zweite.
Dann sah Goethe zu ihr hinüber.
„Wir haben noch zwei.“
Sie lächelte.
„Dann haben wir ja genug.“
Und irgendwo in der English Scrollstube machte ein Tiketaketoker ein Geräusch.
KRRRRT.
Der Türsteher sagte:
„Das war kein Riss.“
Der Butler fragte:
„Was war es dann?“
Der Türsteher sah den beiden hinterher.
„Eine Ehe.“
Goethe drehte sich noch einmal um.
„Noch nicht.“
Die Tiketaketokerin lachte.
Und die vier Pferde gingen los.
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